Im Untergrund des lustigen Lockdowns

Eingesperrt sind wir immer noch, es beruhigt uns sogar, dass das so ist.

Turbostaat


Phew. Das war ein krasses halbes Jahr. Knapp sieben Monate Li La Lockdown. Tri Tra Trullala. Lirum Larum Löffelstiel.

So ein supersalamitaktischer Polizeistaatswinter mit täglichem Coronatourette von Söder über den SPD-Dauerwarnautomaten mit den schlechten Zähnen bis zu superkritischen (haha) Faktencheckbloggern schafft Raum für sprühende Kreativität. Und jetzt, wenn gerade das Restblei eines überreizten Winters den gnädigen Fluss des Vergessens hinabgespült und eine Fußfessel nach der anderen abgeräumt wird, kann ich es ja sagen: Wir haben das Meiste unterlaufen. Eigentlich fast alles. Mit voller Absicht. Umsichtig. Aber mit aller Kreativität. Und wirklich viel Spaß.

Mein Solarium, meine Waxingfrau und meine Kosmetikerin (jaja, die hippe Hauptstadttussi lässt sich die zarten Füßlein behandeln, was glauben Sie denn…) boten kurz vor dem Einschluss Telefonnummern auf. Fürs Schwarzbehandeln. Steuerfrei. Und Stammkundenboni. Anruf. Seiteneingang. Oder gleich in der Privatbude. Bargeld. Knick Knack. Verschwiegenheit Ehrensache. Man kennt sich doch.

Tattoos gingen auch. Wenn Sie eins wollten. Halt über persönliche Kontakte. Kennste einen, kriegste eins. Und irgendwer kennt immer einen der achzigtausend verzweifelten Hauptstadttätowierer, der Bock auf eine Runde Schwarzstechen hat. Privatwohnung. Türspion. Bargeld auch hier. Easy Popeasy.

Ebenso eine Kneipe, die ich ganz sicher nicht an Sie verpfeife. Ging auch. Hinterzimmer. Nur Eingeweihte. Schotten dicht. Türen zu. Bier vom Hahn. Gedämpfte Stimmen. Fahles Licht. Keine Musik. Das hatte was von Al Capone wie ich mir Al Capone vorstelle. Prohibitionsstyler. Ich würde lügen, würde ich sagen, es hätte mir nicht einen diebischen Spaß gemacht. Klammheimliche Freude. Berliner Mescaleros. Und draußen die Bullenopels. Kommen sie? Kommen sie heute? Nein, sie kamen nie. Nix. Nicht einmal.

Das mit dem Alk währens des nächtlichen Alkoholverbots ging sogar noch einen Zacken unwirklicher. Untergründiger. Deshalb gab es auf Telegram ein paar Suffchatgruppen für Prenzlauer Berg und Friedrichshain, in denen verraten wurde, wo es nach 23 Uhr noch Alkohol zu besorgen gab. Spätihintertüren. Irgendwelche Typen, die im Mercedes Sprinter irgendwo am Rand der Schönholzer Heide oder auf Stralau saßen und Bier hinten drin hatten. Sie konnten sich die ganz Findigen auch vor die Haustüre bestellen wie ein Kokstaxi. Bier statt Koks. Oder Bier mit Koks. Manche halfen sich auch spontan aus. Ich habe einmal nachts um zwei für nen Zehner pro Flasche die Hälfte einer überschüssigen Kiste Wein vertickt, weil ich noch wach war und ein junger Mann mit junger Frau aus der Chatgruppe auf der Greifswalder herumirrte und Alkonot hatte. Dingeling. Komm rin. Hier die Flaschen. Hier die Kohle. Viel Spaß. Ja echt, es war toll und ich fürchte, das kommt nie wieder und das alles werde ich irgendwann meinen Enkeln (oder die nächsten zweihundert Jahre immer wieder Ihnen hier im Internet) erzählen. Meine alte Hammerstory, wie der Opa damals im steckrübigen Coronawinter von Prenzlauer Berg mit blödem Chardonnay gedealt hat. Illegalem Chardonnay. Schwarzchardonnay quasi. Wahnsinn. Pures Erzählergold.

Kindergeburtstage waren plötzlich nicht weniger Untergrund. Sonst bräsige Eltern verwandelten sich zugunsten ihrer in der Vereinzelung vergammelnden Kinder in konspirative Verschwörer. Mit Instruktionen zur Verschwiegenheit. Per Messenger mit Verfallszeit der Nachrichten. Keine für Passanten sichtbaren Geschenke bitte. Getrennte Zeitfenster für die Ankunft. Damit das auf der Straße nicht auffällt. Die Nachbarn müssen eingeweiht gewesen sein. So viele Kinder plus Eltern bleiben sicher nicht verborgen. Gute Nachbarn. Keine Anscheißer. Solche braucht’s halt.

Kaufen? Also beim Einzelhandel? Na gut, der war eingeschränkt, der große Einzelhandel zumindest war nicht zugänglich, aber die cleveren Kleinen im Innenstadtgebiet haben die Angelegenheit unterlaufen und ich sage Ihnen natürlich auch hier nicht, wer das war. Aber ich sage Ihnen wie sie das gemacht haben: Zettel an die Türe gehangen. Kaffee to go. Kuchen to go. Damit konnte der Laden formell offen haben. Weil Verpflegung. Scheiß aber auf den Kuchen. Und scheiß auf den Kaffee. Klamotten, Fahrräder, Longboards, Sneakers bis zur verschissenen Keramik konnten Sie kaufen. Wenn Sie gefragt haben. Ging ja schnell. Zack. Kohle. Zack. Ware im Treppenhaus deponiert. Irgendwann haben sie das dann legalisiert und Pick and Go, Grab and Fuck (oder so, keine Ahnung) genannt. So dass dann wenigstens wieder Steuern gezahlt wurden.

Ein Irrenhaus. So verrückt.

Aber alles das ging. Weil hier Berlin ist und nur diejenigen Regeln kontrolliert werden, die einfach zu sanktionieren sind. Falschparker wie immer. Das pausierte nie. Eine halbe Stunde gegen die Fahrtrichtung geparkt und gefickt. 15 Euro kostet das. Weiß ich. Weil ich Falschparker bin. Und das kriegen sie hin hier in Berlin. Egal zu welcher Zeit. Oder auch die illegalen Glühweinfenster zum Dezember in der Stargarder Straße. Easy. Nicht zu übersehen. Fahrlässig in der ersten Frühlingssonne saufende Jugendgruppen im Volkspark Friedrichshain. Brumm Brumm. Einfach mal mit dem Bullenopel auf die Wiese fahren. Lalü. Sind ja nur Kinder, die trauen sich noch nicht wegzurennen. Berlin halt. Immer auf die, die man ohne Aufwand satt ordnungsamtfisten kann. Und nur auf die. Weil die Büttel der Stadt es sich immer gerne leicht machen. Jeder Kriminelle weiß das. Und jeder, der in so einem Lockdown dicke was verdienen will, erst recht. Ballyho.

Doch da ging noch mehr. Liebe Freunde der Städtereisen, Sie konnten auch als Auswärtiger in der ganzen Zeit gegen Entgelt irgendwo in Berlin übernachten. Ernsthaft. Gar kein Problem. Bissken teurer halt. Risikoaufschlag. Schwarzmarktpreise. Angebot/Nachfrage/Volkswirtschaft für Anfänger. Natürlich war das nicht über die großen Portale zu buchen, auch nicht über die kleinen, denn Schattenwirtschaft funktioniert so wie sie immer funktioniert: Nicht quittungsmäßig nachzuvollziehen, nur von Hand zu Hand, einer kennt wen, der wieder einen kennt. Vertrauen ist gut und Berlin ist immer zu doof zum Hinterherermitteln. Hotels zu. Hostels zu. Treppenhäuser voll. Die Sofas auch. Eine irre Zeit.

Auch unsere Ziehersessions gab es durchgehend. Voll durch. Voll druff. Ohne auch nur einen Monat Unterbrechung. Fünf, sechs, sieben Leute aus fünf, sechs, sieben Haushalten. Seit Jahren zuverlässig verbunden. Für die Aktionen hat der Freund aus Französisch Buchholz / Biesdorf / Haselhorst (Ortsteil egal, vergessen Sie’s) mit seinem Einfamilienhaus hergehalten, weil Innenstadtwohnungen in der Risikoanalyse schlecht abgeschnitten haben. Fenster abgedunkelt. Leise Musik. Wieder einzelne Zeitfenster für die Ankunft. Speed auf dem Klo. Tüten auf Tabletts. Pillchen in Hosentaschen. Ekstase. Tänze auf dem Vulkan. Und dieser viele gute Scotch, den sie immer haben.

Sie kriegen solche Sachen nicht verboten. Schon zu normalen Zeiten nicht. Und tatsächlich kam auch jetzt keiner und löste auf. Nicht mal bei dem einen fetten Ding mit zweistellig an Leuten im Tegeler Forst, bei dem ich mir so sicher war, dass sie uns arschficken würden. Nix. Kein Bußgeldbescheid zum Einrahmen. Keine Ordnungsamtschlümpfe haben uns gekriegt. Bis zuletzt. Was fast schade ist. Ich hätte mir gerne so ein Ding eingerahmt. Das Bußgeld für mich, einfach weil ich Leute getroffen habe. Hätte ich einmal wenigstens gerne gehabt. Als Veteranenabzeichen. Kuckt mal Kinder, der Opa, damals, im Bleiwinter von Prenzlauer Berg. Der Bußgeldbescheid. Statt Steckschuss.

Zuletzt Knattern. Das Rein-Raus-Spiel. Ja klar. Ging. Zwar nicht offiziell, aber klingeln konnten Sie schon. Bei den Wohnungspuffs der nebenverdienenden Hausmütterchen. Und den Thais, die in Wirklichkeit Vietnamesen sind. Oder beim jungen rasierten Albaner umme Ecke, der so fantastisch bläst. Halb Osteuropa hielt die Schenkel geöffnet und den Darmausgang in die Luft. Schildchen täglich ausgetauscht. Neuen Klingelschildnamen jeden Tag neu in den passwortgeschützten Foren oder mal wieder den Telegramgruppen gestreut, die das dumme Bezirksamt sowieso nicht kennt. Und Spaß dabei. Haben Sie sich auch jemanden nach Hause bestellt? Natürlich nur zum Labern? Späterer Körperkontakt nicht ausgeschlossen? Cruising as cruising can. Einer. Zwei. Morgen der. Übermorgen ein anderer. Mann, ja. Hier ist Berlin. Natürlich ging das weiter. Die können das alles in dieser Dreieinhalbmillionenstadt gar nicht kontrollieren, weil sie gar kein Personal für ihre vielen Regeln haben, und deshalb kontrollieren sie die meisten dieser Regeln auch nicht. Schon zu normalen Zeiten nicht. Und schon gar nicht nachts. Und hätten sie uns Telegram dichtgemacht, hätten wir was anderes genommen. Es anders hingebogen. Weil Subkultur wie Wasser ist und immer seinen Weg findet. Regen Sie sich also bitte jetzt auf, schäumen Sie hart, seien Sie sehr empört, denn wir haben einfach weitergemacht. Fast so wie wir es immer gemacht haben. Die Konditionen angepasst. Die Rahmenbedingungen modifiziert. Uns versteckt. Im Stealthmode. Im Schatten. Dunkeln. Am Anfang noch nervös, später routiniert, als wir gemerkt haben, dass es geht. Und alle haben dichtgehalten. No snitch on board.

Ja, das war ein irrer Winter. Und ein irrer Frühling hinterher. Schön war’s doch ein wenig. Oft was los. Endlich wieder mal illegal. Spannung. Knistern. Untergrund in Coronaland. Bis bald im Herbst. Löschen Sie die Kanäle bloß nicht. Vielleicht brauchen wir die nochmal.


Nina Proll