Hurra, hurra, das Virus ist da (5)

Tag 5. Ich habe vor Langeweile nach Urnen gegoogelt. Mir meine Urnenfavoriten in die Lesezeichenleiste gespeichert. Schwarz natürlich. Dazu habe ich eruiert, wie man das ganze Beerdigen vorher regeln kann. Will ja dem Kind nicht auf der Tasche liegen.

Eine Grabstelle braucht es wohl. Und Klimbim drumrum. Urnenträger. Einen Redner, der möglichst viel geschönten Blödsinn über mein Leben erzählt. Vielleicht kann ich den Driesen buchen. Wer so gut schreibt, redet bestimmt auch gut. Musik brauche ich auch. Ich hätte ja gerne Ben RackeN. Aus Magdeburg. Live on grave. Depripunk. Was niemand mag außer ich. Credo: Du hast die Sonne gesucht, das Zittern bleibt. Großartig. Und beim Versenken der Urne möchte ich den Song November abgespielt sehen, wenn es denn noch mit November klappt. Alle sagen immer, sie möchten möglichst viel Frohsinn auf ihrer Beerdigung. Ich möchte das nicht. Es würde gar nicht zu mir passen, weil ich Frohsinn schon im Leben nicht leiden konnte. Von ostentativem Frohsinn kriege ich prinzipiell schlechte Laune.

Ich möchte gerne mit einem hässlichen Potpourri voller Düsternis, Trübsal und Tränenschwärze abtreten. Am Besten bei einem Gewitter mit Sturmregen und Hagel, das die Beerdigung sprengt und alle in Panik zu den Autos rennen lässt (außer die glaubhaft trauernde Gothictorte, weil ich für die bezahlt haben werde). Sintflut. Blitze. Windhosen. Panik. Umknickende Bäume. Totale Konfusion. So etwa. Weil nur das konsequent ist. Aber das versteht wieder keiner, wie immer. Wahrscheinlich wird die Sonne scheinen. Vögel werden zwitschern. Oder Tauben gurren. Gu-Gurr-Gu. Ein schlimmer Pfaffe wird reden. Und sie werden statt Ben RackeN irgendwas Leierndes von Bosse von CD abspielen. Revolverheld. Den peinlichen Ärzten. Clueso. Oder Emissäre aus dem Borgwürfel werden live singen.

(… uargh, ehrlich, bitte nie wieder singen. Mich hat nie etwas mehr traumatisiert als das …)

Dennoch: Ich weiß gar nicht, wie man das alles organisiert. Ich weiß auch gar nicht, wie man das regelt. Vorher bezahlt. Ich weiß mal wieder gar nix. Die Friedhofsverwaltung anrufen? Das Bezirksamt? Die Kirche? Da bin ich gar nicht mehr Mitglied. Ausgetreten vor Jahren schon. Als erster (und vermutlich bis heute einziger) dieser chronisch stupidreligiösen Familie, der ich entstamme. Lassen die mich überhaupt auf ihren Friedhof? Ungeimpft und unreligiös? Ich muss das klären. Ich muss alles klären. Ich habe nicht mehr viel Zeit.

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Derweil hat das Fieber eingesetzt. Pendelt zwischen 39 und 39,5. Selten darunter. Eher drüber. Bei 21 Grad in der Wohnung beginne ich unkontrolliert zu zittern. Was klar ist. Die reinste Physik. Körper heißer + Wohnung gleich warm = Gefühlte Kälte. Hilft Heizung aufdrehen. Hoodie anziehen. Wolldecke auspacken. Und wegen der Zitterattacken Horror vorm Pissengehen haben. Nervt.

Mein Husten klingt dazu jetzt wie der eines altersschwachen notgeilen Esels. Oder der eines brünftigen Elchs mit Kehlkopfkrebs. Die Lunge fühlt sich an wie mit Blei beschwert, Last trifft Brust. Ich kann nur selten etwas hervorwürgen, um es auszukotzen und damit das eklige Rasseln mal kurz abzustellen. Herzrasen. Im Wechsel mit langsamerem, aber forderndem Herzbollern. Klar. Der Körper ackert. Ist sein Job. Trotzdem unangenehm. Ich lege mich nicht auf die linke Seite, weil ich mir einbilde, die linke Seite würde dem Herz die Aufgabe schwerer machen. Schwerkraft. Runterpumpen ist einfacher als Hochpumpen. Physik. Wieder reine Physik. Mehr bleibt ja am Ende nicht.

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Die Kondolenzanrufe lassen nach. Das Zubomben mit semilustigen Bildchen via Messenger leider nicht. Scheiß Memes. Memes sind ein Heuler inzwischen. Memes sind uncool geworden, seit jetzt auch die Tratschtulpen aus dem Borgwürfel sie weiterverschicken und dabei giggeln.

Die einzige Kontaktaufnahme, die mich wirklich freut, ist jene des freundlichen Moslems aus dem Borgwürfel, dem einzigen Menschen, den ich dort wirklich mag. Weil den keiner mag, obwohl das ein ernsthaft angenehm hintergedankenloser Mensch ist (wahrscheinlich deshalb). Mit seinem Hang zum erbarmungslosen Pathos kündigt er an, am Freitag in seiner Kreuzberger Moschee für mich beten zu wollen, um bei Allah ein gutes Wort für mich einzulegen, auf dass der mich vielleicht jetzt doch noch nicht zu sich holt. Ich bin kurz versucht, ihn darauf hinzuweisen, dass Allah für einen Ungläubigen wie mich sicher keinen Finger krumm machen wird, lasse es aber, denn es würde die Geste ruinieren. Ihm ist das ernst. Ich weiß das und schätze das, weil er der einzige Mensch am Arbeitsplatz ist, dessen Befindlichkeiten mich interessieren. Außerdem weiß ich gar nicht, ob Allah überhaupt Finger besitzt, die er krumm machen könnte. Mit Religionen kenne ich mich nicht aus. Ich lehne Religionen ab.

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Das Gefühl, die Zelle fährt. Ich sitze lange Minuten auf dem Klo mit Bidetfunktion herum und lasse mir warmes Wasser auf die Rosette spülen. Der Kräutertee schmeckt nach Kotze. Wie die Vetteln hier im Kiez den Ayurvedafenchelshit jeden Tag trinken können ist mir ein Rätsel. Auch vom Anblick der schieren Masse an amazonbestellten Nudeln mit Tomatensoße wird mir inzwischen schlecht. Unten angebunden vor dem Späti jault ein Hund seit einer Stunde wie eine rostige Tröte, aber keiner mag ihn erschießen. Sonst Blei. Minuten wie Wochen. Ich habe mir die Fußnägel endlich geschnitten.

No pasarán


Hurra, hurra, das Virus ist da (4)