Hurra, hurra, das Virus ist da (7)

Tag 7. Wenig Veränderung. Ich bilde mir ein, dass sich mein Gesamtzustand leicht bessert, aber das kann auch Einbildung sein. Besser kein Bier mehr aufmachen. Keine Experimente. Never change a running body. Immer noch nachts Fieberschübe, wenn auch nicht mehr so drastisch derilitär. Nochmal nasses Laken. Nasse Bettdecke. Tagsüber deutlich weniger Fieber jetzt, manchmal gar keines mehr, dafür gebliebene Atemnot. Zugeschnürte Brust. Nicht mehr ganz so rund funktionierende Lunge. Blabla. Kein Bock mehr, Symptome zu verbloggen. Interessiert keine Sau. Selbst mich nicht mehr. Wird schon irgendwie. Oder nicht. Egal.

Doch, einen noch: Mein Geschmackssinn ist tatsächlich weg. Komplett. Nichts mehr zu machen. Ich habe zum Test ein Stück geschälten Ingwer gefressen. Nix. Nur ein Brennen im Hals beim Runterschlucken. Alles weg bis auf Salz, das ich ganz leicht wie eine entfernte Erinnerung rausfühlen kann. Sonst nichts mehr. Kein Sauer, kein Süß, kein Nada. Nutellabrot. Gewürzgurken. Salami. Kaffee. Schmeckt nach Null. Das Schlimmste ist Single Malt. Kein Bouquet. Nix zu riechen. Und zu schmecken auch nicht. Brennt nur nach hinten raus. Ich trinke ihn trotzdem. War zu teuer für die Spüle. Ein Gefühl von Sinnlosigkeit breitet sich aus. Wie werde ich saufen in Zukunft?

Der Geruchssinn ist auch hinüber. Das Kind furzt nach dem Kacken auf dem Weg vom Bad ins Kinderzimmer wie ein polnischer Bauarbeiter, aber ich rieche nichts. Das Badezimmer ist, nachdem das Kind geschissen hat, normalerweise unbetretbar. Jetzt egal. Ich riech‘ gar nix. Das kann gerne so bleiben. Dann könnte ich wieder S-Bahn fahren, ohne jedes Mal in Ohnmacht zu fallen, wenn einer der berühmten Berliner S-Bahn-Sprittis brüllend und pöbelnd durch die Wagen pflügt und pure Verwesung in der malträtierten Luft zurücklässt.

*

Es ist aber nicht alles schlecht in Honkenland. Dadurch dass ich wenig esse, aber der Körper so rattert, ackert, dabei viel Flüssigkeit verliert und offensichtlich auch dicke eklige Kalorien verballert, gefällt er mir das erste Mal seit Monaten wieder. Leichtes Untergewicht. Ästhetisch eingefallene Wangen. Hager. Sagt man wohl dazu. Schön hager. Ein wenig ausgezehrt. Abgekämpft, aber nicht übel als Optik. Auch die engste Jeans der Welt passt wieder. Gut. Doch. Es ist nicht alles schlecht.

*

Die Kinder der Schulklasse vom Kind fallen wie die Fliegen. Quarantäne. Quarantäne. Noch ne Quarantäne. Der Quarantänechat, den die Kinder installiert haben, wird voller und voller. Ein einziges lustiges Wiedersehenfeiern. Ach, du auch in Quarantäne? Lol. Jonas. Anton. Mahmoud. Abdullah. Ping. Ping. Ping. Jeden Tag joint ein weiteres separiertes Seuchenkind. Ich weiß nicht, ob überhaupt noch eine Handvoll Kinder für den Präsenzunterricht überlebt hat, während der abgesonderte Rest unterbeschäftigt in einem vernachlässigten Berliner Onlinetool namens Lernraum abhängt. Keine Ahnung wie sie diese verlorene Schülergeneration zum Schulabschluss kriegen wollen. Das wird selbst für den limitierten Horizont des nutzlosen Berliner Müllabiturs eine Herausforderung.

Derweil drehen die Black Hawk-Mehrzweckhelikoptereltern im Gruppenchat der Schulklasse komplett durch. Verlangen, dass die ganze Klasse in Quarantäne geht. Begehren Zero Covid und Homeschooling. Einschluss und Maßnahmen. Die schlimme Zeit! Diese schlimme Zeit! Drückt eure Kinder! Die Kinder! Drückt eure Kinder! Passt auf euch auf! Schützt eure Lieben! Gemeinsam werden wir TILT TILT … skip. Es ist Endsieggefasel wie aus einem Volksempfänger. Ich lösche den Chat wegen Unerträglichkeit. Ich bin des Endsieggefasels leid. Von mir die weiße Fahne. Lasst doch endlich die Sowjets die Greifswalder Straße hochrollen. Mir doch egal.

*

Ich habe den Coronatest von letzter Woche abgerechnet. Easy per App. 79 Euro. Was für ein Nepp. Ich hätte Aktien von Coronatestherstellern kaufen sollen. Oder gleich von den Clans, die die Berliner Testcenter betreiben. Den Shit bezahlt zum Glück die Krankenkasse. Zahlt mir die Auslagen zurück. Und holt sich das Geld bestimmt vom Staat wieder. Der sich das dann von mir holt. Disco. Pogo. Dingeling. Aber egal. Weil ich ja lebe. Immer noch nicht gestorben bin. Schon gar nicht an Coronner, Corinna, Cackmichweg. Rappel. Koller. Scheißwohnung. Vollmeise. Hust. Jetzt reicht’s mal wirklich.

*

Das ABC-Zentrum hat mir per E-Mail den Plänterwaldlauf für Dezember annonciert. 20 Kilometer. Haha. Hahaha. Ein Brüller. Ich glaub‘, das lass‘ ich mal sein. Sport. Wann war der letzte Lauf? Vor anderthalb Wochen? Andere Welt. 25 Kilometer. Luft mit voller Lunge. Eine Herrlichkeit, die sich anfühlt wie 80 Jahre her. Mauerpark. Wedding. Reinickendorf. Rosenthal. Über Blankenburg und den Weißen See nach Hause. Illusorisch. Inzwischen pumpe ich im Treppenhaus wie der alte Säufer, der mal in den Nullerjahren über mir gewohnt hat und der irgendwann starb, auf seiner Couch, sukzessive stinkend und eine Legierung mit dem Polster eingegangen von der Feuerwehr aus der ruinierten Wohnung getragen wurde.

*

Playstation durchgespielt. Netflix durchgespielt. Vorratsschrank durchgespielt. Colakiste durchgespielt. Endlich ruft niemand mehr an, um mich zu fragen, wie es mir geht. Rote Currypaste auf die Zunge gelegt. Nix. Eine Habanero. Nix. Nach Schärfewettbewerben gegoogelt, die ich jetzt alle gewinnen würde. Endlich Klamotten gewaschen. Komischer Schwebezustand. Ich hätte nicht gedacht, dass ich es auf sieben Blogposts bringe. Ich glaub‘, das mit dem Tod wird diese Woche nix mehr.

Hurra, hurra, das Virus ist da (6)