Retrospektive: Helle-Mitte

Helle-Mitte. Im Dunkeln. Es ist immer noch ein seltsames Gefühl, hier zu sein. Helle-Mitte ist einer der Orte, mit denen ich einiges verbinde.

Die 90er durch bis über das Millennium hinweg war das hier No-Go-Area. Naziland. Die Zeit der großen körperlichen Auseinandersetzungen zwischen Rechts und Links in Berlin, die sich heute als Verbalonanie und Haltungswettrüsten weitgehend ins Internet verlagert haben. Damals gehörte die Polarisierung noch zum Straßenbild. Autonome. Punks. Nazis. Skinheads. Hooligans. Klar zu unterscheiden. Wir rein nach Marzahn, nach Hellersdorf, Nazis aufmischen. Die rüber über Lichtenberg nach Friedrichshain, Zecken aufmischen. Beliebte Mutprobe damals: Mit Nazis-raus-Patch am Ärmel des Hoodies nach Hellersdorf fahren und Antifa-Spuckis an die Bushaltestellen, in die Hauseingänge, an die Laternenmasten kleben. Abenteuer. Kitzel. Revier markieren. Kucken, wie weit wir damit kommen. Ob sie uns kriegen. Später zur Steigerung den eigenen Iro wegrasieren, Bundeswehrhose an und mit neutralem Shirt rein in den Naziclub zum Faschokonzert der Arschgesichter. Feindbeobachtung. Kucken, was die da machen. Undercover spielen, James Bond für ganz Arme, und danach in der Rigaer bei Bier, Spliffs und Volxküche platzend vor Stolz berichten.

Wir waren so klein. Und so cool.

Das da so weit im Osten der Stadt waren Orte mit einem Klang wie Mordor: Helle-Mitte. Louis-Lewin-Straße. Zossener Straße. Riesaer Straße. CD-Laden mit Faschomucke und Propagandamaterial. Nachts hin. Mit Spuckis das Schaufenster zugepflastert. Oder auch Marzahn. S-Bahnhof. Genau dort, wo heute das Eastgate, der dicke Einkaufstempel, steht. Plakate der ob ihrer Elitenattitüde eigentlich verhassten AA/BO an die Haustüren der damals noch verratzten DDR-Plattenbauten geklebt. Weil die AA/BO immer die geilsten Plakate hatte.

Die Gaspistole war immer dabei. Falls sie kommen. Falls sie auf der Lauer liegen. Falls sie uns abfangen. Wir wollten vorbereitet sein. Kamen welche, sind wir gerannt. Über Zäune. Durch Gärten. Über Gleise. Durch Gehölz. Um uns dann später im Kreuzberger Intertank oder im Neuköllner Koma gegenseitig zu versichern, wie mutig wir sind.

So klein. So cool.

Heute habe ich in Helle-Mitte ab und zu Massage. Ein gutaussehender dynamischer junger Pole mit magischen Händen und einer fürchterlich positiven Lebenseinstellung knetet mich durch. Es ist alles neu hier. Sauber. Renoviert. Viel auch neu gebaut. Nichts ist übrig geblieben vom alten Krieg. Keine weltkriegsbedingten Einschusslöcher wie an manchen Schulen meines Bezirks. Auch kein zugewachsener Bombentrichter wie in Verdun. Befriedet. Friede. Familien. Kinder. Luftballons. Es gibt einen Döner. Und Dunkelhäutige in der U-Bahn, die (als sei das hier) selbstverständlich alleine fahren. Deichmann. New Yorker. Tchibo. Kino. Wellness. Russen. Balten. Syrer auch. Bars. Burger. Frauenfitnessstudio. Alles da. Auch die Pastellfarbe an den Plattenbauten. Oft mit Bordüren.

Nur Nazis gibt es nicht mehr im Stadtbild von Helle-Mitte, zumindest keine, die ich als solche erkennen könnte. Keine fetten tätowierten Glatzen mehr wie früher, was konsequent ist, denn so richtig alte militante Autonome in Friedrichshain gibt es ja auch kaum noch, nur bezirklich geduldete Besitzstandswahrer in den letzten paar seit den 90ern konservierten Nischen, eingerahmt von schnieken, nachhaltigen Neu- oder liebevoll restaurierten Jugendstilaltbauten der grün-bürgerlichen Oberschicht in gerne genommener wärmeoptimierter Holz-Glas-Optik. Im Stadtbild ist sowieso kaum noch was aus den wilden Zeiten zu sehen. Geschleift. Renoviert. Ausgebessert. Oder abgerissen. Das Koma in Neukölln wurde auch lange schon zugemacht. Man sagt, wegen des Rauchverbots. Und der Lärmbeschwerden. Andere sagen wegen der Gewerbemieten, die auch in Neukölln dicke angezogen haben. Warum auch immer, das Ergebnis bleibt gleich: Weg ist weg.

Und vor dem Kreuzberger Intertank feiern nur noch pfannkuchengesichtige Touristen mit BWL-Attitüde in zu großen Borussia-Dortmund-Trikots ihre Mannschaft mit Club Mate und brüllen „Sieg“. Wenn man sie ließe momentan.

Ruhe und Gesundheit sind erste und zweite Bürgerpflicht geworden. Alle sind jetzt brav. Und gesund. Und positiv. Und fröhlich. Staatstragend auch. Der Ballast der späten Nachwende, die schweren Auseinandersetzungen einer schwierigen Jugend in der seltsamen Umbruchzeit der letzten Kanzler-Kohl und ersten Kanzler-Schröder-Jahre sind inzwischen nur noch Folklore für die, die dabei waren. Den Rest interessiert das nicht mehr. Ab und zu erzählt nochmal ein Veteran Geschichten vom Krieg, im Elefanten zu Kreuzberg, bei Partys, auf denen sie Laugen-Quinoa-Sticks reichen oder auf einem kleinen Nischenblog im Internet – als logische Nachfolger der Panzerzombies von der Ardennenoffensive, die inzwischen die Würmer dort zählen, wo nie mehr die Sonne scheint, und den dickbäuchigen Exkommunarden der Schlacht vom Tegeler Weg, die inzwischen in den Aufsichtsräten von Energiekonzernen sitzen und ihre staatliche Pension aus acht Jahren Arschbreitsitzen im Bundestag in toskanischen Weingütern anlegen.

So ist das. Auseinandersetzungen sind heute andere. Die Jugendlichen von heute waren damals noch gar nicht geboren und sitzen mir mit ausgelatschten Sneakern, blauschwarzer Rezolocke über der Stirn und genderfluidem Wollpulli in der U-Bahn gegenüber, bewerten mit schwacher Grammatik die neue Masked Singer-Staffel und winken mit ihren Smartphones, aus denen ein Spotifystream von Katja Krasavice blechert. Oder K.I.Z. Antilopen Gang.

Alles hat sich weitergedreht. Antifa ist kein Struggle mehr, sondern Attitüde, ein Accessoire, das jeder hat, bis nach oben in die Bundesregierungsetagen. Nix besonderes inzwischen. Mutig auch nicht mehr. Die Straßen von Hellersdorf bis Friedrichshain sind bunt. Ich glaube, wir haben gewonnen, wenn auch anders als gedacht. Keine fetten Glatzen mehr. Keine Springerstiefel. Und auch keine Bomberjacke. Keine Spuckis. Keine Patches. Keine AA/BO. Nicht mal die Reste der letzten BFC-Hools-Blase vom Jahn-Sportpark kleben noch großartig Erkennungsmarken in den öffentlichen Raum. Nichts bleibt wie es war und alles was war, interessiert nicht mehr. So ist das immer. Mich hat früher die Ardennenoffensive so wenig interessiert wie Geschichten von der Springerblockade oder den Ostermärschen.

Jetzt werde ich langsam so wie die Alten und mein Kind würde so gelangweilt schauen wie ich damals, würde ich damit anfangen, die alten Geschichten von damals (wir hatten ja nix) zum Besten zu geben.

Helle-Mitte. Diese ganzen Jahre später. Da hinten bin ich damals von einem Dutzend zum Glück zu langsamer Glatzen über die U-Bahngleise gejagt worden. Danach haben sie mit ihren Wartburgs und Zweiergolf GTIs die Straßen nach mir abgesucht. Dunkel war’s. Ein Mobiltelefon, mit dem ich mich zurück nach Friedrichshain navigieren hätte können, gab es noch nicht. Und die U-Bahn war feindlich.

Helle-Mitte am späten Abend. Heute ist hier Ruhe. Meine Narbe tut weh. Der Puls pocht mir, während ich den Gedanken nachhänge. Helle-Mitte. Ich habe immer noch einen kalten Schauer im Nacken, wenn ich hier bin.


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