Düsseldorf / 2021

Hatten Sie schon einmal einen Pickel in der Achselhöhle? Wenn Sie da mal einen haben, drücken Sie ihn bloß nicht aus. Es schmerzt schlimmer, als sich einen an den Hoden auszudrücken.

Oder nach Düsseldorf geschickt zu werden. 

Was ich an Hotels hasse, ist schnell erzählt: Im Prinzip alles, was mit Klopapier zu tun hat. Meistens ist es zu wenig. Da hängt dann eine traurige halbe Rolle, die für einen ordentlichen Suffschiss, aus dem Verdauungsschlauch herausgekoddert mit der Hilfe von Pflaumen und Joghurt vom Frühstücksbuffet, völlig untauglich ist.

Ganz schlimm sind auch diese kleinlichen Klopapierabroller, die mit ihrem Klappding von oben zu fest auf die Rolle drücken und immer nur ein oder – wenn Sie großes Geschick beweisen – zwei Blatt beim Abreißen zulassen. Ein Sparzwang zum Papiersparen. Nur wie soll ich damit operieren, ohne mir beim Arschabwischen die Hände zu ruinieren, die ich danach mit den Resten des immer zu leeren Seifenspenders und den Fingernägeln porentief rein schrubben muss, um den Kackemuff vom Handballen zu bekommen (der nie ganz weg geht, kennen Sie das? Der geht nie ganz weg. Ich bilde mir ein, dass der bleibt, bliebe, bleibt immer, für Tage).

Nein. Andere Probleme habe ich nicht.

Obwohl, doch: Kondenskaffeesahne auf einem Frühstückstisch. Schön feist im Kännchen. Beige. Dick. Fettig. Muffig. Anstelle von normaler Milch. Was soll das? Ich habe schon Jahrhunderte niemanden mehr gesehen, der Kaffeesahne aus dem Kännchen in den Kaffee schütten mag. Die letzte war meine Oma selig und die ist schon seit Ewigkeiten tot. Stattdessen machen es alle wie ich: Sie lassen die muffige Kaffeesahne stehen, nehmen eine zweite Kaffeetasse vom Buffet, füllen dort normale Milch von der Müsliecke rein und schütten dann von dort umständlich die Milch in den Kaffee, wobei sie – wie ich – den Tisch oder besser noch die plastene Geschirrunterlage mit geschmacklosen Düsseldorf-Stuttgart-Hannover-Bad Bevensen-Motiven verkleckern, um dann ein weiteres Mal umständlich zu versuchen, die Sauerei mit der einzigen Serviette am Tisch wegzuputzen, was aber nicht funktioniert, sondern nur dazu führt, dass Sie keine Serviette für die Frischkäsereste in Ihrem Bart mehr haben.

Man könnte auch einfach nach normaler Milch für ein Kaffeekännchen fragen, aber das wäre zu einfach.

Nein, andere Probleme habe ich wirklich nicht.

Obwohl, doch: Wieso machen alle Hotels so plakativ auf superfreshmodern, sind aber nicht in der Lage, einen streamingfähigen Fernseher in die Zimmer zu stellen, mit dem ich Netflix vom Smartphone via Wifi auf eine größere Fläche beamen kann? Und warum sperren manche Hotels in ihren Wifis Netflix gleich ganz? Echt jetzt? Steht es so schlimm? Ist mehr nicht drin für die 145 Euro die Nacht? Oder ist es wieder das Datenbandbreitewunder Deutschland? Schlimm. Fast so schlimm wie die Kaffeesahne auf meinem Frühstückstisch. Oder das mit dem kostenpflichtigen Internet auf den Zimmern in manchen Hotels.

Nee, ich habe keine anderen Probleme. Im Moment zumindest nicht. Denn ich bin in Düsseldorf. Wieder einmal Mist reden vor mistigen Leuten. Weil es sonst keiner macht. Denn die in die verantwortliche Position gegenderte Verantwortliche für das Projekt, die mehr verdient als ich und daher ihr Projekt eigentlich präsentieren müsste, hat erklärt, dass sie das nicht machen kann. Weil sie nicht gerne vor mehr als zehn Leuten spricht. Ah prima. Na klar. Ist doch kein Problem. Dafür gibt’s ja mich. Muss das halt der Typ da machen. Der ist ja ein Typ. Der kann so einen Job nicht ablehnen, ohne sich selbst noch mehr als sowieso schon ins Abseits zu schießen, auch wenn er deshalb wieder zusehen muss, wie er das mit der immer noch notwendigen Kinderbetreuung (irgendwo hinbringen, irgendwo abholen, da sein, kochen, vorlesen, bla bla) hinkriegt, um für einen lausigen Vortrag vor lausigen Leuten über ein lausiges Projekt, das nicht mal sein eigenes ist, nach Düsseldorf fahren zu können. Düsseldorf. Meine Güte. Fast Holland. Wer will da hin außer zum Kiffen?

Die Sache mit den beruflich gestellten Anforderungen läuft wie immer arg aus jedem Gleichgewicht. Einige dürfen bei uns im Borgwürfel, dem gerechtesten und weisesten Arbeitsplatz der Welt, tatsächlich alle möglichen Dinge ablehnen, Vorträge, Projektpräsentationen, Sonderaufträge, Überstunden, Wochenendreisen und alle anderen Hirntötungstätigkeiten, ohne irgendwelche Nachteile zu erfahren und ohne dass irgendwer insistiert. Machen Sie das als derjenige, der das immer schon macht und in seiner endlosen Blödheit dazu ständig anderswo ausputzt, werden Sie, wenn Sie den überraschenden Sonderauftragsüberfall, für den Sie gar keine Zeit haben, mit Ausflüchten von sich weisen, so lange bearbeitet, bis Sie es doch tun, und danach gelten Sie als bockig, was Ihr Weiterkommen eine Weile hemmt, so dass jene, deren Job Sie zum Beispiel hier kurz vor Holland machen müssen, weil sie ihn nicht machen will, noch weiter davonzieht. Ballyho. Womit wir beim alten Außendienstdilemma sind. Nicht da sein heißt nicht wahrgenommen werden. Bei mehr Aufwand, schmierigen Bahnfahrten in schmierigen Zügen in schmierige Kleinstädte, die Deutschland Groß- oder gar Landeshauptstädte nennt, und um die Ohren gehauenen Wochenenden. Ich bin definitiv irgendwo falsch abgebogen. Das dämmert nach all den Jahren langsam durch. Gerne in einem dieser abseitigen Hotelzimmer. Karovorhänge. Brauner grindiger Teppich. Kleines trauriges Shampoofläschchen. Zwielichtiger Fleck auf dem Nachttischdeckchen. Zu wenig Klopapier. Mit Blick auf einen vermüllten Düsseldorfer Park. Mehr Sackgasse war selten.

Wenn ich reden muss, bin ich eigentlich selber gar nicht ich. Sobald ich den Anzug, das Hemd und die geputzten Schuhe anziehe (keine Krawatten mehr, das ist vorbei), ist es, als würde ein anderer übernehmen. Dann kann ich plötzlich Dinge, die ich gar nicht kann. Ich bin dann eloquent. Witzig. Locker. Endlich extrovertiert. Ein Sonnenschein. Guten Morgen, guten Morgen. Hallo. Ja. Schön, dass Sie hier sind.

(nein, nicht schön, sicher nicht. Es ist nie schön, wenn die hier sind und auf den miesen Meetingstühlen fläzen. Es ist nur ein Job und ich muss das sagen.)

So funktioniert mein Doppelspiel. Triplespiel. Quattrospiel. Das Auftreten vor solchen wie heute ist wie eine zweite Haut geworden. Ich bin dann ganz wer anderes. Vergessen die Unsicherheit. Pulverisiert die Zweifel. Die noch vor dem Spiegel beim Sortieren der Eingangsfloskeln dazu geführt haben, dass das Herz überpocht. Durch die Brust will. Alles weg. Ruhe strömt. Plötzlich sitzen die Phrasen. Die Pointen. Ich unterhalte 20, 30, auch mal 40 Leute, ohne das zu können. Ohne das je vernünftig gelernt zu haben. Mein Rekord liegt bei knapp dreistellig. Auch da: Nach zehn Minuten Anfangsschweiß und dem Wegatmen des Fluchtreflexes kam die Ruhe. Die Sicherheit. Ich schaue mir dann auf eine völlig kranke Art selber beim Reden zu.

(Gestört.)

Aber man kann das lernen. Wie alles vermutlich. Irgendwie. Phobien. Ängste. Nöte. Blockaden. Einfach machen. Leiden. Durchziehen. Umpflügen. Weggeflext.

Manchmal stockt die Maschine. Stottert. Verliert alle Fäden. Dann versuche ich mich statt des Avatars selbst am Steuer und dilettiere unangenehm, bevor ich mich fange und die mit Kaugummi, Pflaster und Spucke geflickte Maschine wieder übernehmen kann. Dann feixen die Feixgesichter hinten im Publikum und ich weiß, dass sie sich das Maul zerreißen werden, weil sie mich haben schwimmen sehen. Weil ich mal unsicher war. Mich verhaspelt habe. Es nicht gebracht habe wie sonst.

Später werde ich mich dafür in einer Gnadenlosigkeit verabscheuen, die ich sonst niemand anderem entgegen bringe, weil ich nur mich selbst in so einem unvernüftigen Ausmaß richte. Weil ich nicht gut genug war. Verwundbar gewirkt habe. Schwach. Nicht bei der Sache. Oder das Schlimmste: Fahrig. Nervös. Kommt vor. Zu viel Alkohol am Vorabend. Zu wenig Schlaf. Schlechter Sex. Kein Koks. Zu viel Kaffee als Ersatz. Der nur noch dafür sorgt, dass ich stinkepissen muss und zittere. Wo ich sowieso aus jeder Übung kam im ganzen Coronastillstand. Die Neonröhren dröhnen in meinem Kopf. Stirnschweiß. Blut pocht in meinen Schläfen. Das war nix. Nix war’s. Nix in Düsseldorf. (Ich habe meine Sache nicht gut gemacht.) Das Herz pumpt. Die Wolke zieht auf. (Nein. Ich habe meine Sache nicht gut gemacht.) Schwindel. Kopfschmerz. (Doppelnein. Ich habe meine Sache nicht gut gemacht.) Ich war nicht gut. Schlecht. Ich war schlecht.

(früher war er besser… was war nur los … was hat er denn … macht er denn da …)

Woher dieser Hang zum Selbsthass kommt, wenn ich einmal (einmal nur) nicht perfekt funktioniere, einmal nur nicht so rundlaufe wie ich es will, kann ich nur küchenpsychologisch ertasten, weil der Therpeut wie immer wenig dazu sagt. Wahrscheinlich die Mutter wieder. Die jede Regung überwachte. Jedes Hochziehen der Augenbraue. Jeden Seufzer. Handbewegung. Das dann bewertete. Hervorzog. Und niederhöhnte. Der ich nie genug war. Der alles unterhalb von Perfektion (nie perfekt, du bist nie perfekt) ein Dorn war, den sie ausbrennen musste. Die seelenhässliche Hexe. Nur gibt es die Mutter lange schon nicht mehr, als dass sie als einfacher Sündenbock für das, was ich heute veranstalte, taugen würde. Die Mutter habe ich entsorgt. Ausgebrannt. Ewig schon her. Jetzt bin es ich, der mich selbst überwacht. Der sich selbst jetzt statt ihr in dieser Gnadenlosigkeit richtet. Alles unterhalb eines perfekten Auftritts vor der Powerpointwand und diesen nichtssagenden Gesichtern lässt mich abends im Bett liegen und gegen den Wunsch antrinken, mich selbst an einer geeigneten Stelle aufzuschneiden. Das werde ich auch nie mehr los. Das steckt zu tief. Unoperabel. Ab einem gewissen Alter kriegen Sie so etwas nicht mehr raus. Ich kann es nur abfedern, wenn es wieder über mich kommt.

Und nein, Sie merken mir nichts davon an. Null. Das kriege ich alles gut kaschiert. Ich wirke oft angenehm in dem was ich tue. Wohldosierte Gags. Drei bis vier Lacher zwischen den Informationen, die ich leicht verdaulich transportiere. Nie ein echtes Gefühl, kaum eine Schwäche und wenn, dann moderiere ich sie ab, überspiele sie, scherze über mich selbst (so leicht, leicht). Sympathisch wie die Kinderriegel auf meinem Schreibtisch, die ich so mag, und die eine Schwäche zum Gernhaben sind. Nie wirke ich so niedergeschlagen wie ich bin, sondern immer sehr offen. Ausgeglichen. Ich bin ein standfester Mann, ein Bild von einem Felsklischee, niemand wird mich je unsicher erleben. Unausgeglichen. Oder traurig. Schwach. Weil ich weiß, wie sie damit umgehen. Wie sich das immer rächt. Entgegen von allem, was sie so sagen. Denn niemand mag schwache Männer. Und ich mag mich am allerwenigsten, wenn ich schwach bin. Mag keiner von denen sein, die sie überall wegen einer Schwäche auslachen. Ich tue alles, damit sie mich nicht an einer meiner gut verborgenen vulnerablen Stellen attackiert bekommen. Weil ich gesehen habe wie andere enden. Ich nicht. Nicht mit mir. Ich ende niemals so.

Die Tätigkeit, mit der ich die Dinge am Laufen halte, mag ich tatsächlich gerne. Wie eine schlechte Angewohnheit. Und weil ich es kann. Nur manchmal mag ich sie nicht gerne, vor allem, wenn die Maschine nicht so funktioniert wie sie soll. Dann hasse ich es. Wenn die Dinge laufen wie sie laufen sollen, schwimme ich hingegen in Mana. Die erwartungsvollen Gesichter. Das Nicken. Das Tischeklopfen zuletzt. Das zufriedene Lächeln einiger. Die Abwesenheit der unterschwelligen Häme in ihren Gesichtern, wenn ich eben nicht versagt habe. Es nichts zu hämen gibt. Weil ich es gebracht habe. Die Leute gut unterhalten wurden. Alles gut war.

Ich kann mit den Phasen der pechschwarzen Niedergeschlagenheit, die auf Rückschläge folgen und von denen nie jemand etwas hören will, den ich nicht dafür bezahle, sich den Scheiß anzuhören, inzwischen sehr gut umgehen. Ich bin ein guter Soldat und stehe immer wieder auf. Das ist eine geübte Praxis, die mich unverletzt durch die immer zuverlässig wiederkehrende Schwärze surfen lässt. Ich nicke die Stürze ab. Erwarte sie. Und lebe sie intensiv durch, weil ich weiß, dass bald schon wieder eine Phase der unbedingten Euphorie folgen wird, die stets länger anhält als die Düsternis. Doch der nächste Rückschlag kommt immer, eine Niederlage, eine Blutgrätsche, ein Hieb in die Seite, der die Düsternis wieder sofort allen Raum bis in den letzten Fluchtwinkel einnehmen lässt. Das muss man wissen, wenn man ist wie ich. Nichts bleibt. Kein Berg. Und auch kein Tal. Ein, zwei Tage, dann habe ich das verdaut, feiere wieder Siege und warte auf die nächste Niederlage, die ohne jeden Zweifel kommen wird. Wochen wird das dauern bis dahin. Wenn ich gut bin Monate.

In einer Gutenachtgeschichte, die ich dem Kind oft vorgelesen habe, als Gutenachtgeschichten noch nicht uncool waren, kommt der zentrale Satz für schlechte und gute Zeiten vor: „Auch dies wird vorübergehen.“ Und das ist wahr. Und das muss man wissen. Weil das aufrecht hält. Womöglich hat mir die Gutenachtgeschichte sogar mehr gebracht als dem Kind.

Was auch dabei hilft, mit meinen unvermeidlichen Niederlagen umzugehen, ist der Gedanke, dass alle diejenigen, die Zeugen geworden sind, in 30 Jahren alle tot oder zumindest dement sein werden. Ich selbst werde dann in die Zielgerade einbiegen und nur ein paar Jahre später selbst tot sein. Spätestens dann interessiert niemanden mehr, wer irgendwann irgendwo in Düsseldorf irgendwas verkackt hat, so wie ich heute in Düsseldorf den Mittelteil meines Auftritts mit einem verlorenen Faden und kurzem, aber merklichem Stottern, das für Heiterkeit gesorgt hat, verkackt habe.

(Loser)

Ganz sicher ist nur eines: Ich habe vergessen, frei zu sein.

Auf der Fahrt mit dem Taxi weg von dem Ort der Niederlage lese ich, dass mein Hotel, in dem mich die Reisebuchungstratschen aus dem Borgwürfel eingebucht haben, bei den Googlebewertungen in den letzten Wochen ziemliche Prügel kassiert hat. Altbacken. Unsauber. Monsterunfreundlich. Als ich ankomme, merke ich, dass das Regiment neu aufgezogen wurde. Das natürlich durchweg polnische Personal ist über alle Maßen freundlich. Ich schaue mich um und sehe hinter der Rezeption in einem Türbogen lehnend den Drachen, die mutmaßliche Eigentümerin des Schuppens, argwöhnisch auf ihr Personal äugen. Die Freundlichkeit ist mithin der puren Angst geschuldet. Da liest jemand Internetbewertungen und möchte, dass sie besser werden. Ich stelle mir vor, wie sie hinter dem Rücken die Knute gegen die Handfläche schlägt. Patsch. Patsch. Patsch. Freundlich sein. Der Schnitt muss über die 4. Alles mit einer 3 vor dem Komma ist nicht gut genug.

Steigenberger in Dortmund war mal. Jetzt übernachte ich wieder in der Blechklasse. Ein klar unterdurchschnittliches Hotel haben sie mir gebucht. Es wird mal wieder Zeit, mir die öden Geschichten der Reisebuchungstratschen über faule zahnlückige Kinder und nutzlose Ehemänner anzuhören und mir beschissene Schnappschüsse dazu anzuschauen. Oh, der ist aber groß geworden. Ach kuck mal, da winkt er vom Klettergerüst. Aufmerksamkeit ist die Währung, mit der man im Borgwürfel die Buchung guter Hotels bezahlt. Immer wenn Sie mal wieder in einem heruntergekommenen Loch einer blöden westdeutschen Provinzhauptstadt landen, sollten Sie mal wieder nach oben gehen. Anklopfen. Hallo sagen. Damit die buchungsmächtigen Tratschen ein Gesicht zu der E-Mail mit der Reiseanmeldung haben. Huhu, i bims, den Spesensprallo vong Außendienst. Steigenberger plz.

In Düsseldorf haben die Fußgängerampeln ein Gelblicht. In Form eines Querbalkens. Geht so. Der Funke springt da bei mir nicht rüber. Ich mag es ja, wenn in Osteuropa an der Fußgängerampel die Sekunden heruntergezählt werden, wann grün beziehungsweise wieder rot wird. Aber Osteuropa ist weit weg und hier nur Düsseldorf.

Kö. Hafen. Altstadt. Fernsehturm. Nett. Doch das Beste an Düsseldorf ist immer noch, dass Holland nicht weit weg ist. Aber die schönen Menschen von Düsseldorf beeindrucken mich, ehrlich, ich weiß, ich bin anspruchslos, denn ich komme aus Berlin, der Stadt mit den hässlichsten Menschen der Welt, Männern wie Frauen, von der aus gesehen die Dinge eigentlich überall nur besser werden, aber dennoch, es ist schon bemerkenswert, wie gut angezogen Düsseldorfer und vor allem Düsseldorferinnen im Querschnitt sind.

Zu meinem Pech hat einer der intern Putzerfische genannten Freelancer aus dem Frankfurter Borgwürfel Wind davon bekommen, dass ich im Moment in Düsseldorf bin und er ist zufällig auch dort, was mich dazu verpflichtet, ihn zu treffen.

Das macht er nicht, weil er mich so mag oder weil ich so ein guter Mensch bin, mit dem er gerne essen geht, sondern weil ich einer derjenigen bin, der andere (ihn) mit Subaufträgen bedienen kann und er weiß das. Jedes ausgegebene Bier, jede Sehenswürdigkeit, die er wortreich mit mir abläuft, ist eine Investition in einen zukünftigen Subauftrag. Ich bin eine Geldbörse auf zwei Beinen so wie damals in Samarkand im Polizeistaat Usbekistan, als eine ganze Horde Kinder hinter mir herlief und Scheine wollte, weil ich der reiche weiße tempelbesichtigende Mann aus dem Westen war. So ist das hier auch. Außer dass ich jetzt der dumme borgwürfelige düsseldorfbesichtigende Mann aus dem Osten bin. Und so höre ich mir sein Gebagger an, sein Gejammer, sein Geprotze mit Hund, Auto, Katze, Frau, lasse mich durch Glitzereinkaufspassagen auf der Kö schleppen, ziehe mir den nagelneuen Hafen mit seiner avantgardistischen Architektur rein und fahre für sinnlose neun Euro auf den debilen Fernsehturm, um von dort runter zu schauen, während mich mein eifriger Schatten über mögliche neue Aufträge zuseiert, die auf keinen Fall jemand anderes bekommen darf. Und über die Hypotheken für das viel zu große Haus für sich, Frau und die nichtsnutzige Tochter. Und den Hund, den er hat, und dessen Foto ich mir anschauen muss. Eine Dogge.

Ich lobe pflichtschuldig den Hund. Das Foto vom Garten. Den Carport. Und das dicke Motorrad darin. Ich kann Konventionen. Fast alle. Konventionen sind unser Brot. Die Notwendigkeit, Freundschaft zu simulieren, die es nicht gibt. Tolles Motorrad. Wirklich. Chrom. Wow.

(Lackaffe)

Ja, das ist alles unwürdig. Für mich. Für ihn sicher auch. Weil er weiß, dass ich weiß, was er da macht (Schaumschlagen). Und ich weiß, dass er weiß, was ich da mache (Schauspielen). Ja, ich will eine andere Welt. Ich will das alles nicht machen. Ich will nicht, dass der das macht. Und ich das machen muss. Aber die andere Welt gibt’s eben nicht. Die Dinge sind immer wie die Dinge sind.

Ich wollte ein Lokal aufsuchen, das mir von einem früheren Besuch in Düsseldorf vor ein paar Jahren so schön in Erinnerung blieb: Matar. Genauer: „Matar kocht für euch“. Damals musste ich da unbedingt rein, nur wegen des Namens. Vorgefunden habe ich füchterlich klebende Tische, sehr gutes Essen und einen Matar, der wie ein kleines Kind auf Komplimente für sein Essen abfuhr. Nyce. Aber nun weg. Und die Internetbewertungen geben Aufschlüsse. Er muss arg nachgelassen haben. Oder welche haben eine Kampagne gefahren. Das weiß man heutzutage nicht immer. Kampagnen mit Internetbewertungen. Stahlharte Bandagen in der Gastro. Immer schon. Nur jetzt virtuell. Und Matars Lokal ist leider Geschichte.

Gesoffen habe ich zuerst in einem Ding namens Uerige und dann im Schlüssel. Sick fuck Altstadtfeeling. Onkel Potemkin grüßt. Mich Gast, für den die das aufgebaut haben. Wie viele von den kleinen Babybiergläsern das waren, weiß ich nicht, denn die sind immer zu schnell leer, um vernünftig mitzählen zu können. Glups. Weg. Gut, dass schnell ein neues kommt. Gulp. Wieder weg. Schmeckt gut, macht blau, mehr braucht es nicht.

Und dann ist Düsseldorf auch schon wieder vorbei.

Auf der Rückfahrt mit der Deutschen Bahn bleibt der Zug plötzlich für lange Zeit auf der Strecke stehen. Das Bahnwunder Deutschland zeigt die Instrumente. Der Zugführer gibt sich dazu noch sehr klein und ganz arg armselig: „Sie werden sich wundern, warum wir hier stehen, aber da steht ein verspäteter Zug auf der Strecke, wegen dem wir jetzt auch Verspätung haben werden. Falls Sie jetzt schimpfen, dann möchte ich darauf hinweisen, dass es kein Zug der Deutschen Bahn ist, sondern einer von National Express. Wir haben damit nix zu tun.“

(who the fuck is National Express?)

Das bringt mich auf die Idee, einmal die Glanzleistungen meiner Deutsche-Bahn-Fahrten der letzten Jahre Deutschlandreisen zusammen zu fassen: Zwei Mal war meine Reservierung verschwunden und irgendwer saß auf meinem Platz, der auch eine Reservierung hatte. Einmal fiel mein Zug komplett aus und die Bahn bot mir eine Regionalbahn mit angeschlossener Schienenersatzbusfahrt an. Vier Mal habe ich meinen Anschlusszug wegen Verspätung verpasst, ohne dass mir irgendwer eine neue Reservierung ausstellen konnte, wonach ich zwei Mal für Stunden im Gang stehen musste, weil der Zug ausgebucht war. Einmal bestand der Zug nur aus der Hälfte der Länge, wonach die spontan gestrichene Hälfte ausgerechnet meine Reservierung betraf, so dass ich zwei Mal den Platz räumen musste, da ich stets auf einer nicht angezeigten Reservierung saß. Und in nur einer der zahllosen Fahrten kam ich pünktlich in Berlin Gesundbrunnen an, sonst immer später, einmal zweieinhalb Stunden. Also bitte, liebe Bahn, keine Lästereien über Mitbewerber, wie auch immer die heißen. Ihr sitzt in einer umgestülpten, sehr zerbrechlichen Glasschüssel, ihr Gartenzwerge, und dürft deshalb bitte nicht mit vergifteten Kohlrabikugeln werfen.

Vorbeifliegende Bahnhofsnotizen:

Der Bahnhof in Wattenscheid hat kein Netz.

Und der Bahnhof von Essen ist hässlich.

Der von Duisburg auch.

Und der von Wuppertal ist so grauenhaft, dass sogar ein Blinder davon blind werden würde. Ich habe Glück und bekomme vom Wuppertaler Hauptbahnhof nur einen depressiven Schub.

Nur einen Tag später werden sie streiken und ich werde es gut finden.

Das war Düsseldorf. Mehr war nicht.