Krass drauf am Nordhafen

„Wenne beim Kacken nich‘ so drückst, geht’s geschmeidiger. Is‘ auch gesünder.“

Wie Sie sehen, ist es der Beginn eines typischen Bufferdialogs. Sinnlos. Absurd. Abseitig. Nicht zielführend. Aber lustig. Es sind diese Chillernachmittage jetzt wieder, die bis in die Nacht gehen. Endlos sind. Dabei trotzdem seltsam zu schnell vorbeiziehen. Stunde um Stunde um noch mehr Stunde im Schnelldurchlauf. Mitternacht. Eins. Zwei. Bis der erste abkackt. Dann fallen sie alle immer schnell. Wie Dominosteine.

„Ja, aber dann dauert es ewig. Sitzte da, entspannst die Arschmuskeln und der Darm kommt nich‘ inne Hufe. Kommt nur Luft und mehr nich‘. Bisschen drückn’n muss schon.“

Im Moment dürfen wir nicht in die Kneipen. Oder wollen nicht. Eher wollen nicht mehr. Das hat sich alles so komisch verschoben. Erst zwangläufig nach draußen. Dann mit voller Absicht nach draußen. In die Parks. Jetzt können wir es uns gar nicht mehr vorstellen, wie es war, damals, als Sie für die Kneipe noch keinen Impfnachweis brauchten. Oder einen dieser Tests. Um dafür dann zwischen vier Wänden zu hocken und ’nen Fünfziger den Abend an der Theke zu latzen. Und vor allem dabei nicht mal buffen zu können. Das geht locker ein Jahr schon so. So machen wir das jetzt. Draußen ist das neue Geselligsein in der Stadt. Und wir sind bei weitem nicht die Einzigen. Pulks über Pulks. Vor den Spätis. Um die Bänke herum. Auf den Freitreppen. In den Parks. Die Stadt zieht Zeug jetzt draußen.

„Gibt ja auch Hämorrhoiden.“ „Was?“ „Gibt Hämorrhoiden, wenn man zu lange auf dem Scheißhaus sitzt und drückt.“

Wir haben Talisker. Eine Flasche davon. Geschossen bei Amazons Whiskywoche für knapp über nen Zwanni. Quasi geschenkt. Konkurrenzlos. Es läuft die Boombox mit unserer Musik, nicht der Musik von irgendeinem Kneipier (eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, dadada dadada). Fresskram wegen Munchies liegt verteilt herum. Die Beschaffung wie immer planmäßig organisiert. Jeder was. Kranke Chipssorten vom Späti. Frisches italienisches Brot. Salami. Pizzaecken. Die Kinderriegel, die ich so mag. Picknickdecke. Kissen. Arschpolster. Sonnenbrillen. Extra Pullover für später. Wir haben aufgerüstet in der Pandemie. Uns eingerichtet. Bequem gemacht. Zeitlosigkeit macht sich breit. Es ist für alles gesorgt.

„Dit Beschissene is‘, wenn die Kinder das Smartphone mit zum Kacken nehmen. Blockiert det Klo über Stunden. Keene Chance ooch nur pullern zu geh’n.“ „Hab‘ ick verboten.“ „Kann ick nich‘ verbieten.“ „Warum?“ „Weil icket selber mache.“

Wir beginnen mit den sauren Gummidrops vom Taxi. Auf der Packung steht, dass sie die aus Kalifornien bekommen. Oder Kanada. Oder was auch immer „Ca“ bedeuten soll. Caribic. Candaloupe. Cabul. Wen kratzt’s. Die Dinger haben sie ordentlich gepimpt die letzten Jahre. Den THC-Anteil erst veranderthalbfacht, dann verdoppelt. Sie müssen vorsichtig sein mit denen, sonst schießen Sie sich direkt komplett ab. Will sagen, Sie schlafen einfach ein. Overdose. Kreislauf runter. Hinlegen. Wegpennen. Stunden später aufwachen. Alles verpasst haben. Verstrahlt heimgehen. Sinnlos. Inzwischen reicht ein halbes Gummiteil für den Auftakt. Denn wer zu gierig ist, kackt ab und wer abkackt, wird angemalt. Das hat sich nie geändert.

„Tanja scheißt wie ein Bauarbeiter. Das stinkt so abartig, das kannst du dir nicht vorstellen.“ „Häh? Ich dachte immer, die Scheiße von Frauen riecht nach Vanille. Oder nach Rosen.“ „Haha, ja, Trugbild, Alter, kommt von der ganzen Verherrlichung. Thron. Engel. Flügel. Babyface. Kulleraugen. Vanille statt Suffschiss. Vergisset mal. Übelste Kloake, ick könnte zwanzig Hackepeterzwiebelbrötchen fressen plus nen Blumenkohl und drei Dosen Kidneybohnen obendruff und det würde nich‘ so stinken wie Tanjas Schiss.“

Die Sonne scheint. Sobald sie im Frühling rauskommt, kommen wir krass drauf. Hier im Park. Heute im Sellerpark. Nordhafen. Rechts die ekligen Rohbauten eines neuen monströsen Ekelviertels, das sie halb schon hochgezogen haben und in dessen unpersönlichen Schluchten die ewige Einöde regieren wird, was wir wissen, weil wir später hacke feixend von den sandigen Wegen aus in die schon fertiggestellten vorhanglosen Wohnungen lugen werden, in denen pausbäckige klimaneutrale junge Familien heimelige 60er-Jahre spielen. Links der kolossale Nazibau eines Stromkonzerns. Und gegenüber vollkommen lächerliche Townhäuser in bescheuerter Farbkombination, in deren Schuhkartonflair tatsächlich Leute wohnen, die für so etwas inzwischen fast eine Million hinlegen. Sitzen wir hier. Seicht. Sinnlos. Uns treiben lassend. Nichts wollend außer unserer Ruhe. Draußen. Gut ausgestattet. Alles dabei. Zufriedenheit braucht gar nicht viel. Nur loslassen eigentlich. Das wissen wir alle ohne es auch nur einmal auszusprechen.

„Kacken ist schon geil.“ „Yo. Kacken ist geil. Geiles Gefühl.“ „Geiler fast als Sex.“ „Habt ihr noch Sex?“ „Yo. Manchmal. Kacken is‘ öfter.“

Inzwischen sind wir Experten. Der Ablauf hat sich eingespielt. Erst die Gummis. Dann flankierend der Alkohol. Abwechselnd mit Red Bull zum Fitbleiben. Kokos-Blaubeere, dieser so perfekten Kombination, die sich ein Geschmacksgott ausgedacht haben muss. Mit der Wirkung der Gummis nach einer Stunde gehen die ersten Spliffs an den Start. Inzwischen altersgemäß aus dem Verdampfer und jeder mit seinen eigenen Sorten, die verkostet werden wie Wein und deren Wirkungen pseudoprofessionell verglichen werden. Kommste hoch. Kommste runter. Kommste sanft. Kommste hart. Lemon Jack. Cinderella. Homegrown aus Brandenburg. Kein Hasenheideshit mehr. Hasenheideshit war mal. Wir haben aufgerüstet. Kennen Leute. Mehr Leute als früher. Sind jetzt besser. Professioneller. Ritueller auch. Kneipe war gestern. Wir sind jetzt Chiller in den Parks.