Hurra, hurra, das Virus ist da (6)

Tag 6. Komisch, dass ich die Pizza noch schmecken kann, die ich mir paypalbezahlt habe kommen lassen vom Pizzamann, den ich aus Fairnessgründen von weitem gewarnt habe: Vorsicht. Ich habe Corinna. Legen Sie die Pizza auf den Treppenabsatz. Ich rolle Ihnen das Trinkgeld rüber.

Doch er wollte das Trinkgeld nicht, sondern flüchtete. Will wohl nicht sterben, der Mann. Ich versuche, es nicht persönlich zu nehmen. Er hat ja Recht. Reicht ja wenn einer stirbt. 

Als lockerer erwies sich der DHL-Mann, der mir endlich den Rammsteinwhisky gebracht hat. Bleiben Sie besser auf Abstand, sage ich zu dem Albaner. Ich bin bald tot. Ich hab‘ Coronner. Egal, sagt der. Machsu kein Sorrrge. Hattisch schon zwei Mal. Was? Und Sie leben noch? Siehstudoch. Lebischnoch. Hahaha. Krass, diese Albaner. Tollkühne Typen aus Stahl. Kein Wunder, dass die bei DHL die Polen abgelöst haben, die die Deutschen abgelöst haben.

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Ich habe endlich mal den stinkenden Müll runtergebracht und damit die Quarantäne gebrochen, aber hey, irgendwo muss der Müll ja hin. Wie stellen die sich das vor?

Auf dem Weg zurück nach oben greift Kurzatmigkeit Raum. Auf dem Treppenabsatz. Ekliges Pfeifen. Atemlos. Lalala. Lied auf Lippen. Ein ziemlich erbärmliches Japsen. Ich bekomme nicht so viel Luft in die Lunge wie ich beabsichtige. Und gewohnt bin. Ein Gefühl wie ein Tau eng um den Oberkörper geschnürt. Unschön. Ich atme schneller. Weniger Volumen, aber mehr Tempo ergibt den Sauerstoff, den ich brauche. Irre. Alles. Irre. Und fremd. Ich kenne so etwas nicht. Mir ist dieser Zustand vollkommen neu. Ich werde selten krank, eigentlich nie, ich bin nur Großmeister im Krankmelden, wenn ich nachts vorher in unheiligem Kombinationswechsel gesoffen und gekokst habe. Aber so etwas hier. Dieser Zustand. Ich kenne so etwas nicht.

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Diese eine kurze Erholungsphase konnte nicht alles gewesen sein. Ich dachte mir das schon. Wie im Angesicht einer Welle, die sich kurz zurückzieht, um dann umso härter zuzuschlagen, lief ich kurz zum Nachmittag, als die Sonne durch die Wolkensuppe lugte, wie ein junger Hoodiehonk stinkefingertänzelnd auf dem Balkon auf und ab, tatsächlich das erste Bier seit über einer Woche in der Hand, Musik aufgedreht, euphorisiert, besserfühlend. Arrogant wieder. Besiegt, die Scheiße. Unsterblich, sag‘ ich doch. Verpiss dich, Corinna. Ich hab‘ dich besiegt. Du dumme Sau.

Nachts darauf wie als Disziplinarmaßnahme ein Fieberschub für Erwachsene. Wirre Wahnträume. Aufwachen. Durch einen Schleier schauen. Wieder abtauchen. Schwindel. Kinofilm in SD. Das Schlafzimmer rasend. Watte. Schaum. Farben. Nebel. Erinnerung an den fiesesten Trip meines Lebens. Damals gekrümmt wie ein Embryo auf dem Boden. Wahnbilder. Zittern. Übelkeit. Dann Kloschüsselvollkotzen. Was da drin war in dem Zeug, das ich geraucht habe, habe ich nie rausbekommen. Zoom. Wieder Gegenwart. Es ist endloseste Nacht. Ich wache auf, weil Laken und Decke zu nass sind, um damit weiterschlafen zu können, so nass, dass ich im Halbdelirium Handtücher auslege und die Ersatzdecke aus dem Schrank fischen muss, die es nur gibt, falls ich mal hacke das Bett vollreihere, was noch nie vorkam. Zittern. Schütteln. Körper. Fieber, das ich nicht messe, weil ich das Thermometer nicht finde. Verlegt habe. Es weg ist. Ich besitze zwar Fiebersenker fürs Kind, nehme ihn aber nicht, weil Fieber gut ist, bilde ich mir ein (die Bazooka des Körpers gegen den Keim! Die Atomrakete. Boom!). Und ich die Flasche Nurofen jetzt sowieso weder finden noch öffnen könnte. Ab wann gerinnen die Eiweiße und mein Blut verklumpt? 41? War das 41 Grad? Egal. Wer abkackt, kackt halt ab. Wer geht, der hat verschissen. Durchziehen oder draufgehen.

So ist das Leben im Wechsel. Der Tag überwiegend fieberarm, die Nacht übel. Notizen machen. Sachen aufschreiben, sobald möglich. Weil ich sonst alles vergesse. Später die Fragmente sortieren. Ausformulieren. Bilder aus dem Archiv aussuchen. Alles in irgendeine Form bringen. Festhalten, die Grotte. Bloggen am Limit.

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Gegen Abend Gebimmel. Das Telefon. Die Genderkönigin von der Projektleitung ruft an. Klopft das Befinden ab. Natürlich nicht primär, um meine absolut egale Seele zu streicheln, sondern um zu eruieren, ob es bereits Zeit ist, die Subprojekte neu zuzuweisen. Das machen sie immer. Kratzt jemand an der Woche Fehlzeit, rochieren sie, um die Fristen nicht zu reißen. Weisen die Dinge neu zu. Die Sahnestücke zuerst. Belohnen welche damit, die belohnt werden sollen. Und wer zu spät aus dem Kriegskrüppelstand einer Erkrankung zurückkehrt, für den bleibt der Kessel voller Scheißdreck, den andere loswerden wollen (und immer los bekommen). Also muss ich aufpassen, nicht zu klingen wie ein potenzieller Langzeitkranker. Aber auch nicht wie ein Hochstapler. Ein Hypochonder. Eine fucking Drama Queen. Wie diese Internetjammerlappen, über die ich immer lache. Hülfe! Ich sterbe! Ich sterbe! Und dann passiert doch wieder nix. So wie hier. Bei mir. Ich lebe ja auch immer noch.

Ich reiße mich zusammen und gebe als Perspektive für die Rückkehr nächste Woche aus. Das ist angemessen früh, so dass die Schmutzgeier meine brachliegenden Projekte noch nicht vorausgreifend fleddern können.

Sie informiert mich in einem Nebensatz darüber, dass sie meine Coronaerkrankung namentlich an die Geschäftsleitung weitergegeben hat, weil die immer genau informiert sein will, wer die Seuchenvögel in der Belegschaft sind.

„Du hast meine Diagnose weitergegeben?“

„Ja.“

„Mit Namen?“

„Ja. Muss ich.“

„Das geht nicht.“

„Doch, das müssen wir machen.“

„Nochmal: Das geht nicht. Das sind höchstpersönliche Krankheitsdaten. Die könnt ihr nicht einfach irgendwo sammeln. Schon gar nicht mit Klarnamen.“

„Mark, wir haben eine Pandemie. Der Betriebsrat trägt das mit.“

(Der Betriebsrat. Diese nichtsnutzigen Freibiergesichter. War ja klar. Dass die wieder tun, was sie am besten können. Verraten und verkaufen.)

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Bei Telegram postet einer einen ironischen Nachruf auf mich, verbunden mit dem Aufruf, endlich die Arschbacken zusammen zu kneifen und zu kämpfen. Halt durch, Mark! Beiß! Zieh! Dramatisch. Overdressed. Fußballjugendtrainerstyler. Maximal demotivierend. Wenn ich das Ding überlebe, werde ich dem Typen die Freundschaft kündigen. Fußballtrainer sind fürchterliche Menschen. Niemand sollte Fußballtrainer im Freundeskreis haben.

Nochmal: Wenn Sie es kriegen, machen Sie es nicht wie ich. Erzählen Sie es niemandem. Denn die Kommunikation mit anderen Menschen kostet mehr Kraft als der Endkampf um die Festung Berlin gegen dieses bescheuerte Virus.

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Im Internet warnt wieder Wieler. Ich warne auch. Vor meiner Cola. Die ist alle. Uralte Löffelbiskuits stehen hinten im Schrank hinter vergammelten Haferflocken, in denen sich Motten eingenistet haben. Ich werfe beides vom Balkon auf die Kreuzung, wo sie von einem DHL-Transporter überfahren werden. Irgendwer brüllt im Treppenhaus jemand anderen an, der zurück brüllt. Die linke Seite meiner Brust sticht. Ich müsste mal wieder Klamotten waschen, aber verschiebe es. Blick ins Vorratsfach. Bargh. Fusili. Mit Bolognese aus dem Glas. Der Fraß für morgen. Ich esse wirklich nur Scheiße. Hab‘ nicht mal Bock, den Rammsteinwhisky zu probieren.

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Irgendeine der drei idiotischen Kirchen meiner Gegend bimmelt zum Gebet. Vor dem Fenster Bäume wie Gerippe. Ein Himmel wie Graupensuppe. Die Abendbrotstulle schmeckt fad. Marmelade. Neutral. Da scheidet er nun wohl dahin, der Geschmackssinn.


Hurra, hurra, das Virus ist da (5)