Der Fettschwanzbrüller

„Miminänäh scheißenaht huschaschmischah allescheißenaht!“

13 Uhr. Der Sonntag. Da steht er wieder. Mitten auf der verkehrsberuhigten Kreuzung. Und salbadert. Er salbadert immer erst vor sich hin, bevor er zu schreien beginnt. Worum es ihm geht, verstehe ich nicht und es ist auch egal, weil es keine Rolle spielt, was er will. Er steht halt da, salbadert und brüllt dann irgendwann. Breitbeinig krakeelt er seine inzwischen tägliche Sommeransprache an die Welt in unseren an Sommeransprachen immer sehr wenig interessierten Kiez.

„RAAAAAAAAAAAAAAH!!! SCHEISSEEEEE!“

Ah, es geht los. Salbadern beendet. Turbo an. Rakete gezündet. Er brüllt. Der Finger sticht in die Luft. Wildfuchtelnd wie ein aus der Form geratener Goebbels mit der verkehrsberuhigten Kreuzung als seinem persönlichen Sportpalast. Der Kopf wird rot. Die Hose hängt auf halb zehn. Aber die Bierflasche hat er fest im Griff.

„IHR SCHEISSAAAAAAAAAA!“

Ich nenne ihn den Fettschwanzbrüller. Schwer zu erklären, wie ich jetzt nun wieder auf so eine Wortkombination komme, aber hey, irgendeinen Namen muss ich ihm ja geben. Aber nein, keine Sorge, den Schwanz behält er in der Hose (darüber muss man inzwischen froh sein, es gibt auch andere verwahrlost in der Stadt Herumirrende, die holen den gerne mal raus und zeigen ihn vor), aber er steht einfach so schön als Klischeecowboy breitbeinig mit seiner obszönen Säufer- und Fresserwampe auf unserer Kreuzung und beschallt den Block, als würde er sagen: „Hey! Ihr Ficker! Ich bin der Fettschwanzbrüller! Weil ich so einen fetten Schwanz habe, dass ich mich einfach so auf eure Kreuzung stellen und brüllen kann! Eine halbe Stunde lang! Eine ganze Stunde, wenn ich das so will! Über Dinge, die euch gar nicht interessieren, aber ich teile sie euch trotzdem mit, weil dieses Gebiet hier jetzt besetzt ist! Von mir! Und meinem Schwanz! Ihr Nuttenbengel! Und ihr könnt nix dagegen tun! Nix könnt ihr! Scheiße! Ihr Scheißa! Scheeeeiiiiiiße!“

„SCHEISSE!“ ist mit das einzige, das ich verstehe. Und „REGIERUNG!“. Und „SCHEISS SENAT!“, was sich eher anhört wie „SCHEISSENAHT!“

Er macht das seit ein paar Monaten jetzt. Müsste Mai gewesen sein, als er zu uns stieß. Er ist nicht der erste und er wird nicht der letzte aus Berlins Brüllerarmee sein, der sich hier für einige Monate einnistet. Stets im Sommer. Und zum September ist es dann meistens vorbei. Brüller weg. Weitergezogen. Eingesperrt worden. Oder gestorben. Am Hirnschlag. Zack. Ader geplatzt. Vom Sofa gekratzt, kremiert und verscharrt. Feierabend.

„RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!!!!!“

Am Anfang wechseln die Mütter mit den Kinderwagen immer die Straßenseite. Hastig. Von der Wucht des Auftritts überfordert. Von der planlosen Aggressivität überrollt, gegen die niemand ein Mittel findet. Auch die Kinder schauen in den ersten Wochen ängstlich. Kehren um, nehmen eine andere Route, während angespannte Männer mit vor der Brust verschränkten Armen auf Abruf für einen eventuell nötig werdenden Zugriff auf den Balkonen stehen. Denn es kann ja sein, dass der Typ gefährlich ist. Kann ja sein. Kann sein. Der brüllt ja so.

Irgendwann legt sich die Angst. Weicht der Routine. Die Mütter gehen ungerührt weiter, wenn er seine rostig gewordene Tirade abspult, die Kinder nehmen keine Umwege mehr und die Männer auf den Balkonen stehen nicht mehr von ihren Gartenstühlen auf. Everything’s as usual. Ah, kucke, ist es wieder soweit. Der Brüller hat wieder seine halbe Stunde auf der Kreuzung. Wie jeden Tag. Jedes Jahr. Und jedes Jahr kriegt ein neuer Brüller von mir einen Namen, sobald er auftaucht. Wir hatten den Quadratkopfbrüller. Den Rotfratzenbrüller. Das Juhnkedouble (schwöre!). Poperzenjoe (der sich so gerne die Hose runterzog). Und viele mehr. Es ist inzwischen 2021. Nicht das Jahr des Büffels, sondern das Jahr des Fettschwanzbrüllers.

„SCHEISSENAAAAAAAHT!“

Vom Späti hat er sich recht schnell ein Hausverbot eingefangen, das der Spätimann immer wieder neu gegen den Willen des Fettschwanzbrüllers durchsetzen muss. Aber das juckt den nicht. Der kommt einfach wieder. Und brüllt. In den Späti rein. Von unserer Kreuzung aus. Die hat er sich geholt. Sie ist jetzt seine. Jetzt gehört er zum Cast. Keifende Mütter. Durchgeknallte Kinder. Drecks Rollkoffertouristen. Doofe null erzogene Hunde. Gebrochene Künstler mit Aquarellen vom U-Bahn-Viadukt auf der Schönhauser Allee. Übereifrige Klimaaktivistinnen und ihre Zettel. Fahrradnazis. Katzenmusizierende Katzenmusiker. Und der Brüller. Unsere Kreuzung seine Opernbühne. Für seine schiefen Arien. Und unsere Ohren sein Samenklo, in das er Worte spritzt, gegen die wir nichts tun können.

Nichts.

Was auch? Ich kann ja nicht runtergehen und ihm aufs Maul hauen. Das wäre ja Körperverletzung. Und gäbe mir wieder ein Verfahren, das ich gar nicht will. Denn wie immer in Berlin können die Mobber, die Stresser, die Brüller, die versammelten Arschgeigen der Welt hier alles machen, was sie wollen, und Sie, die einfach nur in Ruhe gelassen werden wollen, haben das hinzunehmen. Touristen pissen in meinen Hauseingang und ich bin machtlos. Verwahrloste Boomboxenkinder mobben sich in Gruppen durch die U-Bahnwagen und beschallen mich mit quietschendem Autotunemusikabfall. Wildfremde Soziopathen rempeln an öffentlichen Orten wieder (das war jetzt eine ganze Zeit lang weg) Leute absichtlich an, auf dass eine Auseinandersetzung entsteht, die nur der Rempler will. Der Fettschwanzbrüller verseucht meinen Samstag, meinen Sonntag, sogar meinen Montag, und sowieso jeder Verstrahlte mobbt, brüllt, kotzt und kackt sich durch Berlins Gassen, weil hier Berlin ist und Sie nicht mal die Bullen rufen können, wie es mein gerade eingezogener Nachbar die ersten paar Mal tat (der weiß es noch nicht besser), als der Fettschwanzbrüller seine ersten aggroschwangeren Freislertiraden in die Lauluft von Berlin-Prenzlauer Berg geschrien hat. Das kann er sich schenken, das Angerufe, der Nachbar, der Neueinzieher, weil die Bullen bei sowas gar nicht mehr kommen, weil das Dauergebrülle der Verstrahlten normal geworden ist. Brüller in Berlins Gassen sind normal. Kann keiner mehr was machen. Die Bullen kommen in Berlin wegen sowas nicht. In Gießen schon. In Marburg auch. Tübingen. Bremerhaven. Bad Bevensen. In Berlin kommen sie wegen sowas nicht. Das wird auch der neue Nachbar noch lernen. Irgendwann nach seinem zehnten sinn-, frucht- und hirnlosen Anruf bei der Tempelhofer Einsatzzentrale, bei der er vermutlich jetzt schon in der Vielanruferkartei in der hinteren Ecke vom Giftschrank gelandet ist.

„MEEEEERKELLLLL! SCHEISSENAAAHT!!!“

Auch für mein vorpubertäres Kind ist der Typ inzwischen Folklore. Kinder wachsen in Berlin mit solchen Leuten auf. Meistens tun die ja nix. Und wenn Sie ein verantwortungsvoller Elternteil sind, dann bereiten Sie Ihre Kinder besser darauf vor. Lehren den Umgang mit denen. Wie reagiert man wann auf was? Welche Sorten Brüllmobber gibt es? Und was kann ich tun, um nicht so zu enden?

Der Vorteil ist, dass ich dem Kind das ganze Gossenvokabular nicht selber beibringen muss, sondern das Kind kannte die einschlägigen Wörter mit acht Jahren schon alle. Weil hier Berlin ist. Und die Kinder hier früh lernen, was ein Hurensohn ist. Ein Bastard. Eine Missgeburt. Ein Ficker. Ein Schwanzgesicht. Das nehmen die an einem normalen Schultag auf dem Nachhauseweg mit. Hier ist nämlich Berlin und das ist unsere Folklore.

„DIEFAPRECHA! FAPRECHA SIN’N DIE! FOTZEEEEEEEEEEEN!!!“

Wie? Sie haben keinen Brüller im Kiez? Obwohl Sie in Berlin wohnen? Wohl Zehlendorf, was? Dahlem? Villenviertel? Oder einer dieser neuen schneeweißen umzäunten Gated Communities mit Concierge? Jaha, da sind die Brüller nicht, zu wenig Publikum. Außerdem kommt da die Polizei und räumt die ab. Weil der Villenmann die Polizeipräsidentin kennt. Oder der Investor den Bezirksbürgermeister. Die haben sowas nicht. Aber jeder sonst. Jeder Kiez hat seinen eigenen…

„SCHEISSEEEEEE! FOTZEN!“

Ah. Er wird leiser.

„FOTZEEEEEEEEEEEEEN!“

Für heute isser durch. Er wiederholt sich ja auch langsam.

„HUUUUUUUUREN…..!!!“

Bis morgen wieder. Morgen wird er wieder da sein, seine Wampe auf der Kreuzung wackeln lassen, mit dem Finger wild in die Luft stechen und alle hier auf seine tägliche Anklagebank bringen.

„RAAAAAAAAAAAAAAH!!!“

Die erste Mutter biegt um die Ecke.

„Fotzeeeeeeeeeeen!“

Ein Kind kommt mit Ball daher. Und eines mit Jojo.

„….. fotzeeeeeen …“

Der Spätimann richtet den Aufsteller neu aus.

„… eeeeeeeeeen …“

Ein Blatt weht über die Kreuzung.

naa, nich‘ meine Kreuzung, ick bin ja nich‘ blöde…