Retrospektive: Transnistrien

Ich vertexte hier die Notizen zu einer meiner bemerkenswertesten Reisen der letzten Jahre. Ich habe bisher nur ein paar unkommentierte Bilder davon ins Internet gepolkt, weil die Reise zu einer Zeit stattfand, in der ich wenig Lust auf Schreiben hatte, auch insgesamt über knapp zwei Jahre hinweg wenig geschrieben habe, und das auch nur auf einem alten, längst schon wieder gelöschten Blog mit irgendwas um die zehn bis zwölf festen Lesern, von denen die eine Hälfte aus meinen versoffenen Kumpels und die andere Hälfte vermutlich nur aus Bots bestanden.

Transnistrien heißt in der Landessprache Pridnestrovie, ist kulturell und sprachlich russisch positioniert, hat sich nach einem Bürgerkrieg in den Wirren nach dem Zusammenbruch des Ostblocks von der Sowjetrepublik Moldau abgespalten, ist seitdem international abseits von nicht weniger skurrilen Abspaltstaaten wie Abchasien, Südossetien und der Republik Kugelmugel nicht anerkannt und ich habe überhaupt keine Lust, hier jede Menge tonnenschweres Wikipediawissen widerzukäuen, das können Sie selber dort lesen, wenn Sie mögen.

Wichtig für das Verständnis, warum mich die Reise gereizt hat, ist, dass das Auswärtige Amt vor Reisen nach Transnistrien warnt, weil es ein unberechenbarer, kleiner, absurder Operettenstaat ist, in dem keine konsularische Betreuung gewährleistet ist und man da einfach verschwinden könne. Klingt nach Abenteuer und ich wollte deshalb da hin. Weil ich das immer so mache. Jemand sagt ich soll etwas nicht machen, also muss ich das einfach tun. Nach Transnistrien in den Urlaub fahren. Mit Kind immer gerne Mallotze mit Pool und Kinderclub im Idiotenhotel, für mich alleine gerne sowas krankes.

Auf die Idee gekommen bin ich durch einen Artikel in der Zeit (als zeit.de noch lesenswert und kein intersektionales Kampfportal war). Sie schrieben damals, dass die Sowjetunion dort noch weiterleben würde. Wie früher. Als alter hängengebliebener Ostblockrest. Polizeistaat. Paraden. Staatssicherheit. Quasi ein fieser Betonkommunismus mit Hämmern, Sicheln und vielen monumentalen Lenins in den Stadtbildern. Grusel Grusel.

Realisiert habe ich die Reise 2018, was eine Zeit war, in der ich fast nur unterwegs war, meistens in Osteuropa, womit ich das meiste des verdienten Gelds der vorigen Jahre auf den Kopf gehauen, Zerrissenes geflickt und verbliebene Wunden genäht habe. Es war die Zeit der Diagnose. Des Abbruchs. Und der Flucht. Des Verdrängens. Der Neuausrichtung. Und schließlich Annehmens aller Dinge, die ich vorher bekämpft habe. Eine klassische Umbruchphase. Vielleicht kennen Sie das ja. Und vielleicht erzähle ich das irgendwann mal. Irgendwem außer dem Therapeuten. Wenn der Abstand groß genug und noch mehr als eh schon egal geworden ist. Oder ich erzähle es nicht. Man muss ja nicht immer alles erzählen.

Ich habe die Notizen zu Transnistrien seit nun guten drei Jahren bei Google unbenutzt rumliegen lassen und wollte sie immer mal ordentlich ausformulieren. Einfach als Erinnerung an dieses unstete Jahr und vor allem diese eine Woche. Um das später mit Krückstock im Schaukelstuhl kurz vor der gnädigen Demenz alles nochmal lesen zu können. Weil Anekdoten ja auch verfliegen können, wenn man älter und dümmer wird, und sie bei mir jetzt schon verdämmern und versanden, wenn ich sie nicht endlich aufschreibe. Deshalb mache ich das jetzt. Ich schreibe das alles ordentlich auf.

Wenn Sie ausufernde Reiseberichte nicht mögen, dann skippen Sie bloß schnell weg, denn es wird ein Reisebericht. Und zwar ein langer. Ein sehr langer. Mit Sicherheit der längste Text, den ich je geschrieben habe und denkbar unpassend zu allem anderen Mist, den ich sonst so schreibe, aber wen juckt’s. My castle, my crap. Go:

  1. Intro: Republik Moldau
  2. Interlude: Überlandfahrt
  3. Rîbnița
  4. Dubăsari
  5. Tiraspol
  6. Bender
  7. Outro: Odessa

1. Intro: Republik Moldau

Die Straßen des Armenhauses namens Republik Moldau sind außerhalb der repräsentativen Prachtalleen beschissen. In Chişinău, aber auch außerhalb. Aber ich komme aus Berlin, es schockt mich also nicht. Wir sind bei uns nah dran. Die Prachtalleen im Regierungsviertelraumschiff super, der Rest möök. Fahren Sie mal durch Pankow-Rosenthal. So schlechte Straßen gibt es in ganz Moldau nicht.

Dafür ist das Internet in Moldau verglichen mit Deutschland sensationell gut. Ich habe für 20 Euro einen Wifi-Dongel gemietet, der sich in die moldauischen Mobilfunkmasten einklinkt und immer vollen Ausschlag hat. LTE. Auf dem plattesten Land der moldauischen Provinz. Um mich herum nur Felder. Kühe. Staub. Verfallene Baracken. Bauernkinder mit zerfetzten Filzpantoffeln. Aber feinstes LTE. Unterbrechungslos schnell. So dass die Verbindung mit meinem Kind und den paar Honkis, die sich dafür interessieren, wo ich gerade bin, aufrecht erhalten bleibt. Unnötig zu sagen, dass der Dongel kein Datenlimit hat, sondern Feuer frei. No limit. We’ll reach for the sky. Wir sind ja nicht in Deutschland, wo mir schon in Brandenburg hinter Bernau das Smartphone auf E umschaltet und nichts mehr durch geht, nicht mal ein blödes Meme im Gruppenchat. Für 49,90 im Monat für die 6 GB Datenvolumen. Danach die Drossel.

Die Frau, in deren Absteige ich in Chişinău übernachte, ist eine Karikatur. Warzig. Aufgedunsen. Fettschürze. Fleckiges rosa Blumenkleid. Löchrige Socken in zerschlissenen Pantoffeln. Immer eine Kippe im Maul. Fehlen nur noch Lockenwickler. Sowas haben wir in Deutschland nur noch in Reportagen über die Reeperbahn der 70er. Den Ruhrpott der 80er. Oder Berlin-Marzahn der 90er.

Sie kann zwar Englisch, was ich weiß, weil sie es am Telefon dauerbegeistert tut, aber mit mir spricht sie nicht. Weder Englisch noch sonst irgendwas. Nur Achselzucken. Das geht klar. Manchmal mögen sich Menschen einfach nicht. Sie und ich kommen damit zurecht und gehen uns aus dem Weg. Ich zahle und darf dort pennen. Ohne Extras. Und trotz der beiderseitigen Abneigung haben wir keinen Stress. Sie nervt nicht und ich nerve auch nicht. Wenn das mit allen Leuten so wäre, die mich nicht mögen (und die ich nicht mag), wäre das schön.

Mein erster Weg führt mich zum nahen Basar. Ich mag Basare. Wenn ich im arabischen Raum bin, verbringe ich Stunden über Stunden über Stunden auf solchen Basaren. Und atme Gewusel. Die Hitze. Das Rufen. Die fremde Sprache. Die überbordenden Waren. Das erschlagende Angebot. Die Gerüche. Gewürze. Zeug. Tand. Krams. Die ausgeweideten Tiere, die an obszönen Haken ungekühlt von der Fleischerdecke hängen.

Ich kaufe auf dem Basar massenhaft Obst und Gemüse, das so viel besser schmeckt als der Mist, den ich sonst bei Lidl oder Rewe (nie Edeka) kaufe. Besser auch als der teure wurzelige Kram aus dem Bioladen. Wieso bekommen wir bei uns nicht flächendeckend auf Basaren solches Obst in dieser Güte? Und solches Gemüse? Was machen wir falsch? Und die Moldauer richtig? Wieso kriegen wir das nicht hin? Woran liegt’s? Ich verstehe es nicht.

Es ist irgendein Feiertag. Überall fahren Moldauer mit Fahrrädern durch die Stadt und schwenken ihre Fahnen. Moldauische und russische. Einmal fährt ein ganzer Korso an mir vorbei. Der Parolen ruft, die mir verborgen bleiben. Ich kann kein Rumänisch, auch wenn ich mir beim Lesen manchmal etwas aus dem Französischen ableiten kann, bin ich von Verständnis weit weg. Aber das ist kein Problem. Jeder unter 40 spricht fließend Englisch. In der moldauischen Hauptstadt.

Nur was an diesem Tag gefeiert wird, habe ich nicht herausfinden können. Nicht mal bei Google.

Als ich in einer der zahllosen orthodoxen Kirchen bin und endlich mal nichts denke, findet gerade ein bizarrer Gottesdienst statt. Ältere Frauen klagen laut. Wimmern. Jammern. Zünden Kerzen an. Verbeugen sich hin und her und hin und her und rufen wieder. Klagen. Schaukeln sich hoch. Wellenartig. Es sind mindestens 30 Leute in dieser vergleichsweise kleinen Kirche und es ist okay, dass ich auch da bin, eine Kerze anzünde und einfach nur schaue, ohne so offensichtlich einer von ihnen zu sein.

Das Schauspiel geht eine Weile, bis zwei Touristen kommen und die Betenden mit ihren Smartphones knipsen, sie danach abfilmen und nicht aufhören. Aufdringlich sind. Nerven. Keinen Respekt haben. Und es sind auch noch Deutsche. Sie sind mir peinlich. Der Respekt wieder. Immer fehlt es interkulturell an Respekt. Am Sich auch mal zurücknehmen können. In dem Moment höre auch ich auf, still zuzuschauen, sondern gehe. Weil mir klar wird, dass auch ich störe.


2. Interlude: Überlandfahrt

In einem Nest namens Rîșcani irgendwo im Norden von Moldau übernachte ich in einem schmucklosen Barackenbau an einer lauten staubigen Hauptstraße nicht weit von der einzigen Tankstelle der Gegend. Um mich herum nichts. Nur Baracken. Garagen. Kühe. Katzen. Felder. Ein brüchiger Wasserturm. Klapprige Verschläge. Straßenstaub. Die Tankstelle. Und eines der räudigsten Scheißhäuser dieser Welt.

Ich trinke Bier.

Irgendeinen vergorenen Likör.

Und Schnaps.

Dachte ich tagsüber noch, dass ich der einzige Gast hier bin (und zwar der einzige Gast der letzten zehn Jahre), wird es abends voll in der Baracke. Ich komme mit dem Besitzer des Schuppens ins Gespräch. Das alles sind Wanderarbeiter, von denen ich locker 30 zähle. Für die Felder. Aus dem Süden der Ukraine. Weil die billig sind. Hier in Moldau.

Er schenkt mir einen Trester ein. Der so gut ist, dass ich die ganze Flasche kaufe. Die umgerechnet 2 Euro kostet.

Relationen.

Ich biete einem Ukrainer, der verlassen vor sich hin sinniert, an, mit mir zu trinken. Er verneint. Komisch. Normalerweise klappt das. Alkohol löst interkulturell oft Barrieren, vor allem in Osteuropa und ich bin ein standfester Trinker. Das kommt meistens gut.

Hier klappt das nicht. Schräg. Irritierend. Ungewohnt ist das. Ein Ukrainer, der nicht säuft. Das ist mir neu. Vielleicht ist Alkohol für Fremdfeldarbeiter in Moldau verboten. Weil sie sonst den Job nicht mehr gut machen. Oder gar nicht mehr. Und dann rausfliegen.

Ich werde noch den ganzen Abend bis in die Nacht an der Hauptstraße sitzen und am Ende die Tresterflasche aus- und ein paar helle, zu leichte Biere dazu saufen. Den Ukrainern bleibe ich so egal, dass ich mir irgendwann Musik in die Ohren stecke und einfach nur Szenerie atme. Sommernacht. Staub. Strommasten. Klarer Himmel. Rumpelnde alte Autos. Eine Katze, die gelangweilt die Straße überquert, auf der nur selten ein Auto vorbeikommt. Provinzromantik auf osteuropäisch.

Als ich die Jalousie meines heruntergekommenen Zimmers schließen will, kommt sie mir entgegen. Genauso wie die Duschkopfhaltestange im schwarzschimmligen Badezimmer. Ein echtes Loch ist das, in dem ich hier wohne, aber ich bin ein Herumtreiber. Mir ist meistens egal, wo ich penne. Ich kenne Europas gammligste Matratzen. Die übelsten Absteigen. Fiesesten Duschen. Ich weiß, wie es ist, unter einem Bauwagen zu pennen. Ich komme klar.

Schwer klar komme ich mit dem Klopapier, das im Prinzip Sandpapier zum Schleifen von unebenen Flächen ist. Es begleitet mich schon seit Chişinău und hat mir die Kimme durch die obere Kimmenhautschicht hindurch flächendeckend wundgescheuert. Will sagen: Ich blute aus dem Arsch. Hatte ich bisher noch keine Hämorrhoiden, werde ich jetzt sicher welche entwickeln. Das Zeug ist schlimmer als der billige Mist, den sie bei uns im Borgwürfel in den Klos verklappen. Meine kleine schwule Rosette ist zu mitteleuropäisch für das Schleifpapier, deshalb kaufe ich an der nächsten Tankstelle verschämt weichsanftes westeuropäisches Klopapier mit mehreren Lagen, das mich über die ganze Woche bringen wird.

Hauptstadtpussy. Ich.

Am Morgen zeigen sie mir, was Moldau unter einem ordentlichen Frühstück versteht. Massenhaft Wurst. Käse. Sauer eingelegtes Zeug. Joghurts. Geschnibbeltes Gemüse. Frischkäse. Der Tisch biegt sich. Nur für mich. Wie soll ich das alles essen? Geht gar nicht. Ehrlich. Zwei Euro und fünfzig Cent wollen sie dafür. Für diese Massen. Dafür würde mir Steigenberger in Dortmund nicht mal ein keksiges Aufbackbrötchen geben. Die generöse Gastgeberfreude ist mir so unangenehm, dass ich zehn Euro als Tip unter dem Teller verstecke.

Später, als ich zum Rumhängen und mir selbst genug sein auf den nächsten Hügel abdampfen will, übergibt mir die Frühstücksfrau den mit Liebe versteckten Zehner: „You’ve forgotten your money.“ „Oh no no, this is for you. For your kind hospitality. Thank you so much for everything.“ „Oh no, please.“ „Oh yes, please keep it. You would do me a favour.“

Ich mag solche Dialoge nicht, weil sie mir meine unangenehme Position des paternalistischen westlichen Geldsacks um die Ohren hauen, der dem Habenichts den Groschen hinwirft, der ihm nicht weh tut, aber was soll ich tun, ich kann das doch nicht einfach so nehmen alles für nichts… würden Sie das? Ich kann das nicht.

Als ich Rîșcani schließlich verlasse, sehe ich überall an den staubigen Straßenrändern einzelne Menschen an Bushaltestellen stehen und winken. Ich halte an, google was das soll und finde heraus, dass die Busse in der Provinz Moldaus so unregelmäßig kommen, dass die Moldauer sich gegenseitig gegen ein schmales Entgelt mit dem Auto mitnehmen.

Ich beschließe, den nächsten Winker auf meinem Weg nach Soroca mitzunehmen, von wo aus ich nach Rezina fahren möchte, um dort die Grenze in den nicht anerkannten Staat Transnistrien zu passieren. Es ist ein Junge. Der Winker. Jetzt Mitfahrer. Ein Minderjähriger. 14, 15 maximal. Der wie selbstverständlich in mein Auto steigt, um mit mir nach Soroca zu fahren. Soroca ist auch das Einzige, das ich verstehe, der Rest ist Hände- und Füßegewedel. Er spricht seltsamerweise kein Englisch und ich immer noch kein Rumänisch.

Es fühlt sich unrichtig für mich an, dass er bei mir mitfährt. Erwachsener mit fremdem Jugendlichen im Auto ist eine komische Kombination. Hat der keine Angst? Andererseits ist es Sommer und heiß und er freut sich über mein gekühltes Wasser. Ich tue hier Gutes.

Dennoch bleibt der Gedanke, was wäre, wenn sie mich anhalten. Wie erkläre ich den moldauischen Bullen den Minderjährigen in meinem Auto? Aber es ist wohl nur meine überforderte westeuropäische Denke, die mich hier martert, hier in Moldau ist das vermutlich total normal und meine überkorrekten deutschlandgepolten Bedenken sind hier vollkommen nutzlos.

Die Straße nach Soroca ist teilweise sogar gut. Aber nur dort, wo die EU das Geld dafür gibt, was sie mit großen Schildern großkotzig kundtut. Hallo Moldau. Hier baut die EU. Die dicke Hose. Kuckt mal alle was wir können.

Ist die EU-Strecke vorbei, wechsle ich ansatzlos von Flüsterasphalt zu Ostblockbuckelpiste. Das passiert ein paar Mal. Hin und her. EU. Ostblock. EU. Ostblock. Das arme Auto.

Am Ende der Fahrt will der junge Mitfahrer mir Geld geben. Ich lehne ab. Er insistiert. Ich lehne wieder ab. Er schaut böse. Hält mir wieder den Groschen hin, den ich dann endlich nehme, um ihn nicht zu demütigen. Ich, der reiche Mitteleuropäer. Vom armen moldauischen Jungen. Dem Ehrenmann. Dem so wichtig ist, dass ich seinen Groschen nehme.

Sie dürfen gerne lachen und sich freuen, aber ich komme schwer auf sowas klar.

Bemerkenswert sind die vielen Panzer. Moldau stellt überall Panzer aus. Als Monumente. Es sieht nach sowjetischen Panzern aus. Kriegsware. Rote Armee. Mit Stern. Der große vaterländische Krieg. Er ist überall.

Ich übernachte im unspektakulären Soroca. Das sich selbst in den Touristenführern Stadt der Zigeunerpaläste nennt. Ich merke, wie ich fremdele. Irritiert bin. Zigeuner. Der verbrannte Begriff. Zigeuner ist wie Autobahn. Geht gar nicht.

Nein Spaß. In Brandenburg finden Sie überall noch Zigeunersoße in Tuben. Und Flaschen. Dieser Kulturkampf läuft noch. Ist noch nicht entschieden.

Zigeunerpaläste. Schlaglöcher. Staub über Staub. Ein bellender Hund rennt auf mich zu und dreht dann ab, als ich nicht flüchte (Metapher für alles im Leben, mehr als Bellen ist oft nicht hinter), ein dummerweise deutschsprachiger Guide in einer langweiligen Festung am Fluß Tyra fängt mich ein und plappert mich eine Stunde lang offensiv mit Dingen voll, die ich sofort vergesse. Es geht um Hunnen. Mongolen. Tataren. Russen. Wikinger. Eskimos. Was weiß ich. Es interessiert mich nicht. Denn es ist der letzte Abend in Moldau. Morgen werde ich an dem Ort sein, wegen dem ich hier bin.

Moldau’s End. Morgen beginnt das Abenteuer. Ich muss es irgendwie nach Transnistrien rüber schaffen. In das man angeblich nicht so leicht rein kommt. Wir werden sehen. Wo wir landen. Feuer ist mein Haar. Und meine Hand ist Kerosin.


3. Rîbnița

Grenze. Die Grenze nach Transnistrien. Dem nicht anerkannten Staatsgebilde. Dem letzten Relikt des Ostblocks. Man sagt, diese Grenze sei für Touristen schwer zu überwinden. Weil Transnistrien keine Touristen möchte. Die Einreise könne man daher vergessen ohne Einladung. Oder Businessbegehr. Ich bin entsprechend nervös. Ich habe die DDR, mit deren Gebaren Berichterstatter aus dem Internet die transnistrischen Grenzposten vergleichen, nicht bewusst miterlebt, aber ich habe viel gehört. Zu viel, um jetzt entspannt zu sein.

Schnell wird klar, dass der Übergang zwischen Rezina (Moldau) und Rîbnița (Transnistrien) kein Hauptübergang ist. Es gibt kaum Verkehr und wenn, dann sind das Laster. Ein PKW. Zwei PKW mit meinem. Der erste Eindruck: Der wirtschaftliche Austausch zwischen den Bürgerkriegsfeinden scheint trotz der Lage (Bruderkrieg, Waffenstillstand, der noch zelebrierte kalte Krieg) zu funktionieren. Ein eiserner Vorhang ist das nicht. Moldauer werden kaum kontrolliert. Schengenoffen ist die Grenze zwar nicht, aber durchlässig.

Ich hingegen werde zur Seite gewunken. Mit meinem deutschen Reisepass. In dem zufällig ein Fünfziger als Euro steckt. Muss ich wohl vergessen haben. Sie schauen streng. Winken mich aus dem Fahrzeug. Scheiße. Ich muss aussteigen. Die beiden reden auf mich ein. Sind aufgebracht. Sie sprechen ihr Russisch so schnell, dass ich den Google Übersetzer anwerfen muss, der sie auch nur jedes dritte Mal versteht. Was ich hier machen will? Turist. Turist? Da, ya turist. Sie glotzen wie Kühe. Ich muss der erste Tourist sein, der je über diese abgelegene Ecke einreisen wollte. Ich überfordere sie.

Sie durchsuchen mir das Auto. Sehr nachlässig. Ich hätte alle Drogen der Welt einschmuggeln können. Akribisch sind sie nur mit meiner Sporttasche. Benutzte Schlüpper fliegen herum, meine Badelatschen landen auf dem Asphalt, Handtuch, eine Packung Tuc-Kekse mit Pizzageschmack, mein Ladegerät, what a mess.

Dann stehe ich da. Und stehe. Lange. Die Grenzer beraten. Lugen bitterböse rüber. Einen Moment lang sieht es so aus, als ende mein Trip ins illegal gelobte Land genau jetzt, bevor ich einen Fuß reingesetzt habe, doch dann schicken sie mich, als ich die ganze Zeit wirklich gar nichts mache außer blöd zu schauen, weder insistiere noch nerve, zu einem Häuschen, in dem ein fetter, missmutiger und wieder sehr warziger Typ sitzt und mir einen Stempel in den Pass knallt. Ich darf einreisen. Nach Transnistrien. Ins Niemandsland. Ohne konsularischen Schutz. In dem man verschwinden kann bla bla. Ja, ich bin aufgeregt wie hulle. Das wird ein Abenteuer, das nur wenige sonst und sicherlich niemand meiner vollpensionesken Mallotzeurlaubkumpels machen wird. Abchasien. Berg-Karabach. Gaugasien. Transnistrien. Schwarze Flecken auf der diplomatischen Landkarte. Freakstaaten. Und ich bin da jetzt in einem drin.

Als ich den Pass aufklappe, finde ich nicht nur den Stempel des Operettenstaates vor, sondern auch den Fünfziger, den mir niemand nahm.

Erstes Gefühl: Enttäuschung. Was ist das sauber hier. Perfekte Straßen. Blumenrabatte. Alles geputzt und gewienert und akkurat geschnitten. Schön angemalt. Schnieke. Dagegen wirkt Moldau wie Osten. Ich habe von all den Berichten, die ich mir vorher reingezogen habe, ein zerschossenes Bürgerkriegsland erwartet. Ausgebrannte Autos. Ruinen. Schlaglöcher wie Mondkrater. Zerrissene Seelen. Tote Kinderaugen. Lauter Wracks. Nordkorea vor 60 Jahren.

Nix.

Nix davon. Astrein asphaltierte Straßen in einem tadellosen Zustand, den Berlin maximal um das Brandenburger Tor herum hat. Und ich esse ausgezeichnete Pasta und frittierte Sardellen in einem gehoben holzvertäfelten italienischen Restaurant. Was soll der Scheiß? Ich dachte, das hier wäre eine Art Mini-Pjöngjang. Und jetzt das. Heldenwetter. Bierchen. Pasta. Schicke Lädchen in schicker Einkaufsstraße. Aufgedonnerte Frauen paradieren. Ich könnte auch in Wrocław sein.

Ich muss erstmal Geld wechseln. Sie haben transnistrischen Rubel hier. Eine Währung, die außerhalb dieses 20 Kilometer breiten Landstrichs nirgendwo, nicht mal in Russland, anerkannt wird. Aluchips. Plastikchips. Verrottete Scheine. Kreditkarte? Maestro? Können Sie vergessen. Das Land ist abgeschirmt von allen offiziellen elektronischen Finanzströmen, die mir zur Verfügung stehen. Sie kommen hier als Westkeks nur mit Bargeld durch. Müssen das aber vorher gegen dieses Spielgeld einwechseln. Ich zahle also jetzt mit lustigen Monopolyscheinen.

Besonders ins Auge fallen die Frauen. In Moldau sehen sie (wie die Männer auf beiden Seiten der Grenze) fast vernachlässigt aus, nicht auf sich achtend, ein wenig heruntergekommen, geflickschustert, verlottert im Querschnitt, fast wie in Berlin. Transnistrien kommt wie Kiew oder Moskau daher. Die Frauen sind aufgetakelt. Hochtoupiert. Kunterbunt bemalt. Kurze Röcke. Hohe Schuhe. Die Ladenzeile der Laufsteg. Dabei ist nur Mittwoch und sie gehen nur einkaufen.

Sonst ist in Rîbnița nur Lenin. Und Lenin. Und mehr Lenin. Statuen über Statuen. Sowjetfolklore. Aber akkurat.


4. Dubăsari

Die Verständigung in Transnistrien ist ein echtes Problem für mich. Mein Russisch ist zu schlecht, reicht nur fürs Essenbestellen und hier spricht niemand Englisch. Nur Russisch. Die Sprache des Hegemons dieses Landstrichs.

Doch ich habe Google. Und immer noch den Wifi-Dongel, dessen Moldauische Mobilfunkkraft problemlos bis ganz rein nach Transnistrien reicht. Ich habe entdeckt, dass man in den Google Übersetzer jetzt auf Deutsch reinsprechen kann und der Google Übersetzer spricht den Satz laut in der Zielsprache. Und umgekehrt auch. Der Zielsprachler spricht rein und Google spricht es auf Deutsch für mich aus. Ja. Innovation. Sehr schön. So lässt sich eine Unterhaltung mit Leuten führen, die eine Sprache sprechen, die ich nicht kann, und ich mache das nur noch so. Und meistens klappt das.

In dem Moment bin ich froh, dass mein Beruf nicht der eines Übersetzers ist. Denn der Beruf hat ausgedient, zumindest in der heutigen Form. Braucht man schlicht kaum noch. Macht alles die KI des Google Übersetzers, der jetzt auch ein Dolmetscher ist. Ich fühle schon mal vor. Trainiere das Tool. Das nächste Mal fahre ich nach Gabun. Und lasse mich von Google in afrikanische Klicklaute verdolmetschen. In dem Moment mag ich den Fortschritt. Er reißt die Sprachbarrieren ein. Ich komme in solchen Situationen jetzt besser durch als früher.

Mein Hotel in Dubăsari ist absurd. Es heißt übersetzt Dnister Garten und ist ein Palast. Russisch-üppig. Kitschig bis über die Schmerzgrenze. Überall Goldverzier. Dicke Polster. Ich bin dieses Mal wirklich der einzige Gast in diesem riesigen, für dieses Provinznest komplett überdimensionierten Hotelkomplex. Wer zahlt das alles? Putin?

Die Rezeptionistin ist völlig aus dem Häuschen, als ich eintreffe. Sie wusste schon von meiner Bookingbuchung, dass ich kommen werde. Booking.com? Ja, Booking.com. Man kann in Transnistrien problemlos per Booking alle möglichen Unterkünfte buchen. Kein Witz. Bezahlen muss man allerdings Cash. Der Finanzströme wegen, die sie hier nicht haben. Sie versichert mir mehrmals, welche Ehre es ist, einen deutschen Landsmann hier zu Gast zu haben, und dass sie alles tun wird, um mir den Aufenthalt so schön wie möglich zu machen. Lobhudeleien sind mir überall unangenehm und deshalb auch hier. Ich flüchte fast aus der üppigen Empfangshalle in mein Zimmer, das so neu ist wie ein Hotelzimmer sein kann. Mein Bett ist noch komplett in Folie eingewickelt, das Bad hat nicht einen Fleck und schon gar keinen Kratzer, alles riecht fabrikneu. Unbenutzt. Ich lege mich fest: In diesem Zimmer hat noch nie jemand vor mir geschlafen. Das Klopapier ist luxuriös. Woanders wischen sich Könige damit den Arsch ab. Oder Putin.

Beim Frühstück am nächsten Morgen wird die Lage noch absurder. Ich bin wirklich der einzige Gast hier morgens um acht und um mich herum wuseln ganze sechs Angestellte, die mir nacheinander viel mehr Frühstück bringen als ich essen kann. Ich werde hofiert wie noch nie. Eierkuchen. Schinken. Eine Wagenladung Brot. Spiegelei. Rührei. Speck. Eingelegte Gurken. Tomaten. Paprika. Joghurt. Obst über Obst. Ich habe für die Übernachtung in diesem Kaleidoskop der Unwirklichkeit inklusive Frühstück 12 Euro für die Nacht bezahlt.

Nochmal: Relationen.

An einem Abend verlasse ich das Hotel, um Bier kaufen zu gehen und mir Szenerie zu geben. Leider hat bis auf einen räudigen Kiosk neben einem brummenden Trafohäuschen in der Strada Cotovschii nichts mehr geöffnet. Als ich den Kioskbesitzer gerade via Google dazu bringen will, mir Bier zu verkaufen, kommt eine uralte Frau auf mich zu: „Du deutsch? Deutsch?“ Lacht und informiert mich radebrechend darüber, dass sie einer hier irgendwie übriggebliebenen und von Stalin nicht ausgerotteten deutschen Minderheit angehört und sogar Verwandtschaft in Deutschland hat. Was für ein Hallo. Eis gebrochen. Lachen. Freude. Sogar Umarmung. Ein Herzchen, die Alte.

Ich lade sie auf Bier und Wodka ein, dieses uralte russische Klischeemütterchen mit ihrem Blumenkopftuch, der Blumenschürze, dem fehlenden Schneidezahn und den braunen Kolchoseschuhen. Was für eine Freude, diese Frau. „Gefällt dir unser kleines Land?“ fragt sie patriotisch, was ich selbstverständlich bejahe, ich, der gute Gast, der ich immer bin. Unser kleines Land. Hat sie gesagt. Huh. Da hat sich in den 30 Jahren seit der Sezession in diesem winzigen Land eine seltsame nationale Identität herausgebildet und ich merke schon nach ein paar wenigen Tagen: Das hier alles hat mit dem rumänischen Moldau nichts mehr zu tun, auch wenn es völkerrechtlich zu Moldau gehört. Völlig andere Welt. Mentalität. Selbstverständnis. Optik. Sprache. Die Leute hier kriegen die nicht mehr eingefangen.

Ich verbringe eine halbe Stunde damit, von Deutschland zu erzählen, weil die Alte das alles wissen will. Merkel. Berlin. Deutschland, ach, Deutschland. Hat einen Ruf wie Donnerhall in Transnistrien. Mercedes. Mercedes. Die besten Autos der Welt. Finden wir beide und lachen.

Dann wird es dunkel. Jugendliche gammeln auf dem zentralen Platz herum bis in die Nacht. Jungs. Mädchen. Die das tun, was Jungs und Mädchen in dem Alter überall tun. Sie tanzen umeinander. Der Tanz der Jugend. Die Jungs fahren die Mofas. Die Mädchen sitzen hinten drauf. Osteuropa ist wie Osteuropa ist. Männliche Männer, weibliche Frauen. Dazwischen nicht viel.

Später ist Ruhe. Absolute Stille. Kein Mensch. Ich laufe stundenlang durch das dunkle Dubăsari, ohne ein Wort zu hören. Nicht mal ein Hund bellt. Nur das Trafohäuschen brummt. Die Unwirklichkeit des Landstrichs, die ich erwartet habe, habe ich hier.


5. Tiraspol

Ich bin in der Hauptstadt des Ministaats. Auch hier ist alles geleckt. Gestriegelt. Gefegt. Keine Ahnung, wie dieser Staat sich aufrecht erhält. Wie er sich finanziert. Wer das hier alles aus welchem Topf unterhält. Putin vermutlich. Transnistrien ist eine Insel der Sauberkeit zwischen dem kaputten Moldau und der kaputten Ukraine.

Es gibt einen oligarchischen Stamokapkonzern mit dem lustigen Namen Sheriff. Und dem Sheriff gehört hier alles. Der Fußballverein. Tankstellen. Supermärkte. Wahrscheinlich auch mein Kiosk von gestern. Und die Regierung. Die gehört ihm auch.

Ich treffe auf Sergej (dessen Namen ich geändert habe, weil ich weiß, was noch kommen wird). Sergej ist ein Guide und fängt mich in der Innenstadt ab, wie er jeden abfängt, der nicht einheimisch aussieht. Er bietet eine Free Walking Tour an, von der ich jetzt schon weiß, dass sie nicht free sein wird. Denn ich bin Reiches Land, er ist Armes Land, selbstverständlich wird er was von mir kriegen und das nicht zu knapp. Er sagt auch schon sehr früh an, wie das gehen kann. Er nimmt alles, um seine Familie über Wasser zu halten. Paypal. Euro. Dollar. Türkische Lira. Sogar transnistrische Rubel. Oder russische. Hahaha. Lacht er.

Und das ist okay mit dem Geld, denn Sergej führt gekonnt durch die Stadt, schöne Ecken, Scheißecken, die Nationalbank, der Markt, die „Botschaft“ des ebenso wenig anerkannten Freakstaats Abchasien, wir entern illegalerweise einen alten Plattenbau, ein übles vergammeltes Wohnsilo, von dessen ungesichertem Rooftop wir über Tiraspol schauen können, nach Osten zur ukrainischen Grenze, nach Westen zur moldauischen, viel Platz ist hier wirklich nicht in diesem Staat, höchstens für Beklemmung.

Sergej erzählt bemerkenswert frei von der Leber und in tadellosem Englisch vom Alltag in Tiraspol (der hart ist für jemanden wie ihn). Sanktionen. Geringe Löhne (80 Euro den Monat für ihn, den Bankkaufmann, 80 Euro, die fast komplett für die Miete draufgehen). Die Korruption. Die hohen Preise. Die fehlende Reisefreiheit. Dass er so gerne mal nach Venedig möchte. Venedig. Mit Frau und Kind. Hier, die Fotos. Kuck, meine zwei Kinder. Ja doch, verstanden, ich werde mehr geben. Auf dass er sich den Traum erfüllen kann, auch wenn ich gar nicht weiß, ob es den Traum gibt, ebenso wie ich nicht weiß, ob es die Familie überhaupt gibt. Die Kinder.

So offen wie Sergej das alles erzählt, wird mir endgültig klar, dass das hier kein übler Betonkommunistenstaat ist, sondern maximal eine Autokratie. Es gibt sogar Wahlen. Und Parteien. Bei der letzten Wahl sei sogar einer abgewählt worden. Sagt Sergej. Wenn das so ist, ist es also wieder viel Scheißdreck, der überall geschrieben steht. Ich habe Nordkorea erwartet, einen herabgerockten Polizeistaat mit einem absurden Operettenkapitän an der Spitze und doch nur irgendwas zwischen Ungarn und Erdogan bekommen. Wieder Scheiße erzählt bekommen. Man kann inzwischen wirklich nix mehr glauben, nix mehr kann man glauben, gar nix, man sollte sehen, dass man sich immer zu allem selbst ein Bild von den Dingen macht. Am besten ohne was vorher zu lesen. Denn je größer die Auflage und je schwieriger die Verifikation, desto größer der Bullshit, den sie erzählen. Wahrscheinlich war von den ganzen Journalisten, die alle von Transnistrien schon berichtet haben, nie jemand wirklich da gewesen, sondern sie schreiben immer nur gegenseitig ihre Schauergeschichten ab, fügen was hinzu, lassen was aus. So entstehen moderne Mythen.

Ich muss Sergej irgendwann abschütteln. Weil er nervt. Eng rankommt. Nicht mehr ablassen will. Mich zu einem Kumpel bringen will. Der kocht. Ein transnistrischer Abend soll das werden. Natürlich für Geld. Was okay wäre, würde da nicht wieder wie so oft der Eindruck bei mir entstehen, dass ich die wandelnde Geldbörse bin, die in Serie von mehreren Seiten aus abgemolken werden muss. Und jetzt wird es unangenehm, es kippt, er wird fahrig, auch leicht unverschämt, ich suche eine Möglichkeit zum Abseilen, weil ich spüre, dass das unangenehm für mich und ihn werden kann. Da ist er wieder, der Moment, an dem ich unbedingt alleine sein muss, an dem Menschen bitte fortbleiben sollen, weil sie übergreifen werden und ich mich dann mit gleicher Münze wehren muss, was immer auch eskalieren kann. Deshalb muss ich jetzt weg hier. Bis dahin war die Tour schön, er hat das gut gemacht, sie soll so im Gedächtnis bleiben und bliebe es nicht, würde ich das würdelose Gehake und Gefeilsche und Gezerre mit Sergej fortsetzen. Es ist in dem Moment keine Gewissheit, sondern nur ein Gefühl. Ich habe feine Antennen für sich anbahnenden Stress, die selten daneben liegen.

Also nutze ich ein kurzes Zeitfenster nachlassender Aufmerksamkeit, verabschiede mich und fliehe.

Das Operettenparlament hier heißt Oberster Sowjet. Es hat nichts zu sagen, sondern nickt nur stumpf ab, was die Regierung will.

Oops.

Was?

Habe ich was gesagt?

Nein. Habe ich nicht. Würde ich auch nie. Schon gar keine Vergleiche ziehen würde ich.

Es ist verboten, den Obersten Sowjeten zu fotografieren. Ich tue es trotzdem. Nichts passiert.

Vor einem weiteren Panzer der glorreichen Roten Armee treffe ich auf zwei Niederländerinnen. Da Touristen hier in Transnistrien so selten sind, erkennen sie sich schnell, lachen und verstehen sich schnell gut. So auch hier. Ich und die. Die beiden sind als Rucksacktouristinnen unterwegs und sagen, dass sie im Freien schlafen. Was ich nicht glauben kann. Aber die beiden insistieren. Das machen sie immer so. Libanon. Georgien. Weißrussland. Immer mit Rucksack und Pennen im Freien. Ich beschließe zu glauben, dass sie mich verarschen, tue aber glaubhaft so, als würde ich ihnen ihre verwegenen Cowgirlgeschichten abkaufen.

Sie kennen auch Sergej. Der sie irgendwann nach der Tour offensiv um Geld anging. Sie irgendwohin nach Hause zu sich einladen wollte. Dann übergriffig wurde. Sie beschimpfte. Desto lauter wurde je mehr sie auf Distanz zu ihm gingen. Erzählen sie. Und ich glaube ihnen das. Weil ich weiß, das das alleine durch die Gegend reisen für mich ungleich einfacher ist als für die beiden. Und weil bei Sergej meine Antennen vehement ihr zwischenmenschliches Warnsignal funkten. Entferne dich. Der kippt. Der kippt.

Die örtliche Wodkabude von Tiraspol heißt Kvint und ist eigentlich die örtliche Cognacbude. Also eine Fabrik. Für Cognac. Weltberühmt und der einzige Exportschlager, wenn man Berichten aus dem Internet auch 2021 tatsächlich noch Glauben schenkt. Leider mag ich Cognac nicht, also versuche ich, an ein paar Flaschen Wodka zu kommen. Während ich radebreche, übernimmt ein Transnistrier mein Gespräch, der aussieht wie ein tschetschenischer Guerillakämpfer. Ein riesiger Typ. Voll in Camouflage. Freiheitsbart. Militärmütze.

Kongo-Müller kann Englisch, also vermittelt er zwischen mir und den viel zu schönen Verkäuferinnen, macht sich wichtig, krakeelt umher, spielt den Weltmann, klopft mir auf die Schulter, drückt mir den Wodka in die Hand, überwältigt mich natürlich, dieser verdammte Mudschaheddin. Ich kann froh sein, dass er mir den Schwitzkasten erspart hat.

Der Wodka heißt Volk, was auch schon wieder so nazimäßig daherkommt, aber nur so lange bis man googelt, dass „Volk“ russisch für „Wolf“ ist und deshalb auch ein Wolf auf dem Etikett aufgedruckt ist. Call me Sherlock. Ich bin ein Fuchs. Ich kriege alles raus. Alles kriege ich raus.

Ich kaufe drei Flaschen Wodka für jeweils wahrscheinlich viel zu teure fünf Euro, wobei mir erst später einfällt, dass ich vermutlich nur wieder eine blöde Flasche außer Landes schaffen darf, so dass ich die nächsten beiden Abende jeweils eine Flasche von dem bestechend guten Zeug kille, um nichts den Grenzern überlassen zu müssen. Keine Kopfschmerzen. Nur ein wenig Würgereiz morgens.

Was ich immer sage: Wodka nur aus dem Osten. Weil die das können.

Von der Architektur bin ich nur streckenweise begeistert. Viel Platte. Oder geschmackloser Russenpomp. Aber ich feiere die dachschrägen Einfamilienhäuser, die ein Verwegener, bestimmt ein Oligarch, auf das Dach der Plattenbauten gebaut hat. Baurechtlich ist das mindestens fragwürdig, ästhetisch sowieso, aber irgendwie Punkrock:

Ich wollte eigentlich in dem Fünf-Sterne-Hochglanzhotel direkt vor dem Regierungspalast übernachten. Leider wollten sie 300 Euro die Nacht von mir. Wer bin ich? Sehe ich aus wie Putin? Da nehm‘ ich doch lieber den 18 Euro-Plattenbau am Fluss. Der mit den ganzen gelangweilt rumsitzenden Huren in der Lobby, von denen mich keine anspricht, was mich fast enttäuscht. Denn ich mag Huren. Die meisten jedenfalls.

Es ist ein fieses Ding, in dem ich da mal wieder wohne. Ein alter Sowjetkasten. Unrenoviert. Übriggeblieben. Ostblockmuseum. Auch der Fahrstuhl ist original. Wenn ich da steckenbleibe, kann ich vergammeln, bis die Wehrmacht das nächste Mal das Stadtzentrum bombardiert. Also laufe ich lieber die sechs Stockwerke in mein rekordverdächtig heruntergekommenes stinkendes Zimmer, dessen Badezimmer in gleich drei verschiedenen Farben schimmelt.

Aber das ist noch nicht alles an diesem Tag. Pünktlich um 21 Uhr beginnt ein Partyboot direkt vor dem Hotel damit, die Welt mit Balkanpop zu beschallen, so dass das Glas meiner billigen Fensterscheiben vibriert. Und es hört erst um 2 Uhr nachts mit seinem üblen Geboller auf. Ich wollte ja auf die Party gehen, war schon unten, aber es war geschlossene Gesellschaft. Mit zwei üblen Narbengesichtern von Türstehern davor. Sie ließen mich nicht rein. Wahrscheinlich feierten da Oligarchen unter sich. Hier wirkt alles wie Oligarchen unter sich, die irgendwas feiern. Außer mein Hotel. Das hat nichts von Oligarch. Das ist der Penner mit der Goldkrone. Mit mir drin.


6. Bender

Bender ist nicht so vergleichsweise entspannt wie der Rest des kleinen Landes. Das liegt daran, dass Bender als kleine Halbinsel wie ein Fickfinger ins Territorium von Moldau hineinragt und als strategisch wichtige Stadt enorm umkämpft war. Entsprechend viel Militär hat sich eingegraben, das nicht gerne von einem deutschpolnischen Idioten fotografiert werden mag.

Das Eingreifen der Russen in den moldauischen Bürgerkrieg auf Höhe Bender können Sie auch bei Wikipedia nachlesen. Die sind heute noch da. Die Russen. Wie jede Menge ernst glotzende Militärposten überall. Armeewagen. Sandsackmauern. Darüber Maschinengewehre.

Bender ist eine stinklangweilige, potthässliche und überflüssige Stadt. Fast so schlimm wie Hannover. Ich kaufe mir vor lauter Langeweile ein Eis und gehe in ein Kino. Der Film ist die Komödie Deadpool 2 auf Russisch und wenn ich etwas hasse, sind es Komödien. Die hasse ich schon auf Deutsch. Und Polnisch. Zu meinem Glück ist der Film auf Englisch und nur die Untertitel sind russisch.

Sie haben in Bender auch eine Festung. Es ist abgesehen von dem vielen Militär die einzige Sehenswürdigkeit. Diese Festung ist noch langweiliger als die Festung von Soroca. Oder alle anderen Festungen auf der ganzen Welt. Ich kann alte Steine nicht leiden. Kann nicht verstehen, was Leute daran finden. Aber ich gehe trotzdem hin. Es gibt ja nix sonst.

Das Kaufen der Eintrittskarte für das vernachlässigte Ding ist eine bessere Komödie als vorhin im Kino, aufgeführt von einer schwammigen, steifen, altkommunistischen Matrone und einer jungen, bildschönen Blondine, die bemerkt, dass ich sie nicht richtig verstehe, dann zu der Matrone blickt, worauf sich ein Monolog mit wilden Gesten, Fingerzeigen und Kopfschütteln über die junge Frau ergießt, was nur zwei mögliche Schlüsse zulässt: Sie wird gefaltet, weil sie mich Gast nicht zuvorkommend genug behandelt oder ich werde gerippt wie ein Deutscher auf einem Basar in Polen. Vermutlich zahle ich wieder mehr als alle anderen, aber das ist okay. Ich habe Urlaub. Ich streite mich nicht.

Bender ist öde.

Nix zu berichten. Bäume. Platten. Militär. Dumme Festung. Ich kann alte Steine nicht leiden. Weil es nur alte Steine sind.

Das Interessanteste an Bender ist der Lenin vor dem Kino.

Das war’s dann. Soweit zu Transnistrien. Mehr is‘ nich‘. Ganz ehrlich: Das hier hat nichts von Sowjetunion. Außer diesen unzähligen alten Sowjetreliquien im öffentlichen Raum. Hammer. Sichel. Ährenkranz. Und der Lenin überall. Folklore. Museum. Kommunistentand. Ansonsten ist Transnistrien eine typisch osteuropäische Autokratie. Nur halt in ganz klein. Und russisch wie man nur russisch sein kann. Russischer vermutlich als die Russen selber. Wegen der Abgrenzung zum rumänischen Moldau.

Der Grusel ist trotzdem da. Immer mit dem Wissen, dass der Zustand des Landstrichs seit 30 Jahren kein normaler ist. Weil die Dinge durch die Isolation so sehr eingeschränkt sind. So anders sind. So geduckt kommt die Bevölkerung daher, wie ich das auch im postsowjetischen Usbekistan erlebt habe, in dem die staatlichen Organe die Verbrecher mimen und die Bevölkerung so lieb, so nett, so geduckt und so zahm ist. Ich fühlte mich bisher im öffentlichen Raum nirgendwo sicherer als hier. Die Autofahrer halten in Tiraspol schon am Zebrastreifen an, wenn ich noch überlege, ob ich ihn überhaupt überqueren soll. Wahrscheinlich sind die Bußgelder für jede Übertretung horrend. Um die Oligarchen auf den Partybooten auszuhalten.

Es bleibt dennoch die bisher bemerkenswerteste Reise meines Lebens. Eine Parallelwelt. Nie sonst so gesehen. Unwirklich. Anders. Exotisch as hell. Ich hätte länger als die Woche bleiben sollen. Zwei Wochen. Vielleicht drei. Billig genug war es. Ich hätte auch mehr reden sollen. Mehr Kontakt suchen sollen. Mehr Russisch lernen sollen. Ich bin bis auf ein paar Ausnahmen durch das Land schlafdurchgewandelt wie durch ein Museum mit Menschen hinter Glas, zu denen ich selten Zugang fand. Das ist in der Nachschau schade. Die meisten der paar Menschen, auf die ich traf, waren herzliche Menschen. Neugierig. Stolz tatsächlich. Freundlich. Unsicher, aber mit offenen Armen. Deswegen mache ich sowas. Um zu wissen wie es da ist.


7. Outro: Odessa

Die Ausreise aus dem illegalen Staat Transnistrien in die Ukraine verläuft anstrengender als die Einreise. Dieses Mal beschäftigen sich drei transnistrische und zwei ukrainische Beamte mit mir und vor allem mit dem Auto. Es kostet mich anderthalb Stunden. Davon viel Warten auf immer irgendeinen anderen Offiziellen, der mir den Pass abnimmt, ihn mir wieder gibt, ihn dann wieder abnimmt, wonach ein neuer Offizieller kommt und den Pass will. Ein blödes Spiel. Dann der Stempel, sie sagen was, was ich als „Gute Fahrt!“ oder „Verpiss dich blöder Penner, der du uns so viel Arbeit gemacht hast“ interpretiere und einen Atemzug später bin ich in der Ukraine.

Kaum verlasse ich Transnistrien, werden die Straßen beschissen. Die Ukrainer halten keine 20 Meter hinter der Grenze durch, ohne ihre Straßen runterzurocken. Narben. Rillen. Üble Schlaglöcher. Gerne mal 20 Zentimeter tief. Oder tiefer. Keine Ahnung. Die Dinger sehen tödlich aus. Auf den sechsspurigen Hauptstraßen in Odessa müssen Sie Slalom fahren, weil Sie sich sonst die Kiste ruinieren. Was ich schaffe. Ich zerschieße mir mit einem Schlagloch einen Vorderreifen. Felge verbeult. Reifen platt. Lustigerweise direkt vor einer Werkstatt. Vor der ein Bärtiger steht und mir wissend zunickt. Ich bin ein Glücksschwein. Ich habe irgendwie immer Glück in solchen Katastrophen. 50 Euro und alles ist wie neu. Felge. Reifen. Glücklich sein.

Sie haben viele Werkstätten in Odessa. Und brauchen die wohl auch.

Horrorclowniges gibt es auch: Ich kann die blöde Fritz Limo mit den zwei Hackfressen drauf kaufen und tue das auch noch:

Und die Springbrunnen sind nicht nur sauber, sondern funktionieren. Wir kennen so etwas aus Berlin nicht. Berlin betreibt kaum noch Springbrunnen, weil immer entweder einer reinpisst, blöde Influencer Waschmittel reinkippen, einer drin, davor oder drauf einen anderen absticht oder der Brunnen gleich ganz zertrümmert wird.

Ich König der Narren habe mich in einem stinkenden Hostel mitten in der Stadt eingemietet. Das Ding ist auf meiner eh schon üblen Übernachtungsskala ein weiterer Ausreißer nach unten. Stinkende fleckige Matratzen, deren Spannbetttuch gerissen ist, ein Fenster, das nicht geöffnet werden kann, null Jalousie und zwielichtige Stromkabel kreuz und quer über Putz. Und besoffene Westeuropäer, die über den Flur brüllen.

Ich flüchte aus dem Hostel auf eine Parkbank vor einer Schule. Etwas passiert. Aufgeregtes Lehrpersonal rennt hin und her, es werden Dinge drapiert, Luftballons, Zettel, es wird wild herumgestikuliert, eine Kapelle verschwindet im Gebäude, dann kommen Kinder, maximal achtjährige Jungs und Mädchen in Anzügen und weißen Kleidchen, Hand in Hand in Zweierreihen, gefolgt von aufgedonnerten Müttern, von denen jede einzelne ein Kunstwerk auf zwei Beinen ist. Hochtoupierte Betonfrisuren. Dekolletés, die Sie so sonst nur noch auf XHamster (und in Osteuropa) sehen. Lebensgefährliche Absätze. Riesigen Christbaumschmuck an den Ohren. Blink Blink. Es ist ein wichtiger Tag heute. Bohei Bohei. Abschlussfeier wohl. Oder Einschulung.

Dann verschwinden alle im Schulgebäude und plötzlich ist alles wieder still. Ein Schauspiel. Ich mag es, mich in fremden Städten einfach auf eine Bank zu setzen und zu schauen, was passiert. Und manchmal passiert halt viel. Ihr Alltag trifft mein Staunen.

Aber auch hier wieder: Die Frauen. Deren Auftritt mich sprachlos macht. Klassisch. Elegant. Charismabomben. Jede eine Diva. Der Auftritt, der Auftritt. An einem ganz normalen Werktag. Ich bin völlig hinüber. Wie immer in Osteuropa. Kiew. Budapest. Tiraspol. Odessa. Immer wieder ein Flash. Was klar ist. Ich komme aus Berlin. Bei uns kombinieren Frauen wie Männer einen ewiggleichen Chick aus Germanistikstudium und Obdachlos und finden das originell.

Ich würde des zu erwartenden täglichen Dramas und der vermutlich nicht unerheblichen Unterhaltskosten wegen keine von den aufgeplusterten Diven dauerhaft in meiner Nähe haben wollen, aber mit etwas Abstand sind sie beeindruckend anzuschauen. Wie Pfaue. Die finde ich gut, wöllte sie aber auch nicht in meiner Wohnung haben.

Aber ich muss den Blick auf die ukrainischen Frauen doch ein wenig ausdifferenzieren, denn an einem eigentlich perfekten Abend, an dem ich beim Bier in der außerordentlich lebendigen Innenstadt sitze und mir selbst genug bin, nehmen mich zwei Huren in die Zange, die nicht nur außerordentlich hässlich sind, sondern mich in einer konzertierten Aktion gemeinsam weichkochen wollen, weil auch sie mich als wandelnde Geldbörse identifizieren. Ich habe sofort keine Ruhe mehr. Darling. Where do you come from? Sweetie! Kiss me. Come on! Come oooon! Hände auf dem Arsch, Hände am Schwanz, Hände im Gesicht. Bis ich gehe.

Am nächsten Tag suche ich Ruhe im Botanischen Garten auf einer Bank, nicht weit weg von mir in Sichtweite ein massiver Baum. Innerhalb von einer halben Stunde kommen sechs Menschen und umarmen diesen Baum. Schmiegen ihren Kopf an den derben Stamm. Reiben den Körper dran. Zwanzig Minuten. Fünf Leute. Baum drücken. Und dann gehen sie wieder. Dann ein Pärchen. Umkreist den Baum. Und drückt ihn. Eine Familie. Zwei Ommas. Immer dasselbe Spiel. Umkreisen. Drücken. Gehen. Ich versuche zu googeln, was das soll, und scheitere, weiß daher bis heute nicht, was die Odessaner da machen. Esoterik vermutlich. Mit Esoterik kenne ich mich aus. Ich bin aus Prenzlauer Berg. Wir sind quasi Esoterik als fleischgewordener Bezirk. Hier, es war sowas vielleicht, eine Parade aus Baumknutschern: Wenn Sie einen Baum umarmen, umarmen Sie sich selbst bla bla. Und wenn Sie Heilsteine fressen, kacken Sie brockig.

Ich habe den Baum nicht umarmt und werde deswegen vermutlich irgendwann sterben.


Von Odessa aus bin ich zuletzt nach Comrat gereist, der Hauptstadt der von Erdogan finanzierten autonomen moldauischen Provinz Gaugasien, in dem ein christliches Turkvolk lebt, habe zu viel vom guten moldauischen Rotwein getrunken, mich auf Friedhöfen rumgetrieben (weil osteuropäische gemeinsam mit irischen die schönsten Friedhöfe sind), nix getan außer sacken zu lassen, viel nachzudenken und einen Panzer zu fotografieren:

Das war mein Trip durch Transnistrien und drumherum. Mehr war nicht.