Velten / 2021

Weit habe ich es heuer nicht in den Urlaub geschafft. Denn ich buche nix mehr in Gegenden, in denen mir ein spontanpanisches Touristenverbot wieder die Laune verhageln könnte (also fast überall) und ich wieder einen gelangweilten Anwalt an den Start schicken muss, um meine Vorauszahlung zurück zu bekommen. Kein Bock mehr. Das machen wir anders. Das machen wir niedrigschwelliger. Das machen wir Velten. Vor den Toren der Stadt. Raus aus dem Moloch. Bauernhöfe. Minidörfer. Feldwege. Mieses Internet. Ich bin in Brandenburg.

Wenn in Velten Ihr mobiles Internet so langsam ist, dass Sie denken, dass Ihr Datenvolumen aufgebraucht ist, dann ist Ihr Datenvolumen oft gar nicht aufgebraucht, sondern diese Datenrate, die sich anfühlt als wäre noch 2003, ist normal. No bug. But feature. Es ist Deutschland und Brandenburg hier. Eine doppelte digitale Verneinung.

Bereits am ersten Tag werfe ich alte überholte Vorurteile über Bord. Vorbei sind die Zeiten der Brandenburger Trikolore mit ihren drei bunten Farben in der explodierten Frisur, über die ich mich viele schöne lange Jahre lustig gemacht habe. Denn Brandenburg trägt die Haare jetzt blau. Die eine Seite ausrasiert. Dazu krallenspitze auf Dreieck gefeilte pinke oder neongelbe Fingernägel. Brandenburg denkt jetzt, es wäre Cardi B.

Der örtliche Tagger heißt A303t. Ganz Velten gehört ihm. Häuserwände. Bahnhof. Einfahrten. Der Lidl. Ich weiß, was ihn reitet  Ich hieß mal ODO98 und war genauso stolz. Mir gehörte die Garage vom Michels, dem alten Nazi. Und die Eingangstüre unserer Schule. Alle Schulklos. Mehrere Bushaltestellen. Und ein Gida Supermarkt. Mein Taggingname überall. Mit 15 ist das wichtig.

Habe ich mich in Berlin über die Fahrradfahrer beschwert? Hab ich? Hab ich? Jesus! Drop the drama. Velten ist die Hölle. Jeder Gehweg eine Radrennpiste. Niemand fährt mit seinem Bock auf den Straßen. Und Sie werden mit einer Selbstverständlichkeit vom Bordstein geklingelt, die mich in einem lange nicht mehr erlebten Ausmaß aggressiv macht. Bei der Laufrunde auch wieder das alte Scheißspiel: Die Fahrradfahrer klingeln Sie vom Gehweg auf die Straße, wonach Sie die Autofahrer wieder auf den Gehweg hupen. Und von vorne. Und von hinten. Was nur getoppt wird von jenen Sozialkrüppeln, die frontal auf Sie zurasen, um kurz vor Ihnen theatralisch abzudrehen und Sie gestikulierend zu umrunden, was eine schiere Machtdemonstration des Stärkeren ist: Na was willst du hier? Das ist mein Bürgersteig, du Hund, und ich will dass du das weißt. Ich könnte dich mit Leichtigkeit umnieten, aber ich tue es in meiner unendlichen Großzügigkeit nicht, auch wenn du es verdient hättest.

Velten. Militärtrabantenoldtimertreffen. Vorgärten mit Deutschlandfahnenmasten. Und Preußenfahnenmasten. Jemand hat AfD-Plakate in seine Fenster geklebt, auf die sein Nachbar mit Anti-AfD-Plakaten kontert. Hier ist nicht nur ein Tischtuch zerschnitten, sondern eine Zirkuszeltplane. Später ein trauriger Kunstmarkt am Marktplatz. Schwach besucht spricht mich ein junger Mann an, ob ich mein Fahrrad waschen will, was ich verneine: „Ich habe gar kein Fahrrad.“ „Warum nicht?“ „Lehne ich ab.“ „Warum?“ „Komische Frage. Ich lehne ja auch Katzenessen ab. Kinderfoltern. Frauenschlagen. Und Mäusen die Haut abziehen und sie im Mörser zu Pizzabelag zerstampfen. Oder halt Fahrradfahren. Mag ich leider nicht. Sorry.“

Er kuckt schief.

Neue Wohnlagen bieten sie hier an. Ganze Blocks. Speckgürtelstyler. Exklusiv. Schreiben sie auf die Aufsteller. Exklusiv aka Ausschließend. Diejenigen ohne Eigenkapital dafür. Ohne das es keinen dieser im Moment so billigen Baukredite gibt. Blase Blase. Pump Pump. Amerika war uns weit voraus. Egal wie ich rechne, ich weiß nicht, wie das alles gutgehen soll. Ein, zwei Prozente auf die Refinanzierungen der auf Kante genähten auslaufenden Kredite dürften reichen und das ganze Ding platzt. Wenn auch sicherlich noch nicht jetzt, sondern erst wenn die Roten fest am Ruder sind. Damit die Roten die fiskalische Güllebombe trifft und die gerade Abgewählten danach wieder als shiny armored Knight übernehmen können. Dann kommt vermutlich doch noch der Merz mit den Redneckstimmen aus den Outbacks und kickt den Haushaltsmiserenscholz, dem dann das klapprige Finanzwesen um die Ohren geflogen sein wird, vom Sessel. Spät, aber doch. Glauben Sie nicht? Keine Ahnung, bin ja auch kein Glaskugelleser, aber ich schreib’s mal hin, um in vier Jahren sagen zu können: Kucke. Ich hab’s ja gesagt.

Dabei sehen die Wohnkastendinger, die sie da bauen, für den gut sechsstelligen Finanzierungsbedarf, den sie dafür abrufen, echt öde aus. Würden Sie dafür bis zur halben Million zahlen? Für sowas?

Aber so ist das, wenn das scheue Reh in die Sachwerte flüchtet. Deshalb auch der neuerliche Aktienboom. Wohin auch sonst mit dem ganzen Pumpgeld?

Eine Nachbarin der Butze, die ich gemietet habe, lappt mich jeden Tag mit dem neuesten Wetterbericht voll. Als gäbe es keine App dafür. Mir fällt schon ab Tag 3 nichts mehr ein, was ich ihr entgegnen soll. „Jaja, schlimm mit dem Wetter…“, „Jaja, das mit dem Wetter ist auch nicht mehr das was es mal…“ Ich weiß nicht, was sie von mir will. Konversation, einfach um zu kommunizieren. Gemeinsames Jammern. Oder einfach nur Zustimmung vermutlich. Also nicke ich nur noch und brumme. Sie scheint zufrieden mit mir als Rezeptor. Wie immer. Menschen wollen einfach nur reden. Den ganzen Tag. Irgendwann wird es Androiden geben, die einfach nur brummen und nicken. Dann muss ich es nicht mehr machen.

Die Frau ist schlecht tätowiert. Wade. Oberarm. Schlangen. Rosen. Stacheldrähte. These: Wenn Veltener Hausfrauen, die über ihre akkurat gestutzte Kirschlorbeerhecke hinweg gerne Gespräche über das Wetter führen und gleich mehrere verschiedene Rosenbeete pflegen, tätowiert sind, sind Tattoos endgültig uncool geworden. Geschäftsidee: Eröffnung eines Laserladens zur Entfernung der vielen Peinlichkeiten derer, die nicht mehr mit denen in einen Schmortopf geworfen werden wollen.

Ihr nicht weniger zugehackter Mann, dessen Plautze wie ein Öltank unter der schmalen Brust klebt, prahlt wenig später mit den Schlachten, die er gegen die untragbaren Nachbarn gewonnen hat. Meistens wegen Lärm. Da isser aber rüber. Rüber isser da. Nu is abber Ruhe. Und dann war da aber auch Ruhe. Ruhe war da. Ich bin hart beeindruckt. Ein Tier, der Typ.

In Velten können Sie noch Zigeunersoße kaufen. Und auf den Reispackungen ist noch der onkelige Werbeträger drauf, dessen Hautfarbe einen Flügelschlag lang im Internet ein Politikum wurde und den sie deshalb überall sonst von der Verpackung entfernt haben.

In Velten ist das egal. In Velten verkaufen sie noch die Altbestände, die sie in den sensiblen Berliner Altbauquartieren längst aus den Regalen geräumt haben. In Velten hat auch niemand Twitter und deshalb kriegt hier auch niemand was von den wichtigen Debatten der begrünten Friedrichshainer Dachterrassen mit.

Wenn Sie in Velten beim Fleischer ein Côte de boeuf bestellen, um das auf einen an der Tankstelle geschossenen und ökologisch auf jeden Fall unkorrekten Einweggrill zu werfen, ernten Sie ratlose Blicke. Hammanich. Was fast klar war, aber doch hätte ja sein können. Wenn Sie ihnen danach mit „Hochrippe, dick geschnitten“, kommen, wird Velten unleidlich. Et jibt nur dit wattet jibt. Inna Auslaje. „Ja, dann bitte das marinierte Nackensteak da.“ (bargh…)

„Kuck mal, Mäuschen, wollen wir das nehmen?“ sagt die mittelalte Frau kurze Zeit später in einem Ramschladen voller Ramsch zu ihrem mittelalten Mann, der die verbale Erniedrigung stumm hinnimmt wie er vermutlich viel hinnimmt mit den Jahren. Mäuschen. Sie nennt ihn vor Publikum (mir, icke, ich) Mäuschen. Was in derselben Liga spielt wie Schnuffi. Putzi. Hase (du bleibst hier). Pupselchen. Scheißerchen. Zack. Einmal geheiratet, schon sind die Eier weg und Sie tragen zur Freude der Umstehenden einen Haarreif mit rosa Bommelchen auf Ihrem Kopf.

Knupperkirschen gab es bis vor Kurzem noch überall zu kaufen. Am Straßenrand. Jetzt sind die Stände verwaist und ihre rot-gelben Schilder schreien warenlos kastriert wie aus allen Zeiten gefallen die Kreisstraße entlang, die hier durchführt, weil es für eine Bundesstraße in Velten nicht gereicht hat.

Frage: Wo kommt der Name Knupperkirsche her? Knupper klingt bescheuert. Fast wie Apfelmoft.

Dafür haben sie in Velten Wortspiele. Eines natürlich bei einem Friseur. Der Haar-Mona heißt. Fastehense? Fastehense? Harmonie. Plus Mona. Macht Harmona. Ping. Haar-Mona. Wegen Haar. Weil Friseur. Haha. Jaja. Müssense umme Ecke denken.

Sie lieben in Velten kitschige Tierfigürchen in ihren Gärten. Gänse. Enten. Frösche. Einmal sogar eine Gruppe keramischer Erdmännchen. An den meisten Gartentoren schrecken korrespondierend dazu grimmige Hundeschilder Menschen ab. Achtung. Hier wache ich. Warnung vor dem Hunde. Und superwitzige (nein!) Strichlisten für vertriebene Postboten und Staubsaugervertreter.

Keine Gartenzwerge in Velten. Nicht einer. Gartenzwerge verbauen sie wahrscheinlich nur noch in China. In nachgebauten Dörfern, die Deutschland mimen sollen.

Ein Dönermann des Dorfes heißt Weißes Haus. Dessen URL „weisses-haus-vellten“ lautet. Mit zwei L. Und ich weiß nicht, ob das auch ein lustiges Wortspiel ist. Vellten. Fell. Nur kriege ich den ideellen Bogen zum Dönerspieß nicht, was die Sache doch sehr lame macht und mich ratlos zurücklässt. Aber der Döner ist irritierend unschlecht. Doppelirritation. Hier ist Brandenburg. Brandenburger Döner sind außerhalb von Potsdam immer schlecht. Sagt mir mein vergilbtes Zehnerjahrewissen, das wohl nun wirklich überholt ist.

Die Eberswalder Wurst hat hier einen Werksverkauf. Mit schöner Fleischtheke. Astreinem Fleisch. Viel und tatsächlich endlich mal gut mariniert. Ich vermute, dass in Velten gerne und viel gegrillt wird. Das gefällt mir.

Die Bäckerei Plentz am Veltener Bahnhof buk mir das beste Brot der letzten Jahre. In Berlin muss ich für Brot ähnlicher Güte, dessen Backmischung nicht aus einer verstrahlten weißrussischen Fabrik stammt, lange S-Bahn fahren. Ich verrate es Ihnen: Neukölln. Sie kriegen das beste Berliner Brot zu auf dem Boden gebliebenen Preisen in Neukölln.

In der Hoffnung, dass die örtliche Pizza genauso gut wie das Thekenfleisch und der Döner ist, gehe ich in einen Laden namens Toscana. Leider ist die Pizza schlimm. Für die durchschnittlichen acht Euro fast beleidigend winzig, mau gewürzt, der Boden zu zuckrig und obendrauf zu viel Käse. Und sie grillen den Rucola mit, der hernach zu grauenhaftem Unkraut zerfällt. Ein Verbrechen. Brandenburger Pizza eben. Wenigstens etwas, das sie immer noch nicht können.

Aber hey, die geilste Location in Velten ist eh der Hannes.

Der Hannes in der Bergstraße.

Zwanglos. Kinderfreundlich. Für Gruppen geeignet.

Und rund um die Uhr geöffnet.

Der mit den 4,9 Sternen bei Google:

Die Rezensionen von Hannes sind der Megabringer:

Knaller. Ich also da hin. Um aus Prinzip dort zu essen. Weil die Chabos wissen wo der Hannes wohnt. Am angegebenen Ort befindet sich allerdings kein Restaurant (ja, Spaß, was mir schon vorher klar war), sondern nur eine uralte heruntergekommene Hütte, die aussieht, als hätten die Russen sie 1945 in ihrer Fahrlässigkeit vergessen zu sprengen.

Im örtlichen Netto treffe ich vor den Fenchelkisten auf den ultimativen Rentner der quälenden Langsamkeit. In den engen zugestellten Gängen bewegt er sich mit der Geschwindigkeit der Berliner Stadtverwaltung, also quasi gar nicht. Oder kaum merkbar. Als ich durch den Gang mit dem Essig und dem Öl abkürzen will, hat er es irgendwie an mir vorbei geschafft und wägt wie eine Schildkröte die Vorteile von Rotweinessig gegen jene des Balsamicos ab. Wenig später treffe ich ihn natürlich an der Kasse wieder. Liebevoll drapiert er vor mir seine Waren auf dem Laufband, zählt zärtlich die Centmünzen ab, bevor er damit beginnt, alles mit der Ruhe, die nur ein Brandenburger Rentner, aber keinesfalls ein Berliner ADHS-Opfer wie ich aufbringen kann, in seinen Wagen zu räumen. Am Ende steht er vor mir bei den Einkaufswagen und kann sich nicht entscheiden, in welcher Reihe er seinen Wagen anschließen soll. Nach etwa drei Minuten haben wir das Ergebnis: Es wird die mittlere Reihe. Da war ich aber schon hirntot und habe mein Hemd vollgetrielt.

Aber es passt schon. Er passt hier ins Bild. Bis auf die Fahrradfahrer sind die Veltener sehr chillig. Chillige Leute. Osten halt. Ich mag den Osten. Je mehr der Mob aus allen seinen Organen auf den Osten geifert, rotzt und pisst, weil der ums Verrecken nicht so sein will wie er sein soll, desto mehr mag ich den Osten, der einfach trotzdem so weitermacht wie immer. Der Osten lässt mich in Ruhe. Den interessiere ich nicht. Was ich denke, sage, was ich tue, ist dem Osten egal. Es sind schöne Tage hier im Outback. Ich werde kaum von irgendwem genervt und bis auf die Fahrradfahrer, die verlangen, dass ich von ihrem Bürgersteig runter gehe, mag mir niemand seinen Willen aufzwingen. Leben lassen. Der Veltener macht sein Ding und lässt die anderen auch ihr Ding machen. Und das ist so schön altmodisch, dass ich fast gerührt bin.

Deswegen mache ich auch keine Witze über ihre Öfen hier in der Ofenstadt Velten, denn sie erscheinen mir sehr stolz drauf. Museum. Stadthalle. Plakate. Der Ofenstadt-Pennymarkt. Eine Serviette im Restaurant (mit Ofen). Dieser Ofen ein Kulturgut. Identitätsstiftend. Und ich Bastardbrut bin so chronisch wurzellos, dass ich es nicht verstehe.

Dafür meldet sich das schlimme Berlin bei mir in Form der neuen Schule vom Kind. Eine hysterisierte Mutter möchte, dass für die anstehende Klassenfahrt ein Bus gemietet statt wie geplant mit der Bahn gefahren wird. Wegen Coron…. (boar halt die Fresse). Es kostet 30 Euro mehr pro Kind, aber es geht um die Ansteck… (boar halt die Fresse halt die Fresse halt die Fresse). Ich sage, dass sich mir die Logik nicht erschließe, da die Kinder jeden Tag mit der rattenvollen S-Bahn in die Schule und wieder zurück fahren, weiß aber jetzt schon, dass ich damit nicht durchkommen werde, weil Logik als Handlungsmaxime seit anderthalb Jahren ausgesetzt ist und ich daher sehr sicher bald die geforderten 30 Euro zusatzzahlen werden muss. Damit die Seelchen ihre liebe Ruh‘ haben.

Ich lege auf und gehe der wichtigeren Frage nach, ob ich schon Bier kalt gestellt habe. Ich mag mich nicht mehr ärgern. Sie sollen mich mit ihrem Scheiß in Ruhe lassen. Ich bin gar nicht da. Ich bin weg. Extra weg. Corona hat Pause. Hier ist Velten. Hier merken Sie von Corona nix mehr. Sondern nur, wenn Berlin mal anruft.

Velten. Tiefergelegte rote Seats mit lustigen Rennstreifen, die immer dicht auffahren. Imkerhonig. Heidelbeeren aus Kremmen. Metzgerei Otto bietet Partyservice. Freiwildheckscheibenaufkleber. Eigene Eier. Eine Straße heißt „Zur Erinnerung“. Sie beherbergt nicht ein Haus. Nur Büsche. Das Lindencafé hat geschlossen. Verrammelt. Ausgeräumt. Nur die Aufkleber an der Fassade hängen noch:

Dart. Gute Laune. Billard.