Willemsen

Danke, Übermedien. Hingekriegt. Ich war bei Roger Willemsen. Zumindest bei dem, was von ihm übrig ist: Jede Menge Fernsehmaterial in der Kinemathek am Potsdamer Platz.

Seine erste Sendung mit dem Namen 0137, die zentraler Bestandteil dieser Sonderschau ist, habe ich nie gesehen, da war ich zu klein, mehr Very Late Adopter Nullerjahre bis Mitte Zehnerjahre. Spätblicker, Zuspätkommer, wie so oft.

Zum ersten Mal habe ich Willemsen als Jugendlicher wahrgenommen. Da hatte er öffentlich bekannt, dass er kifft und das war zu einer Zeit, in der von der heutigen Berliner Lockerheit bei Cannabis noch nichts zu sehen war. Cannabis war verboten und wurde vom CDU-Senat hart verfolgt, nicht weltgewandt toleriert wie sie das heute tun. Heute ist’s easy. Messenger, liefern lassen, einsteigen, aussteigen, gut. Erwerb und Konsum sind, wenn Sie den Richtwert einhalten, bis auf den Papierkram, den gelangweilte Donutbullen manchmal in einer gummiartigen Nachtschicht auftun, wenn ihnen ein Taxi auffällt, quasi legal. Mein letztes BtMG-Verfahren haben sie letzten Sommer eingestellt. Nach der Eröffnung im Herbst davor. Und dazwischen nichts, nicht mal eine Vernehmung. Einlassung. Einladung zur Blutprobe. Nix. Ich brauchte nicht mal nen Anwalt, sondern hab’s ausgesessen. So machen sie das jetzt hier in Berlin mit dem scheiß Cannabisverbot. Nur noch formeller Papierwust, um für den dummen Bund, der die so sinn- wie hirnlose Norm zu verantworten hat, den Schein zu wahren. Blauer Umschlag. Briefkopf. Dienstsiegel. Eröffnung. Dann Einstellung. Mehr nicht. Das hätte Willemsen gefallen.

Ich mochte den Typen mit der lustigen Frise da im Fernsehen sofort und habe seitdem viele seiner Formate geschaut, mit denen er mich freundlich und unaufdringlich an so etwas für mich so Unzugängliches wie Kunst und Kultur und tatsächlich auch Politik herangeführt hat. Der Typ war für mich rein der Art des Auftretens wegen ein Trigger. Solche wie Willemsen sind die einzigen Menschen, für die ich empfänglich bin. Die irgendwas bei mir ausrichten können. Mich bewegt bekommen. Bei denen ich aufmache. Gegen diese Sorte freundlich gewitzter Geduldiger bin ich waffenlos, weil ich Waffen und Schild freiwillig niederlege, wo ich bei allen anderen, wirklich allen, den doppelten und dreifachen Panzer nebst Luftwaffe plus Atomsprengköpfe zur Abschreckung hochfahre. Ich hatte so einen Lehrer, der einzige, der Zugang zu dem eingemauerten Hatemonger in seiner Sackgasse hinter den Schießscharten aus der letzten Reihe bekommen hat. Alte Geschichte, Sie kennen die. Oder nicht. Egal. Ohne diesen Lehrer wäre ich nie aus der Druck-Hass-Widerstand-Druck-Hass-Widerstand-Schleife rausgekommen. Und ohne Willemsen wäre ich deutlich dümmer heute.

Wenn ich mir diese alten, Anfang der 90er-Jahre auf einem längst untergegangenen Sender namens Premiere ausgestrahlten Folgen seiner Sendung heute anschaue, fällt mir auf, dass die Themen vor 30 Jahren schon dieselben waren, die es heute immer noch sind: Frauen. Und Frauen. Klima. Frauen. Und wieder Frauen. Okay, und Gorbatschow. Und Fassbender. Und Campino. Und Ossis. Und Wessis. Und Frauen Frauen Frauen Frauen natürlich. Nehmen Sie die Hauptstadtpresse und die bevorzugten Interviewpartner 2023 beim Wort, geht es Frauen hierzulande nach wie vor so schlecht wie nirgends sonst. Eine Dauerschleife. Der Zustand und die Befindlichkeiten von Frauen sind immer schon ein zentrales Thema quasi überall, ein immer stattfindendes Grundrauschen, Grundrasseln, Grundleiern, zumindest seit ich am Leben bin. Das wird vermutlich auch immer noch so sein, wenn ich nicht mehr am Leben sein werde. Ein Geschlecht als Dreh- und Angelpunkt des Landes, Zentrum allen Daseins und sattfinanzierter Gesellschaftsmittelpunkt mit einem enormen Einfluss auf alle Teilbereiche bei höchst routiniertem Daueropferhabitus, der ohne Unterbrechung so laut es geht in die Welt genudelt wird. Welch Nabel aller Dinge. Priorität aller Prioritäten. Die ewige Frauenfrage. Dauerdiskutiert seit Jahrzehnten und nie beantwortet. Auch von Willemsen nicht, obwohl der auf vieles eine Antwort hatte.

Natürlich ist das wieder polemisch. Und unsachlich. Und stimmt auch nicht. Willemsens Wirken war damals schon themenbreit, bis hin zu dem damals wie heute seltenen Mut, Leute zu interviewen, an denen er sichtbar zu kauen hatte. Jörg Haider zum Beispiel, seinerzeit FPÖ-Chef und ein medialer Paria wie heuer die AfD, gegen die sich rein argumentativ ohne die übliche Empörungsfolklore anzutreten auch kaum einer zutraut. Den Haider haben sie alle nicht zu fassen bekommen und haben sich ersatzweise aufs Ausblenden oder Kotwerfen zurückgezogen. Wie sie das heute wieder tun.

Willemsen tat das nicht. Der hat es gebracht, ein solches Interview zu machen ohne wohlfeile Haltungspolemik, ohne die heute so beliebte plakative Tugendsignalisierung, ohne die stumpf routinierten Versatzstücke, mit denen Hauptstadtjournalisten ihre unappetitliche Opposition abzubügeln versuchen, ohne das Format zu haben, ihren Gegner mit dem Florett zu entzaubern wie Willemsen das hinbekam.

Ich spät gewordener Willemsenfreund sah, nachdem ich ihn entdeckte, nahezu jede Sendung mit ihm, die ich zu fassen bekam. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Sendung SWR UniTalk vom Dezember 2014 gut ein Jahr vor seinem Tod, die ich mir dort in der Kinemathek noch einmal in voller Länge angeschaut habe (ja, hätte ich auch zuhause wie Sie jetzt auf YouTube machen können, aber egal, Mann…).

Das war zu einer Zeit, zu der ich noch sehr viel öffentlichen Rundfunk geschaut habe, der damals noch nicht der war, der er heute ist (ein zunehmend übergriffiger, lauter, dadurch ekliger, ganz offen politaktivistischer Parteinehmer). Es dauerte nicht lange, dann endete das Schauen des öffentlichen Rundfunks wie auch Roger Willemsen endete. Was mir weh tat. Nur wenig später starb auch Kraska, ein anderer wichtiger Mensch, in anderer Funktion, ein Blogger, mit dem ich schrieb, ein weiterer, der Anderen Orientierung zu geben in der Lage war. Nennen Sie das kellerlochpsychologisch gerne einen Wunsch nach Ersatzvaterfiguren, egal, aber ich habe seitdem niemanden mehr gefunden, der diese lebenssinnigen Löcher füllt, die ständig entstehen.

Ich mag Willemsen. Mochte den. Der fehlt mir. Habe ihm gerne zugehört, auch wenn ich nicht von Anfang an dabei sein konnte. Ehrlichkeit verband ich mit ihm. Aufrichtigkeit von mir aus. Der hat nichts versteckt, der hat nichts aufgeblasen, gedichtet, angedichtet, nichts geframed, nicht denunziert oder irgendwas erfunden, der war das offene Visier und das hat ihn so … ich habe kein Wort dafür, das ihm gerecht würde … souverän … durchschlagend … erfolgreich … ach vergisses, fool, nichts passt so richtig. Der war ne Klasse für sich.

Immer noch sehr schade. Beides. Dass Willemsen nicht mehr da ist und dass der Rundfunk das wurde, was er heute ist, eine Institution, die Willemsens entspannte Wortgewandtheit in Haltungsfragen abgestreift und abgelöst hat durch stumpfe Provos, plakatives Geschrei, billige Überzeichnung, aktivistisches Gehampel, routinierte Empörung, hypermoralistisches Getue und der Forcierung des plumpen Löschens der Gegenrede vor lauter Hilflosigkeit. In der Wahrnehmung übrig nur diese ganze aggressive politkommissarische Böhmermann-, Kebekus- und Welke-Unsympathenparade, die ich nicht mehr sehen kann, weil ich sie so satt habe. These: Das wäre mit Willemsen so nicht möglich gewesen. Dafür war er zu klug, zu eloquent und … sympathisch. Sehr schade. Er hätte noch viele Jahre verdient gehabt.

Ich will es dabei belassen, nur eines noch. Eine aus seiner riesigen Liste an Gästen ist mir beim Besuch hier in der Kinemathek ganz besonders in Erinnerung geblieben. Es ist eine Moderatorin, von der ich als Nicht-Zielgruppe nie eine Sendung gesehen habe, aber die mich hart geflasht hat: Gundis Zambo und das Gespräch darüber, wie es ist, immer wieder das Essen, das man im Rahmen von Social Events zu sich genommen hat (nehmen musste, nehmen musste), ganz unbemerkt von allen anderen wieder rauszukotzen. Wum Wum. Magengrube Magengrube. Trigger Trigger. Nein, diese Folge finden Sie nicht online, sondern nur dort in der Kinemathek. Gundis Zambo und Roger Willemsen. Flash. Kloß. Sprachlosigkeit. Was für ein deepes Gespräch in so einer Viertelstunde.

Keine Ahnung, ob Sie Willemsen kannten. Oder mochten. Wenn ja, setzen Sie sich doch mal in einen dieser Sitze der Kinemathek und stochern ein wenig in der alten, in Rückschau sehr viel weniger feindlichen Zeit rum. Füllt nen halben Tag, wenn man sich mal festgesessen hat. Und zeigt zumindest mir, dass dieses Land mal für eine überschaubare Zeit im gesellschaftlichen Klima locker und unverkrampft sein konnte, was sich wohl nur im Nachhinein offenbaren kann, wenn man weiß, dass es heute nicht mehr so ist.

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Falls das tatsächlich doch jemanden interessieren sollte: Hier hat jemand einen Gedenkkanal auf Youtube gedroppt.