Hurra, hurra, das Virus ist da (2)

Tag 2. Weiß jetzt gar nicht, ob ich schon prophylaktisch Tschüß zu Ihnen sagen soll. Aus dem Koma, vom Seziertisch oder gar vom Krematorium aus geht das ja schlecht. Frisch verbrannte Asche aus einer Urne schreibt nicht Tschüß, zumindest nicht selber. Na gut, wieder einmal wortlos zu gehen ist ja auch langweilig irgendwann, also bitte sehr: Farewell. Gehaben Sie sich Dings. Ich danke für Nachsicht, Geduld, Durchhaltevermögen, Toleranz, Empathie und vor allem für Ihren Sinn für gestörten, abseitigen Nischenhumor, den Sie zwar mit mir teilen, aber der immer seltener wird. Bye bye einerlei. Mein Auftritt endet möglicherweise. Meine Uhr kann abgelaufen sein. Tick. Tock. Der Schlumpf hat Coronner.

Falls ich die Todesseuche wie durch ein Wunder doch überlebe, dann habe wenigstens auch ich eines dieser zwei Millionen nutzlosen Coronatagebücher geschrieben, das ich mir in 50 Jahren (nee, Spaß, spätestens da beabsichtige ich wirklich, tot zu sein) noch einmal reinziehen und nachfühlen kann, wie krass das damals alles war. Im düsteren Coronawinter 2021/22. Gefangen im Senkblei. Gefühlsgefroren im gesellschaftlichen Eisschrank. Mit der Mutation in der Lunge auf der Couch. Behördlich versiegelt.

Die Symptome dürften bald schlimmer werden. Sagte der Doc. Im Moment ist es nur das Kratzen im Hals. Sie bereiten sich vor, die Viren. Halten die Stellung. Sortieren die Bataillone. Wärmen sich auf. Vermehren sich unter dem Radar. Um mich im Handstreich zu fällen. Ich weiß ja, wie das läuft. Handstreiche sind die besten. Auch meine Lieblingstaktik von allen. Zack, Überraschung und weg. Bis der Gegner sich sortiert hat, weht längst die Fahne. Ich habe Schulhofschlägereien auf die Art gewonnen.

Reden Sie mir nichts anderes ein. Es ist auf jeden Fall meine eigene Schuld. Wessen sonst? Leichtsinn. Arroganz. Ignoranz. Das volle Arsenal. Ich habe noch letztes Wochenende alle ihre inzwischen stündlichen Warnungen in den Wind geschlagen. Sie als Gardinenpredigten eitler Selbstdarsteller bezeichnet. Als Überreaktion einer chronisch heruntergewirtschafteten, aber gleichzeitig entzündeten, angstgestörten und hashtagflankiert routiniert durchhysterisierten Gesellschaft, die inzwischen irrationale Panik vor fast allem hat und deshalb alle Wände, alle Kanten, alles Leben polstert und in Sagrotan badet. Und dabei nicht bei sich selbst aufhört, sondern alle anderen zwingen will, das ebenso zu machen.

Ich habe falsch gedacht. Ich habe gedacht, ich wüsste selber, was gut für mich ist (das ist nicht so, andere wissen immer viel besser, was gut für mich ist, hoffentlich lerne ich das jetzt endlich). In Wirklichkeit weiß ich nicht, was gut für mich ist. Ich habe Freunde geherzt. Mit den Säufern vom Späti abgeklatscht. Das Kind gedrückt. Noch beim Abholen von der Schule gestern mit dem verbrieften, mit Schulstempel dokumentierten Wissen, dass das Kind jetzt amtlich festgestellt ein Seuchenpestkind ist. Ich bin einer von denen, die letzten Winter schwerverbrechend rodeln waren. Sich immer weiter mit allen möglichen Anzahlen von Haushalten getroffen haben. Ich war bei Sonne im Park. Hatte trotz öffentlichem Alkoholverbot eine illegale Buddel Rum auf der Picknickdecke. Ich war bei Regen in den Gassen. Bei Wind im Wetter. Bei Schnaps im abgedunkelten Wohnzimmer mit Freunden. Bei Koks zu dritt auf Klo. Ich war tanzen. Saufen. Habe ohne Maske gefickt. Gegen Regeln verstoßen. Verordnungen. Alle guten Ratschläge. Es war ein Tanz auf dem Drahtseil ohne Boden und doppeltes Netz und jetzt bin ich halt herunter gefallen. Instant Karma. Und nochmal: Es ist meine Schuld. Ich habe nicht gehört. Coronner ist das neue Aids. Und ich hab’s jetzt halt.

Vor ein paar Tagen habe ich noch getönt. Ich wöllte es mal machen wie Wolfgang Herrndorf. Den eigenen Tod dokumentieren. Schreiben, so lange das Absterben mich lässt. Wenigstens irgendwas hinterlassen, wenn auch literarisch wertlos, aber egal. Ich hinterlasse ja sonst kaum was. Von mir bleibt ja nix. Nur Buchstaben. Und die auch nur so lange, bis WordPress den vergammelten Blogmutanten hier löscht. Aber hey. Jetzt weiß ich’s wenigstens. Was es werden wird. Kein Krebs. Kein Alzheimer. Kein Aids. Kein Ebola. Sondern Corona. Jetzt kann ich Corona dokumentieren. Tag für Tag. Bis nichts mehr geht.

Heute gab es Spaghetti mit Tomatensoße. Wie gestern. Ich habe bei Amazon Klopapier bestellt. Und Nudeln. Die Badtüre quietscht. Die Wohnung misst 21 Grad. Das Vanilleeis ist alle. Mein Zitronenbaum ist eingegangen.


Hurra, hurra, das Virus ist da (1)