Leipzig / 2022

Die Sinnlosigkeit unserer Existenz darf man gar nicht zu Ende denken.

Heino Jaeger


Der Punk ist schon lange kein Punk mehr, aber der Punk geht trotzdem gerne zu kleinen lauschigen Punkfestivals. Auch nach Leipzig. Auswärtsspiel. Raus aus der kranken Stadt, die überall nur noch Shithole genannt wird. Das kann man diesen Sommer gut machen, weil sie mich mit meiner lausigen BVG-Monatskarte, die mir der jetzt schließlich auch politisierte Borgwürfel geschenkt hat, weil sie wollen, dass ich mich vom Auto loslöse, kostenlos mit dem Regionalbahngebummel durch Deutschland gurken lassen.

Natürlich ist der Zug nach Cottbus, von wo aus die nächste Regionalbahn nach Leipzig fahren soll, vollkommen überfüllt. Was ja klar ist. Wenn ich das Überlandticket für Berliner und Restdeutschlands Monatskartenschlümpfe quasi kostenlos mache, ohne vorher die Kapazitäten zu erhöhen, dann ist das eben so. Volkswirtschaftslehre für Dummies. Es passiert dann halt was passiert. Alle fahren sie. Ein Viehtransport. Stehend bis Cottbus eng an eng. Dann stehend bis Leipzig. Wieder eng an eng. Mit komischen Menschen und ihren Leibern. Too many sweaty bodies.

Aber eingeräumt: Die Grundidee, sich nicht um Tickets, Tarifzonen und die Auseinandersetzung mit dümmlichen Automaten oder dümmlichen Ticketapps kümmern zu müssen, sondern einfach einzusteigen und zu fahren, hat ausgesprochen Charme. Aber dann endet alle idealistische Herrlichkeit auch schon, weil ich überfüllte Züge mit schlechter Luft und sich an mir reibenden Menschen sehr unsexy finde. Können Sie gerne machen, sowas hier, alle können das machen, aber ich zahle nächstes Mal lieber drei Euro Putinzoll den Liter Super, anstatt so etwas Unausgegorenes noch einmal zu tun.

Symptomatisch für Deutschland 2022 ist es, dass sie immer noch kein WiFi in ihren Regionalzügen haben. Schwach? Ja sicher. Aber halt Deutschland. Sie kennen das doch so. Dieses Land hinkt nicht mehr nur hinterher, dieses Land spielt im Vergleich zu Premiumdigitalstaaten wie Lettland, Moldawien und der Slowakei in der untersten Digitalkreisklasse. Da das aber schon länger so ist und ich mich vor jetzt knapp sieben Jahren schon über die Internetstümperei der Deutschen Bahn aufgeregt habe, ist das auch schon wieder egal. Ich werde irgendwann sterben und das deutsche Internet wird immer noch scheiße sein. Wozu also aufregen? Sie können ja auch nicht das Wetter verhindern.

Sie könnten nun einwerfen, dass ich stattdessen eben mein üppiges dickes Mobilfunkvolumen nutzen könnte, um mit der Welt verbunden zu bleiben. Dazu sage ich: Haha. Ja klar. No prob. Wenn es denn ginge, mein zugegeben üppiges dickes Mobilfunkvolumen, denn die Regionalbahnstrecken sind die reinsten Täler der Ahnungslosen, die sich wie rückständige Offlinefurchen durchs Provinzland ziehen. Ich wechsle zwischen verbindungslosem Fake-Edge, gar keiner Verbindung und ganz sporadischem, aber unverständlich arschlangsamem 4G, für dessen zwei Minuten Verbindungsteaser Sie versuchen müssen, möglichst viele Tabs im Browser zu vorzuladen, um das garantiert gleich wieder kommende Offlinedasein, als führen Sie durch einen ewigen Tunnel, zu überstehen. Es hat sich wirklich gar nichts getan. Deutschland und das Internet – eine Geschichte voller Missverständnisse. Und wenn Sie auf den ostdeutschen Regionalbahntrassen fahren, sind Sie komplett lost.

Lost.

I am lost.

Screenshot. Die deutsche digitale Regionalbahnsituation für viele lange Minuten. Keine Verbindung e.V.

Mein Abteil ist derweil ein Irrenhaus. Schreiende Kinder. Schreiende Mütter. Biersaufende Jugendliche mit plärrender Boombox. Es riecht nach saurem Erbrochenem und verwahrlostem Penis. Pissen gehen können Sie vergessen, weil Sie gar nicht zum Klo durchkommen. Eine passiv-aggressive Oma, der niemand einen Platz anbietet, geht die ganze Zeit einen Radfahrer über Bande für dessen schiere Anwesenheit an, bis es selbst mich nervt, mich, der die dauerblasierten Fahrradnazis, die sich immer so lautlärmend für den Mittelpunkt dieser Erde halten, selbst nicht leiden kann. Und der völlig desillusionierte Schaffner dröhnt Höhe Falkenberg (Elster) vom Bahnsteig in den Zug, dessen Türen vor lauter Leiberfülle nicht schließen wollen, dass er sein Leben in vollen Zügen genieße. ICK JENIESSE MEEN LEBN’N IN VOLLN’N ZÜGN’N! Fastehnse fastehnse? Volle Züge! Haha. Hahaha. Hammergag. Du Witzegnom. Und so neu. Nicht. Nicht neu. Plz kill me. I don’t want to be here anymore.

Zwischenresümee als Servicestatement: Die Deutsche Bahn ist im Lichte der Gesamtabwägung aller Dinge auch 2022 das beste Argument für die Benutzung eines Autos und hätten die federgewichtsmatrosigen Populisten von der schlumpfschildkrötigen Regierung nicht das 9-Euro-Ticket auf die Bevölkerung geworfen, was meine BVG-Karte im Moment zu einer Deutschlandkarte macht, hätte ich natürlich das Auto genommen.

Auf dem nicht weniger gnadenlos überfüllten Leipziger Hauptbahnhof empfängt mich die sächsische Wortspielhölle. Sie suchen Personal, ersetzen das Wort Bock durch Lok und fragen: Lok auf was Neues? Statt: Bock auf was Neues? Haha. Hahahahaha. Ha. H. Ein Kreativfeuerwerk, diese Deutsche Bahn. Lok mich am Arsch. Da lok’st di nieder. Diese Wortspiele sind der reinste Lokout. Ich bin vor lauter Extase ad lok für einen Euro aufs stinkende Leipziger Hauptbahnhofklo gerannt und habe onaniert.

Endlich an der Leipziger Frischluft sehe ich, dass vor dem Hauptbahnhof acht verteilte Bullenwannen voller Bullen auf eine Handvoll demonstrierender Kommunisten aufpassen, die, weil Kommunisten so gefährlich (haha, nein) sind, strategisch einschüchternd von den Fahrzeugen eingerahmt werden. Großgeschriebene Versammlungsfreiheit mal wieder in Kaltland. Sachsen ist halt wie Bayern, nur mit einer schlimmeren Mundart.

Die Musik, wegen der ich hier bin, wird erst zum Abend beginnen. Ich habe Zeit. Und schlage sie tot. Ein Kaufhaus. Straßencafé. Eine Brücke über dem Elstermühlgraben. Auf einer Bank weitab vom wuseligen Zentrum dieser Stadt schaue ich eine ganze Stunde lang dabei zu, wie eine winzige Spinne eine fünfmal größere Wespe sich im Netz verheddernd erst verausgaben lässt, diese dann in aller Ruhe einwickelt, in eine Ecke des Netzes schleppt und dort beginnt zu verspeisen. Gefressen werden. Und vor allem fressen. Reinste Natur. In ihrer ehrlichen Grausamkeit tatsächlich schön anzusehen, doch. Tiere täuschen gar nicht erst vor, dass sie irgendwie moralisch wären. Das macht nur der Mensch.

Wahllose Splitter. Leipziger Straßenbahnfahrer haben eine diebische Freude daran, Ihnen vor der Nase die Türe zuzumachen und wegzufahren. Mir alleine drei Mal zu verschiedenen Gelegenheiten, zu denen ich – auch wieder so ungewohnt gratis mit meinem BVG-Ticket – immer ein paar Stationen woanders hin in Ecken fahre, die ich noch nicht kenne. Mir fehlt da noch der Stinkefinger aus dem Straßenbahnfahrerfenster, dann wär’s rund. Ich freue mich auf den fahrerlosen Nahverkehr, der – langsam, spät, weil Deutschland, aber doch – irgendwann kommen wird. Keine Fahrer mehr, nur noch die Maschine. Weil hey, wenn schon empathiebefreit, dann richtig.

Mein Hotel ist ein vernachlässigter Wellblechbunker im einem ostigen Industriegebiet. Schlote. Brachen. Hütten. Verfallene Garagen. Werkstätten. Ausufernde Bahngleise ohne Funktion. Ich habe ein Händchen für abseitige Übernachtungen, auch für diese hier im Leipziger Nichts. Für mich ist das vollkommen okay. Denn sie haben ein Klo. Und eine verrottete Dusche. Und ein Bett. Ich brauch‘ nicht viel. Und in meiner Badewanne bin ich Kapitän.

Ich verzichte auf die Option des „reichhaltigen Frühstücksbuffets“. Nur wegen des Worts „reichhaltig“. Ein komischer Terminus. Werbebullshitwording. Aussagelos. Inhaltslos. Und vor allem unverbindlich. Und wenn es nur billiger Aufschnittkäse ist. Plastikmarmelade. Gummiwurst. Aufbackbrötchen. Fabrikstaubhalsgekratze. Sie nennen es trotzdem überall reichhaltig. Wording Wording. Bitte noch gendern, dann Freigabe.

Auch mein Hotel hat Fachpersonalmangel, teilen sie mir mit. Sie konnten niemanden … Achtung, jetzt kommt’s … akquirieren:

Wahllose Szenen. Eine sehr wurstige Frau mit abweisendem Gesicht und zwei Bälgern an den Händen kommandiert ihren Typen um ein Auto herum, der vollkommen eingeschüchtert ist. Hängender Kopf. Devoter Blick. Born to serve. Irgendwas macht er immer falsch. Mich macht so eine Existenz immer traurig, wenn ich sie sehe. Gefangen. Gebrochen. Verachtet. Beherrscht. Ohne irgendeinen Stolz. Mit keinerlei Selbstrespekt. Ohne Würde. Sie dagegen, dieser speckige Buttergolem, den der Gebrochene vermutlich sogar geheiratet hat, wirkt triumphierend. Herrschend. Gewohnt, ihn anzuweisen. Mich macht das wirklich sehr traurig. Wie wird man so? Armer Kerl. Ein Leben lang in Agonie.

Leipzig-Leutzsch. Ü30-Tanzparty. Toyota Corolla. Buntmetall. Altpapier. Sammelstellen. Mehr sparen mit der Kauflandcard. Aluminiumguss. Tuner-Store. Fischimbiss. Sommerkleid mit Kampfstiefeln kombiniert und ich bin verliebt. Alte Schornsteine. Kirmes in Nova. Dreiundzwanzigste Leipziger Bierbörse. Der Grüffelo kommt. Kaffee ein Euro. Auch zum Mitnehmen. Die Bundesstraße 87 geht nach Torgau. Ein Werbeplakat sagt: Kein Job, sondern Teamspirit! Mitarbeiter gesucht! Mitarbeiter gesucht! Mitarbeiter gesucht! Alle suchen jetzt Mitarbeiter. Von der Kaffeebutze bis zum Reinigungsservice hin zu meinem Hotel. Dumm schon, wenn die Globalisierung stottert und die Geringverdiener zum Auslutschen ausbleiben. Dann kommt halt keiner mehr.

Auf dem Gang zum Festivalgelände erfahre ich an einer Art Schrein an einem Abbruchhaus an der Georg-Schwarz-Straße trauerkerzenbewehrt, dass Marco Trafficante (narco consumente) tot ist. Was für eine Verschwendung. Was für eine Sinnlosigkeit. Ewige unergründbare Sinnlosigkeit. Immer der gleiche Shit. Es wird hell. Und dunkel. Dann wieder hell. Dunkel. Ab und zu bleibt einer liegen. Hat’s nicht geschafft. Steht nicht mehr auf. Erlebt das Helle nicht mehr. Dann wird’s wieder dunkel. Und hell. Und immer wieder welche weniger übrig, Begleiter, die am Weg liegen bleiben, während ich immer noch das mache, was ich vor zwanzig Jahren schon gemacht habe. Mich durchlavieren. Zeit totschlagen. Die Zerstreuung suchen. Tag. Nacht. Tag. Nacht. Hell. Dunkel. So geht das immer weiter. Ohne dass ich herausgefunden habe, was das überhaupt soll.

Und nee. Ich weiß gar nicht, wer Marco Trafficante war. Und was er wollte. Wen er inspiriert hat. Kein Plan. Ich find’s einfach nur scheiße, dass er tot ist. Er muss was man so liest ein lustiger Typ gewesen zu sein. Oh nein. Keine Kommata. Ich mag Sätze manchmal lieber so. Punkrock.

Zehn Prozent auf alles. Außer Tiernahrung.

Ich bin sehr gerne in Leipzig, sie haben dort eine so schön lockere Punkszene, nicht so arrogant und verbohrt wie so oft in Berlin. Nicht so dogmatisch. Wie diese blasierten Hauptstadtpunks in ihren bezirksamtlich alimentierten letzten Ecken. In denen sie überall Hinweisschilder aufstellen, was nicht gemacht werden darf. Tu dies. Lass das. Wehe wenn das. Ein beschildertes Kleingartengehampel. Kleingärtnerkrämerseelen. In Berlin gehen sie mir voll auf den Zünder mit ihrem hochheiligen Getue. In Leipzig nicht. Da sind sie cool geblieben. Hier ist heute alles okay. Hier ist LE. Das beste Wetter. Die beste Musik. Der beste Alkohol. Jetzt ist der Moment, mein Freund. Mein nie endender Dreikampf (Selbsthass. Selbstzerstörung. Selbstmitleid. You name it.) hat heute Pause. Heute ist alles gut.

Ich habe zu Leipzig eine ganz besondere Affinität. Und Geschichte. Wenn Sie hier schon ein paar Jahre mitlesen, wissen Sie das. Lange ist das schon her. Heike. Plagwitz. Die dicke Brust. Ich habe mir überlegt, dass ich gar nicht wissen will, was sie heute macht. Weil es nur eine Enttäuschung sein kann. Weil Zeit nicht rückwärts läuft. Und man besser Erinnerung konserviert statt sie aufzuwärmen zu versuchen.

Wirklich alles stimmt an diesem kostbaren Tag. Ich habe ein konstantes Level an THC im Organismus, von den Edibles des Grastaxis stabil gehalten, und halte den Rausch zusätzlich mit Whisky Cola im Gleichgewicht. Die Musik stimmt. Das Wetter stimmt. Ich habe nicht einen einzigen Termin, sondern treibe wieder dahin wie kürzlich so schön in Mailand. Allet em Lot wie immer, wenn ich verpflichtungsfrei tun kann was ich will. Ich bin wirklich gerne hier. Fahre gerne den Weg von Berlin. Weil Leipzig gut ist. Immer gut war. In Leipzig dürfen die Punks noch Dreadlocks tragen und oben ohne auftreten. Weil sie hier den züchtigen Kodex, mit dem verbiesterte Ideologen beginnen, die Punkszene ins Schachmatt zu stellen, hier noch nicht kennen. Denn Leipzig ist halt nicht Berlin. Leipzig ist sehr cool.

Sie verkaufen beim Festival veganes Gulasch, veganen Käsekuchen und vegane Erdnusskekse. Eine Welt, ein Laubhaufen. Später werde ich viele der Punks beim nahen McDonalds herumlungern sehen, der dann aber geschlossen haben wird, was sie dann anprangern werden.

Hast du schlechte Laune? Trink mal drüber nach. Singt die Bühne. Ich liege im Gras. Poge aufgrund der Kombination meiner Betäubungsmittel zu quälend langsam für den Pit und werde nach außen gereicht. Für mehr reicht es heute nicht. Es ist auch zu warm. Und der Punk hat Fußschmerzen. Der Punk wird alt. Der Punk ist schon lange kein Punk mehr.

Als irgendein Song gegen jede Religion gespielt wird, klärt mich jemand, den ich nicht kenne, aber der neben mir steht, darüber auf, dass er christlich aufgezogen worden sei. ICH BIN CHRISTLICH AUFGEZOGEN! Er. Rübergebeugt. In my face. Mit seiner Information. Extra für mich. Hurra. Thx. Here I am. Gimme more. Ich bin der Papierkorb für die Informationen anderer Menschen, die ihre Informationen gerne an völlig fremde Menschen loswerden wollen. Nie war das anders. Immer wird das so sein.

Furchen. Gedankenmäanderei. Splitter. Aus dem Hirn eiterndes Zeug. Dinge, die mir in den Sinn kommen, als ich im Gras liege und in den Himmel schaue, während die Musik mal pausiert. Jetzt. Nach den ganzen Jahren, nach denen das alles schon vorbei ist und ich eigentlich das Derbste hinter mir habe. Mich trockengeschwommen habe. Raus bin aus dem Schlick. Kennen Sie Juliane Werding? Den Song Stimmen im Wind? Bewahre, das ist gar nicht meine Musik, ist auch uralt. Nein, der Song lief so oft früher, als ich Kind war, so dass er sich bis heute eingebrannt hat. Meine Mutter mochte den Song wohl. Weil der so oft lief. Ich hörte den damals bis in mein Zimmer, in dem ich einen weiteren Arrest absaß, nach zwei Bissen vom zu ekligen Mittagessen dorthin gebrüllt und geschubst. Freunde klingelten und wurden weggeschickt, während der Song aus dem CD-Spieler laut in der Küche lief und die Sonne durch die Lamellen am Fenster in mein abgedunkeltes Zimmer schien.

Stimmen im Wind
Die so zärtlich und so liebevoll sind
Sei nicht traurig, Suzanne
Es fängt alles erst an

Diese Diskrepanz zwischen der bedrückenden Stimmung im vollkommen kaputten Elternhaus und der sie begleitenden 80er-Säuselmusik hat mich als Kind zerrissen. Ich wollte das auch, von dem sie da sangen, und bekam es nur selten. Höchstens in den paar kurzen Momenten, in denen diese Mutternull merkte, dass sie überzog. Überzogen hat. Dann kam sie und tat, was sie dachte, das Zuneigung sei. Weißt du, deine Mama hat es auch nicht leicht. Du hast aber auch … du musst aber auch … da kannst das nicht … sollst nicht … warum machst du immer sowas … (du, du, nur du bist schuld, dass ich so bin). Kuss Kuss nasser Kuss. Anfassen. Festhalten. Dann wieder im Jähzorn wegstoßen. Schnell vorbei, die Atempause. Die nächsten Tage, Wochen, auch Monate dann wieder der Hohn. Blumenstraußweise Strafen. Und fliegende Teller. Vom Tisch gefegte Stifte und Papiere und mein Mäppchen. In ihrer Wut abgerissene Poster von meinen Jugendzimmerwänden. Und immer dieser Hohn.

Einem Körper, der gesund ist, dem genügt ein leerer Geist. Konfrontationstherapie bedeutet auch, heute Songs wie dieses Schnulzding von Juliane Werding immer wieder zu hören und das Pochen des eitrigen Nachbrennerschmerzes von Mal zu Mal leiser werden zu spüren. Bis sich der Mist doch endlich verkapselt. Niemand hat gesagt, dass es einfach wird. Schon gar nicht nach diesen letzten beiden Jahren jetzt ganz aktuell, in denen die Depression auf mich zugriff wie nie vorher. Wenn Sie jetzt den Reflex zum Mitleid entwickeln, dann lassen Sie es bitte. Ich komme gut klar, arbeite nur auf. Immer weiter und weiter trage ich das zu Gestein gewordene Blut der ganzen Wunden ab. Stumpfe mich ab. Schneide mich auf. Höre den Song, der mir gar nicht gefällt, um mich zu konfrontieren und was daraus an Gedanken wuchert, schreibe ich auf. Mehr ist da nicht. Ich brauche kein Mitleid. Mitleid mit mir stößt mich ab.

Introbusiness auf dem Introtrip. Wenn Sie alleine sind und es bleiben wollen, werden Sie oft angesprochen. Mehr als Sie je wollen. Von Leuten, die nicht gern alleine sind, und denken, dass es Ihnen schlecht geht und Sie Gesellschaft brauchen. Mir geht das oft so. Hier heute auch. Ich komme anstrengungslos in die Gespräche mit Irgendwelchen. Über das Christentum erzählende Punks. Über die hübsche Bassistin erzählende Punks. Über Pfeffi (arg ekelhaft, wenn Sie gerade noch den Geschmack von Whisky-Cola im Mund haben) erzählende Punks. Der nächste Punk kommt aus Halle und erzählt mir, dass er öfter hier in LE ist. Erzählen Erzählen Erzählen. Weil alle immer glauben, dass es interessiere.

Ich erzähle von alleine nie etwas von mir, weil ich es unhöflich finde, ungefragt etwas von mir zu erzählen, sondern warte auf eine Frage nach mir, die aber nie kommt, weil alle immer so gerne ganz von alleine von sich selber erzählen.

Nach den vielen Jahren nun ist es immer noch faszinierend, dass extrovertierte Menschen, die natürlich bei weitem die Mehrheit der Gesellschaft darstellen, mich mögen, obwohl ich keiner von ihnen bin. Und das immer. Was wohl daran liegt, dass sie mich oft in manischen Phasen erleben, die ich inzwischen sogar in der Lage bin, für eine überschaubare Zeit zu faken, auch wenn bereits eine depressive Phase im Vollbetrieb ist. Aber das merken Extrovertierte nicht, weil sie nur sich selber gerne reden hören und ich ihnen sowieso vollkommen egal bin. Ich bin nur das Blendwerk, ein Reflektor für Wünsche, und alle werden so gerne geblendet. Das fällt mir inzwischen so leicht, dass ich es oft gar nicht mehr merke. Ah. Wieder einer. Der von sich redet. Was mag er für Erwartungen haben. Mal sehen. Tun wir mal das. Ach kucke. Volltreffer. Er fährt drauf ab. Easy. Keine Herausforderung mehr.

Ab und zu gefalle ich mir darin, zu nervige Extrovertierte mit Absicht zu irritieren. Dazu gehört gar nicht viel. „Mark! Naaaaaaaaaa? Wie geht’s?“ „Mies.“ Stille. Überforderung. Mark hat nicht mit „gut“ geantwortet, wie er sollte. Was tun jetzt? Fragt man nach oder wechselt man das Thema (sie wechseln das Thema, immer). Kurze Zeit später schon erzählen sie übers Wetter. Kaninchenzucht. Einen neuen blöden Kaffeeladen. Die hübsche Bassistin.

Sie erkennen, wenn Sie den krämerhirnigen Seelenscheiß überhaupt bis hierhin durchgehalten haben, ein Dilemma. Und zwar ein ewiges. Und ich scheue davor zurück, es aufzulösen, weil ich nicht weiß, was danach kommt. Was ich dann sein werde, wenn ich kein Reflektor mehr bin, hinter dem ich das, was vor dem Zerbrochenwerden geschützt werden muss, so zuverlässig verstecken kann.

Buh.

Deep.

Nein.

Gut. Alles ist gut. Bleibt gut. Zumindest für diesen Sommer 2022. In dem die Eckpfeiler ganzer Jahrzehnte gerade in Reihe wegbrechen. Billige Energie aus Russland. Billige Technik aus China. Kraftstrotzender Außenhandel mit Polizeistaaten. Überschüsse. Subventionen. Arbeitskräfte aus Schwellenstaaten für die unterbezahlten Dienstleistungsjobs, die niemand mehr machen will. Puff Puff Puff Weg. Mein preisverdoppeltes Gas. Der verdreifachte Strom. Die zusammenschmelzende Altersvorsorge. Rekordkundschaft beim Berliner Foodsharing. Amokfahrten. Messerschwinger. Das Meer an zerfaserten Verrückten, die mehr denn je seiernd und geifernd durch Berlins öffentlichen Raum marodieren. Das ganz offene unverbrämte Runterregeln der ersten Grundbedürfnisse. Wärme. Wasser. Wohnung. Die völlige Disponibilität aller früher selbstverständlichen Freiheitsrechte, die immer noch in diesem Buch stehen, das keinen mehr interessiert. Die ersten Extremisten des Zehnerjahre-Twittermobs in den ersten staatlichen Schaltstellen von Berlin-Mitte. Die Sprechverbote. Die Wortgebote. Die Vorschriften. Die Maßnahmen. Die Hypochonder mit dem Oberwasser, die jetzt schon den dritten Einschlusswinter vorbereiten, als würde das alles in dieser Summe der Sprengladungen nicht reichen. Es knirscht und ächzt und bricht dann wohl schließlich. Während ich nochmal tanze. Mir den Sommer gebe. Mit seinen Rekordtemperaturen jetzt schon. Sonnenbraun werden. Mitnehmen was geht. Alles machen. Alles abräumen. Nochmal abgehen. Nochmal ausrasten. Nochmal echt alles reinschütten. Nochmal rumdämmern. Zeit totschlagen. Durchlavieren. Zerstreuung suchen. Alles so laufen lassen. Weil die Sinnlosigkeit von allem, dieser ganzen Existenz, die darf man nun wirklich nicht zuende denken.

Epilog

Was am Ende wieder bleibt, sind Wege. Lange Wege. Einsame Wege. Dunkle Wege. Leipzig. Leutzsch. Nachts. Keine Sorge. Ich war’s nur.

Lost