Das Kreisen der Aasgeier

„Guten Tag, wohnen Sie hier?“

„Öhm, ja.“

„Haben Sie hier Eigentum?“

„Nö, warum?“

„Können Sie mir sagen, wie ich Ihren Vermieter erreiche?“

(Ah. Daher weht der Wind. Ein Immobiliengeier. Der kaufen, kernsanieren und die Miete hochdrehen will, bis der nutzlose Wohnraumbesetzer endlich dorthin zieht, wo er hingehört: Nach Schwedt. Frankfurt/Oder. Słubice. Bydgoszcz. Archangelsk. Um die Bude dann gewinnbringend zu vertickern, wenn sie endlich leergemacht ist.)

Es gibt nur einen Beruf, den ich mehr verachte als Banker und das sind Immobiliengeier. Nein, kein Witz. Mein Ernst. Ach? Sie sind einer? Ich mag Sie nicht. Egal was für ein Mensch Sie sind: Ich mag Sie nicht.

Banker sind nicht ganz so schlimm. Banker lassen mich wenigstens in Ruhe, seit ich die letzten Schulden für die fahrlässig in meine Wohnung gelassene und sich dort festgebissene Geldfresserin abbezahlt habe. Immobiliengeier lassen mir keine Ruhe. Sie geiern durch die Schluchten meines Bezirks und gieren nach Objekten. Verpesten das Stadtbild mit geierigen Plakaten („Suche Immobilien – kaufe alles“), auf die sie zu allem Überfluss auch noch ihre grinsenden Hackfressen pappen. Und jetzt schreiben sie mich auch noch an. Auf Papier. Und werfen das in meinem Briefkasten. Ein großkotziges Schreiben in großkotzigem Duktus. Hoho. Hear Hear! Wir sind die geilsten Immofritzen der Welt – verkaufen auch Sie uns jetzt heute Ihre Wohnung. Reicht ja nicht, wenn sie einen im Treppenhaus abfangen und anlabern. Muss ja noch ein Brief obendrauf sein.

Bei nem Kumpel haben sie geklingelt. Die Geier. Wie die Zeugen Jehovas, die hier jeden zweiten Samstag durchs Treppenhaus schleichen. Gehört die Wohnung Ihnen? Eigentum? Eigentum? Haben Sie Eigentum? Ja? Ja? Können wir kaufen? Kaufen? Ihre Wohnung kaufen? Nein?

Mir schreiben sie also jetzt Briefe. Bald ruft bestimmt einer an. Oder seilt sich auf meinen Balkon ab. Vom Helikopter. Tolle Wohnung! Altbau! Prenzlauer Berg! Sahne! Sahne! Premium! Hollaho! Kann ich kaufen? Kaufen? Kann ich kaufen? Sind Sie der Eigentümer? Nein? Können Sie vermitteln? Wem gehört das Objekt? Das Objekt? Wem gehört es? Ich will es haben.

Oder schiebt was unter der Tür durch. Mit Schoki. Campt im Treppenhaus auf der Suche nach einem Verkaufswilligen. Oder einem Mieter, der so dumm ist und für nen Fuffi Cash den Kontakt zu seinem Vermieter herstellt.

Das ist mein Berlin in der fahrlässig (von der SPD, nur als Erinnerung, die SPD war das, die regiert hier seit 20 Jahren) herbeigeführten Wohnungsknappheit. Knappes Angebot plus hohe Nachfrage ergibt die kreisenden Geier in den Treppenhäusern des Sahnekiezes des Sahnebezirks. Ein ehrloser Beruf im Marktstillstand. Wer hat, der bleibt. Wer rein will, hat verkackt. Wohnungen gibt es fast nur noch unter der Hand, wenn Sie nicht in einer Bau- oder Investorengemeinschaft für die immer weniger werdenden Baulücken sind. Oft komplett ohne Makler, einfach indem der Vormieter ein hochnotpeinliches Casting für den solventesten Neumieter veranstaltet und dafür als Dank den abartigen hohen vierstelligen Abstand für die alten Drecksmöbel einstecken darf. Wofür Sie sich mit Lebenslauf und Motivationsschreiben bewerben dürfen.

Es bewegt sich fast nichts mehr im festgefrorenen Wohnungsmarkt, was zwar ein total kranker Zustand ist, aber die Hoffnung nährt, dass die immer weniger daran beteiligten Geier erst anfangen zu hungern, dann zu darben, um dann endlich was vernünftiges zu arbeiten. Bis dahin steckt euch eure Briefe gerne in den Darm.