Hirnsudelei 09/21

Oha. What’s dis? Berlin baut.

Seit ich einmal so ein Schild gesehen habe, auf dem Berlin damit angibt, dass es baut, sehe ich überall solche Dinger. Deshalb kann man das nicht oft genug sagen: In Berlin klingt das wie eine fiese Drohung. Achtung Bürger … ehm … Bürgende, wir bauen. Also wird folgendes passieren: Das Projekt wird doppelt so teuer. Fünf mal so spät fertig als geplant. Und fünf Politsesselfurzer werden als Vorstände, Aufsichtsrat und Geschäftsführer verschlissen, die alle mit dicken Pensionszahlungen aus der Stufe der Unfähigkeit, in die sie vorher fahrlässig befördert wurden, rausgekauft werden müssen. Was denn was denn? Heult doch.

Nochmal bauendes Berlin: Was habe ich mich vor einigen Monaten noch gefreut, dass der sozialistische Senat sozialistische Dinge wie Trinkbrunnen quer in der Stadt verteilt. Jetzt ein paar Monate später die erwartbare Ernüchterung: Der Brunnen im lustigen Winsviertel ist mal voller Unrat, mal voller Kippen, dann Taschentüchern, oder sogar Nahrung wie Brotscheiben, Schmierstullen, halbe Pizzatasche, einmal ein Donut. Ein Verwegener hatte sogar mal einen gefüllten Kotbeutel seines Köters liebevoll auf dem Brunnen drapiert. Da ist es wieder. Mein Berlin. Sozialismus funktioniert hier nicht (die Menschen, immer diese Menschen), trotzdem versuchen sie es wacker weiter. Erkenne ich an.

Ich habe stinkebesoffen an Groths hässliche Mauerparkneubauten gepisst. Weil der das verdient hat. Danach saß ich stundenlang, bis die Sonne kurz nach sechs ihre ersten warmen Fühler von Osten her ausgestreckt hat, kiffend auf einem Steinquader beim Mauersegler und habe an Heike gedacht. Die gute Heike. Der beste Mensch der Welt. Und daran, was sie heute wohl macht. Und dass es schade ist, dass ich das nicht weiß. Und auch nie wissen werde. Im Player lief Anarchie von Marsimoto in Dauerschleife. So ist das gelaufen. Da ging der Weg hin. Von Heike zum Steinquader.

Auf dem Weg nach Hause weg vom Mauersegler verschwand Heike Schritt für Schritt aus meinem Hirn und Gabi Delgado-Lopez rückte auf den vermoderten Denkmalsockel meiner versammelten Sentimentalitäten nach. Auch schon tot. Tanzt den Mussolini fortan in der Tonne. Der hübsche Gabi, den ich 2017 im Astra Kulturscheißhaus noch ein letztes Mal live gesehen habe und nie wieder live sehen werden kann.

Eine Weisheit, die Sie gemeinsam mit mir erworben haben dürften, lautet: Dichtkiffen und bloggen geht nie gut. Zumindest sollte man so etwas nicht auch noch veröffentlichen. Aber manchmal ist das auch egal und der nächtliche Betriebsunfall bleibt dann stehen wie ein zahnfauliges Mahnmal. Schon in einer Woche klickt das eh keiner mehr.

Die beruhigende Erkenntnis am Tag darauf bei der Sichtung des vornächtlichen Elends, dieses Mal wenigstens niemanden beleidigt zu haben, der nicht beleidigt gehört, ist erkennbar beruhigend.

(und den Verstrahlten übrigens, der selbst bei diesem Müll auf den sinnlosen Gefällt mir-Button reflexgedrückt hat, kann ich übrigens problemlos einen Verstrahlten nennen, denn er liest den Kram, der ihm so klickelifuckbuttongefällt, ja sowieso nicht. Für alle Klicker, hier, meine Einkaufsliste, klickt da auch mal schnell auf Gefällt mir. Weil Klick.)

Innovation des Monats: Wir haben jetzt in Berlin-Prenzlauer Berg einen Cyberpuff. Ausgerechnet in Prenzlauer Berg, das ist so konsequent, dass ich mich nicht mehr einkriege vor Freude, denn nirgendwo auf der Welt kann ich mir weniger echten Sex zwischen lebenden Menschen vorstellen als in Berlin-Prenzlauer Berg bei den vertrockneten sauerkrautigen Selleriegesichtern, bei denen ich mich immer schon gefragt habe, wie die sich fortpflanzen.

Und ich sag‘ Ihnen was: Der Cyberscheiß wird die Zukunft. Wir werden alle irgendwann nur noch Avatare ficken. Und ich finde das großartig. Kein Beziehungsgestresse mehr. Niemand mehr, dem Sie nicht gut genug sind und der nur an Ihnen rumnörgelt. Und ihr Geld verballert. Kein Datinggenerve mehr mit gelangweilt auf dem Smartphone rumtippenden Frauen oder dröhnstimmigen Männern, die den ganzen Abend von sich selber und ihren öden Heldentaten erzählen. Der ganze sexuelle Ritualkot entfällt komplett. Keine Verpflichtungen. Keine Nachwehen. Keine Missverständnisse. Kein Generve. Kein angehängter Ballast. Und wenn Sie da dreimal im Monat für 420 Euro hingehen und ein nach Ihren Vorstellungen designtes Avatar knattern, haben Sie mehr Sex als sonst und es kostet Sie unterm Strich weniger als eine unterdurchschnittliche Beziehung, die Sie sich fahrlässig ans Bein genagelt haben und die Ihnen das Karma Ihrer Wohnung versaut (wenn Sie so blöd waren, den aufgelesenen One-Night-Stand in die Wohnung zu lassen). Auch das Problem der Überbevölkerung löst sich auf, denn kaum jemand würde mehr schwanger werden, schon gar nicht ungewollt. Toll. Einfach großartig. Eine Gesellschaft voller Wichser ohne Nachwuchs. Ich mag die Idee. Bin gar angemessen begeistert.

Wie? Wahl? Bundeswas? Mir völlig bärlauchwurstgesicht, wer regiert. Spielt nicht die geringste Rolle. Berührt mich auch null. Und es ist vollkommen irrelevant bis wirkungsfrei, ob und was nun auch ich dazu schreibe. Gibt es noch Politblogger? Also so richtige Angestrengte, die denken, dass ihre Buchstaben etwas bewirken? Kein Plan, aber wenn Sie einen finden, dann lesen Sie doch dort, um etwas zu erfahren, was im Ergebnis unerheblich, weil nur mit möglichst vielen Fremdwörtern verkleideter Gossip ist. Mir fällt nix Brauchbares dazu ein, vermutlich weil mir jeder Anspruch fehlt, überhaupt irgendwas bewirken zu wollen, jemanden beeinflussen zu wollen oder überhaupt für anstatt gegen irgendwas zu stehen, bedaure insofern zutiefst, aber ich kann halt nur Sabotage, daher an dieser Stelle von mir nur so viel: Lol, SPD. Rofl, der Scholz. Wie der immer kuckt. Wie eine bekiffte Schildkröte in einem Sandloch. Gnihi. Nee. Mehr wird’s heute nicht mehr. Hilft ja nix.

Aber zwei Sachen sind voll schön: Erstens das Wahlchaos in Berlin (sie können’s nicht, Berlin kann nichts) und zweitens dass wir hier wohl die drollige Dr. Giffey an die Spitze kriegen (die passt, die passt so gut zu Berlin wie niemand sonst: Nix drauf, gar nix, aber maximal dreist blenden. Großartig. Ich feiere das.).

Wir sollten’s übrigens wirklich lassen. Alles. Ämter. Verwaltung. Ausschüsse. Vorstände. Gremien. Beauftragte. Wahlen. Sondern die Stadt an ein UN-Kommissariat aus einem Inder, einem Chinesen und einem Gambier übergeben und gut.

Viel besser als der Politplunder, hier meine Enttäuschung des Monats: Assassins Creed Valhalla auf der Playse. Wie verbuggt kann ein Spiel sein? Fast ein Jahr nach dem Release. Ich stecke mitten in der Hauptmission fest und die Geschichte geht nicht weiter. Zwischendrin Hänger. Abstürze. Dead Ends. Nervt. Da hilft auch nicht, dass der Playstore den Mist von 69 auf 49 Euro reduziert hat. Aber eines haben sie wieder hingekriegt: Diversity und Gender pappesatt in eine Wikingerstory eingewoben. Der komplette Wokeness-Deepthroat. Es müsste irgendwo ein Wokenessrating mit Punktewertung geben. 0 = not woke, spielbar, 10 = superwoke, don’t waste your money. Dann wüsste ich vorher, was sich lohnt zu kaufen und was nicht.

Passend dazu der Wokenessporn des Monats: Die Darstellung von Winnetou ist jetzt Nadsi. Keine Ahnung warum, ich kenne diesen Winnetou nicht und lese sowieso nur die Überschriften bei sowas, weil mir sonst die Hoden schwarzbewurmt abfaulen.

Auch Hummus mit Nutella zu mischen, ist nicht nur megaeklig, sondern megaproblematic und damit Nadsi. Weil sich die Weißbrote unzulässig die Kichererbsen aneignen. (via)

Illegalität des Monats: Wenn Sie sich im Ergebnis Ihrer höchstpersönlichen Risikoabwägung nicht impfen lassen möchten (was ich vollkommen respektiere, auch wenn so eine legere Haltung gegenüber anderen gigantisch unmodern geworden ist.), aber trotzdem ins Restaurant essen oder in die Kneipe saufen gehen wollen, ist es in Berlin kein Problem, das mit einem Foto einer fremden Impfbescheinigung zu machen. Gegenchecken mit dem Perso macht erstens keiner, die wollen nur flüchtig (oder gar nicht) das Foto von dem Ding sehen (von wem auch immer das ist), und das Amt für ordentliche Öffnung kontrolliert wie immer nur falschparkende Autos, für alles andere haben die runtergerockten Beamtenschlümpfe in kaputtgesparten Berlin gar nicht das Personal. Sie sehen: Die Gurkenköpfe vom schattenboxenden Berliner Gendertoilettensenat kennen ihre eigene Stadt nicht, sonst würden sie sich ihre sinnlosen Verordnungen gleich klemmen.

Icke was? Nein, ich mach‘ das nicht, ich mache gar nix, ich bin immer legal, immer legal bin ich, legal immer, ich mache nie was verbotenes, habe ich noch nie, würde ich auch nie, wäre ja verboten. Was? Anstiftung zu was? Gar nicht, do not shoot me, ich gebe nur Beobachtungen wieder. Als Chronist quasi. Chronist der Dinge. Ein Chronanierender. Himmel, so beruhigen Sie sich doch.

(Interlude: „Der Chronanist“ wäre auch ein guter Blogname, aber jetzt schon wieder den Namen zu wechseln wär‘ selbst mir zu strulle.)

Mehr Beobachtung auch: In der S-Bahn sehen Sie wieder zunehmend mehr Leute, die ihre Staubfiltermaske fürs freiere Atmen unter die Nase ziehen. Zu den auch mehr werdenden Leuten, die gleich ganz „gesichtsnackt“ bahnfahren. Und den Kontrollettis, die das nicht mehr anmahnen, sondern wie früher nur die Fahrkarten sehen wollen. Smells like Perestroika.

(Add on: Machen Sie doch einen Blog auf und nennen ihn „Chronanist“. Ich verlink‘ den dann. Versprochen.)

Für den hohlen Zahn hier ein wenig Bloggeronanie: Je mehr ich versuche, Leute zu vergraulen, desto mehr werden es. Ich habe jetzt hier auf diesem WordPressding 80 Follower, davon noch mehr als vorher die überwiegende Mehrzahl Frauen, die den Mist hier tatsächlich lesen. Ehrlich: Versteh ick nich, und das ist kein Kokettieren, ick versteh’s echt nich. Ist das so ein Mutterinstinkt für eine strauchelnde Seele? Faszination für das Abartige? Ein Gafferstau bei einem Autounfall? Keine Ahnung, was Sie reitet, aber hey, es ist ein freies Land. Lesen Sie was Sie wollen, aber gestatten Sie mir für die unverständlich vielen Frauen, sofern es keine Fakes sind, eine Triggerwarnung: Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden Sie sich irgendwann empören. Und dann werden Sie empört sein. Und sehr empört empörendes Zeug in dauerempörten Facebookgruppen teilen, um sich gemeinsam darüber zu empören. Sieht man ja oft. Ich meine es nur gut. Überlegen Sie sich das besser nochmal. Empören ist nicht gut fürs Herz.

Je mehr Beobachter das generell werden, desto schwieriger wird es wieder, über solche Themen wie Depressionen, Manien und den ganzen anderen im Hirn zerkrebsten Seelenmüll zu schreiben, weil der persönliche Touch eines solchen Dings hier zwangsläufig flöten geht, wenn zu viele gaffen. Das hemmt dann. Verstehen Sie das?

(Interlude, relativierend: Von den 80 scheinen mir locker 20 englischsprachige Spamblogs zu sein, die hier nur folgen, damit ich auf ihre werbeverseuchte Seite klicke – was ich nicht tue, insofern entspannt sich das wieder.)

Ansonsten ist der erste volle Monat meines Kindes auf einem Berliner Gymnasium abgeschlossen und ich kann zu Protokoll geben: Die Larrys Lehr*ys haben klare Prioritäten gesetzt und scheinen sofort mit dem von einigen aus meinem Umfeld vor einiger Zeit schon angekündigten innerschulischen Politaktivistentraining begonnen zu haben, denn nun habe auch ich immer aufs Neue nervige Diskussionen mit der eigenen Brut am Abendbrottisch. Über Dinge, die ich tue. Warum ich ein Auto habe. Und eine Gasheizung. Einen Kohlegrill auf dem Balkon. Und warum wir die letzten Jahre mit dem Flugzeug in den Urlaub geflogen sind. Demnächst werde ich wohl absehbar eine dieser marternden Genderdiskussionen an meinem Abendbrottisch haben. Oder ich muss die Privilegien der Nazibutter gegenüber der marginalisierten Margarine checken.

Aber ich bin gespannt auf den ersten Deutschaufsatz. Vermutlich wird er das Thema haben: „Beschreibe, warum die Grünen gut sind und die richtigen Lösungen für alle Probleme haben.“

Was in der Schule hingegen nicht gut funktioniert ist das Essen. Es ist so grauenhaft, dass das Kind nur selten mittags was isst, sondern mir nachmittags die Tiefkühltruhe leerfuttert. Was okay ist, denn erstens respektiert mein Kind jetzt das, was ich koche, und zweitens kommt mein alter eingefrorener Mist endlich mal weg.

Das Kind hat darüber hinaus zu Protokoll gegeben, dass es auf der neuen Schule nicht nur kein Schweinefleisch mittags als Option mehr gibt, sondern nur noch einmal die Woche überhaupt Fleisch und dann auch nur fades Huhn. Die Richtung ist damit klar: Die Aktivisten, die offenbar die Berliner Schulen fest in ihrer Hand haben, haben mein Kind nun auch ernährungsmäßig in Geiselhaft genommen, was bedeutet, dass ich zuhause wieder öfter Schnitzel in die Pfanne ballern muss, um das ideologische Gefummel an der Entwicklung meines Kindes angemessen zu kompensieren.

Oder ich wickel‘ jetzt jeden zweiten Tag ein Nackensteak in superkorrekte Kopfsalatblätter ein, was das Kind dann auf dem Klo auspacken und illegal essen (oder gegen Cash an Bedürftige weiterverticken) kann. Statt Tofu.

(Interlude: Hier ein schönes Rezept übrigens: Filetröllchen mit Frischkäse im Speckmantel [via])

Von den Klos der Schule sind übrigens nur zwei kaputt, was für Berliner Verhältnisse eine recht gute Quote ist, so dass ich, zumindest was das betrifft, zufrieden bin. Allerdings heizen sie nicht, coronieren aber die Fenster auf, was bei diesem zugigen herbstlichen Klimaapokalypsensommer (jaja, sterben, alle, wir, dengel dengel, alerta) dazu führt, dass das Kind mit Jacke im Unterricht sitzt. Keine Heizung bei 16 bis 18 Grad also. Nein. Nicht im Donbass. Nicht in Tadschikistan. Sondern in Berlin. Wahrscheinlich finden sie die Papierformulare und das Faxgerät nicht, mit dem bei der wilhelminischen Senatsschulaufsicht die Erlaubnis zum Heizen beantragt werden kann.

Noch mehr Kindercontent: Wenn Sie im Kiez wie ich einen Laden wie den Herrn Nilsson haben, sagen Sie Ihrem Kind bloß, dass das Limit bei einer Papiertüte voller Naschkram liegt, sonst kauft es vier Papiertüten voll. Wie meins. Grmpf.

Gebrechen des Monats: Ich habe mir einen Fersensporn gelaufen. So ein Fersensporn ist entweder ein Problem von verfetteten Menschen (nope), Leuten, die gerne unbequeme Schuhe tragen (obladi oblada) oder eben Läufern (crap). Die Therapie dafür ist eklig, aber immerhin nicht so schlimm wie Krebs: Ein Stoßwellengerät knallt mir Stoßwellen in die Ferse, die zecken wie Hulle, aber die vom Körper aufgetürmten Ablagerungen zerschrotten sollen. Autsch. Fuck. Älterwerden is‘ wirklich ne Bitch…

Auch der Tod war diesen Monat wieder da. Einer der wenigen Vernünftigen aus dem Borgwürfel existiert nicht mehr. Mit dem ich viel gemeinsam arbeitete die letzten sieben, acht Jahre. Sehr viel. Konzipierte und durchgesetzte Strategien. Das gemeinsame Einnorden seiner gerne mal absurden Visionen. Das rhetorisch zelebrierte Ping Pong vor Powerpointwänden. Freitagnacht vor der Samstagsveranstaltung gemeisterte Krisen. Ausgefallene Technik. Eklige Hosts. Schmierige Hotellobbys. Einige ausgesoffene Biere in Pinten. Der Respekt des Alten dem Jüngeren gegenüber. Und umgekehrt natürlich. Nachmitternachtsphilosophien. Gutes Essen immer. Lebemann. Ein stabiler Trinker. Er hat mir jedes Jahr einen Sinnspruch zu meinem Geburtstag geschickt. Pünktlich. Zuverlässig. Ein guter Mann. Wir haben nicht viele gute Leute an dem Ort, der uns bezahlt, aber die trifft es stets zuverlässig früh. Ich kann und vor allem mag nicht in Details gehen, aber das nur: Gute Reise…

Krass wenn Leute so plötzlich sterben. Aus dem Nichts. Boom. Weg. Kiste. Erde. Maden. Nochmal: Krass.

Nur ein paar Stunden nach den obligatorischen Tränchensmileys im Gruppenchat stellen die ersten schon die Frage nach der Nachfolge. Wer wird’s? Holen sie einen von draußen? Oder hieven sie einen von drinnen hoch? Wieder eine Frau? Weil Frau? Knips. Der Stummschaltbutton ist eine gute Erfindung. Menschen sind so oft so hässlich.

Zuletzt die Euphorie des Monats: Ich war bei meinen ersten Konzert seit … keine Ahnung mehr … vergessen … weiß gar nicht mehr wie das ist. Konzerte. Lange her.

Justin Sullivan hat gespielt und zwar nicht vor Tausenden im Huxleys, in der Columbia- oder der Max-Schmeling-Halle, sondern vor schätzungsweise 200 Leuten auf einem komischen Hippieding namens Bodoni Vielseithof irgendwo im übelsten Brandenburg in einem 13-Einwohner-vier-Schafe-und-zwei-Hunde-Nest, dessen Namen ich vergessen habe und für den ich zu faul bin zu googeln.

Eigentlich war es ein Geriatriekonzert. Lauter uralte Greise in den 50ern mit verwegen verwaschen jugendlichen New Model Army-Shirts aus den 90ern, die über ihre Plautzen spannen. Abi 1987. Würde noch fehlen. Dass das einer trägt. War aber nicht. Bissken Würde hatten sie dann doch.

Wie die den doch recht prominenten Mann da raufgekriegt haben auf diese winzige Bühne ihres komischen brandenburger Aussteigerhofs, keine Ahnung, aber Sullivan tat, was er bei mir schon seit meiner gegen die Wand gefahrenen Mittleren Reife tut: Er geht mir nah. Berührt mich. Seine einzigartige Stimme. Seine deepen Texte. Kommt mir nahe wie nichts wenig sonst. Da blende ich sogar die Arschlöcher aus, die mitten in der ruhigen Ballade rumsabbeln und sie übertönen, oder die dusselige Kuh, die mit dem Smartphone vor mir herumwedelt und Clips dreht, die sich eh keiner mehr ankuckt (ich möchte dir das Smartphone in den Hals stecken und mit Salpetersäure direkt hinterher gekippt auflösen) oder diese so normal gewordenen Arschgesichter mit ihrem Blitz, wenn sie ein Foto machen (der eingeschaltete Blitz bringt nix, ihr intelligenzverkrebsten Hirnis, er nervt nur jeden, mich, andere, und vor allem den Künstler).

Aber doch. Schön war’s. Ehrlich. Ich habe mich sehr gefreut. Konzerte haben mir gefehlt.

Und das war schon der September. Mehr war nicht.