Brandenburger Weisheiten

Der einzige Grund, der für Brandenburg spricht, ist die Luft.

Und diese spottgünstigen Wellnessresorts.

Und diese Seen.

Wenn das Navi die Zielstraße nicht kennt, befindet sie sich mit ziemlicher Sicherheit in Brandenburg. Oder im Irak.

Wenn Sie das Resort trotzdem finden, weil es das einzige Gebäude bis zum Horizont und außerdem seit 50 Kilometern ausgeschildert ist, dann ist das Brandenburg.

Erst wenn Sie ein alter Bulli beim Laufsport auf der ansonsten vollkommen leeren Landstraße überholt, merken Sie wieder, wie schlecht Luft sein kann.

Brandenburg ist der ewige Kreislauf von Edge, Fake-4G und löchrigem WLAN.

Wenn Sie die Wahl haben zwischen einer hübschen Masseurin und einer nicht so hübschen, dann nehmen Sie auf jeden Fall die nicht so hübsche. Die Chance ist enorm hoch, dass es so ist wie fast immer: Die nicht so hübsche hat mehr Skills.

Während des Massierens zu schnarchen ist peinlich.

Während des Massierens durch das Loch in der Liege auf den Boden zu sabbern noch viel mehr.

Trotzdem sollte man beides mal gemacht haben, um davon zu erzählen.

Die Bediensteten in solchen Resorts schwirren nicht um Sie herum und bedienen Sie von vorne bis hinten, weil sie dazu geboren sind oder weil Sie ein ganz besonders toller Typ sind, sondern weil es ihr Job ist, so zu tun als wäre das so.

So zu tun als wäre das so ist wahrscheinlich der einzige Job, den es hier abseits von Heuschobern, Aldi Nord und Tankstellen gibt.

Alte Menschen können in den Schwimmpausen massenhaft vom kostenlosen Tee trinken ohne je das Klo aufsuchen zu müssen, das direkt neben dem Becken ist.

Vier Erbschleicher mit Familienanhang, die um einen greisen Erblasser herumschwirren und sich gegenseitig in der Ehrbezeugung zu überbieten versuchen, sind eine Konstellation, die jeder Auftraggeber von Drehbüchern wegen mangelndem Realismus zurückweisen würde.

Der Auftraggeber von Drehbüchern war dann allerdings noch nicht in Brandenburg.

Tennisballgroße Hoden in der Sauna, die in einem unwirklich langgezogenen Hodensack auf halber Höhe zum Knie schlackern, sind nicht nur unpraktisch, sondern auch nicht ästhetisch.

Sicherlich schauen Männer in der Sauna auf die Schwänze der anderen Männer. Wohin sonst?

Sie denken dabei entweder „Boar, was’n winziges Ding“ oder „Meine Güte, so ein Riesending ist doch abartig.“

In Brandenburg sind gleich zwei bekannte Sorten dummfrecher Saunahonks unterwegs: Welche, die in der Sauna furzen, wonach es nach ultrahocherhitzter Leiche stinkt, und welche, die einen völlig übertriebenen Aufguss machen, großspurig mit dem Handtuch wedeln, sodann feststellen, dass die Aktion fiese Schmerzen verursacht, und dann fluchtartig die Sauna verlassen.

Russen in der Sauna haben Badehosen an.

Und denken oft, niemand würde sie verstehen, wenn sie laut über die Leute lästern.

Das haben sie mit hysterischen Amerikanerinnen gemeinsam, die in Berliner U-Bahnen über „those ugly german women“ herziehen.

Während Franzosen wiederum voraussetzen, dass jeder Französisch versteht, und deshalb sehr zurückhaltend sind.

Echte Maracujafrüchte schmecken besser als Maracujasaft.

Echte Blutorangen auch.

Wie Maracujas und Blutorangen nach Brandenburg kommen, bleibt indes ein Rätsel. Wahrscheinlich abgeworfen.

Wenn Sie sich ein Stück von der riesigen klebrigen Honigwabe abschneiden, die auf dem Frühstücksbuffet zum Verzehr herumsteht, dann hinterlässt das ein diffuses Gefühl von Wohnraum vernichten.

Dicke alte Matronen, die den Graupensalat im Mund herumwalken wie ein schnöseliger Weinkenner seinen Médoc und dabei bar jeder Ironie Sätze sagen wie „Nach hintenrum ein wenig fischig, aber im Gesamten sehr solide“ sind lächerlich in einem bisher nicht gekannten Ausmaß.

Keiner mag speckige alte alleinstehende Männer mit kreisrundem Haarausfall, die Mercedes fahren, Adidaslatschen tragen und sich offensiv an Liegenachbarn heranwanzen. Jeder, den sie ansprechen, sucht nach Ausflüchten, um möglichst schnell das Gespräch zu beenden. Essen. Anwendung. Kacken. Irgendwas passiert immer.

Entschuldigen Sie bitte. Ich muss weg. Mich mit einem Fels um den Hals im See versenken.

Der Film „Shining“ kann noch viele Jahre nach Ihrem 14. Geburtstag dafür sorgen, dass Sie lange leere Hotelflure mit Jack Nicholson und einer Axt assoziieren.

In Brandenburg können Sie Whisky kaufen, der sich „Preußischer Whisky“ nennt und dessen Wappentier kein Reichsadler, sondern ein Pferd mit Pickelhaube ist.

Er schmeckt nicht.

Es ist kein Vorurteil. OHV und PKW sind Begrifflichkeiten mit einem gestörten Verhältnis zueinander. In OHV kann keiner wirklich Auto fahren.

Sie fahren 30, wenn 80 erlaubt ist.

Trotzdem stecken überall mit Blumenkränzen verzierte Kreuze in den Böden der Alleen.

Die Kreuze sind für die, die 130 fahren, wenn 80 erlaubt ist.

Wenn Sie in Brandenburg ein Trüffel-Crème brûlée als Gruß aus der Küche servieren, das zu 50% mit einem Gesichtsausdruck zwischen irritiert und angeekelt zurück geht, dann sind Sie nicht nur mutig, sondern ein Mahner in der Wüste.

Und überhaupt: Wenn für jedes keckernde „Hihihi schönen Gruß zurück an die Küche hihihi gnarf gnarf“ in einem Restaurant ein Hundebaby sterben müsste, gäbe es binnen Wochen keinen Nachwuchs an Kotmaschinen mehr.

Brandenburg ist, wenn der Frauenmangel zur Folge hat, dass Sie ein komplettes Vier-Gänge-Menu damit zubringen, der Frau, die Sie einladen, bei der Bedienung ihres Smartphones zuzuschauen.

Und dabei so tun müssen als mache Ihnen das nichts aus.

Brandenburg ist, wenn der Berliner am Nebentisch froh ist, nicht in Brandenburg zu wohnen und eine Frau zu suchen.

In Brandenburg gibt es Mumien, die können essen. Vier Gänge sogar.

In Brandenburger Lokalen sitzen keine grenzbefreiten Kinder, keine stillenden Mütter und auf in leierndem Quengelton vorgetragene Fragen nach Sojamilch können Sie warten bis das lactosefreie Gluten in einer Bambushütte zu feng-shui-kompatibler Weltmusik einen Neppomuk ausdruckstanzt.

Vegan ist anderswo.

Prenzlauer Berg auch.

Zweimal am Tag gibt es ein Geräusch. Das ist der Regionalexpress, der durch den Wald pflügt.

Sonst nur Vögel.