Mittags. Pause in Schnösel City (3)

Lange her. Ich bin wieder mittags unterwegs. Im neuen Quartier, das sie hochziehen. Im Borgwürfelland. In der Neubauhölle. In diesen fiesen Büroschluchten. Dieser totgeplanten städtischen Ödnis, die am Reißbrett von Gefühlsblinden geboren wurde.

Irgendwer zieht in einen der frischbetonierten Schuhkartons ein. Entjungfert das persönliche Schließfach. Quader. Glas. Sichtbeton. Rechte Winkel. Ein paar wahllos neckische Kurven. Verspieltheit vorspielend. Die Einziehende lässt schleppen. Dirigiert herum. Jung, schlank, weiblich, fresh. Und wer da schleppt ist alt, speckig, karobepullit, braunledersandalt, ungesund und nicht von hier. Albaner. Kosovaren. Rumänen. Was weiß ich. Schlotrauchend, wenn nicht geschleppt wird. On the lonely road to Katarrh. Manches ändert sich nie, egal unter welchen Vorzeichen. Es gibt Dirigierer und Packer. Immer gibt es die. Dirigierer oder Packer.

In den Schluchten am nahen Ostbahnhof sitzt derweil die ganz offene Armut herum. Zottelige Typen. Zelte neben Zelten wie Reihenhäuser. Wie ein Heim. Plastiktüten. Schlafsäcke. Ausgelatschte Sneakers. Einer hat Fächer zum Sortieren der Habe um sich drapiert wie die Bürokraten der Verwaltungssilos ihre Posteingangskörbe. Und eine silberne Kaffeekanne über einem kleinen Feuer stehen. Ein wenig zu essen. Klassischer Kanten Brot. Bier. Sprit in kleinen Flaschen. Und ein Schein. Der kommt von mir. Weil ich mir das Elend nie ansehen kann, ohne etwas zu geben. Weil ich jetzt wieder öfter hier in der Gegend bin und sie jeden Tag dort sitzen sehe. Und immer noch nicht in der Lage bin, sie wie alle anderen auszublenden, die einen Pull-Effekt pullen und mir mit Sätzen kommen wie „Du kannst doch denen nix geben. So hört das nie auf. Also ich geb‘ denen ja nix.“ und mir dann erklären, dass das nur dazu führt, dass sie (die) sich einrichten in den Transfers. Keinen Anreiz mehr für irgendwas haben. Und andere nachziehen. Als Ergebnis der guten Tat. Eben weil Leute was geben. Es ist das alte Dilemma des Sozialstaats, das ich heute wieder einmal nicht auflösen kann. Gibste was, hältst du die Mündel in der Unmündigkeit. Gibste nix, geht es ihnen schlecht.

Ich verstehe nicht, wie die Stadt so stark kippen konnte. Diese Gegensätze meine ich, die krassen Gegensätze. Krass gewordenen Gegensätze. Ausgerechnet hier. Ausgerechnet in dieser Stadt, die sich so plakativ viel auf jeden sozialen Ausgleich einbildet. Extremer Reichtum in den neuen glatten Kästen trifft extreme Armut unter den Brücken. Als direkte Nachbarschaft. Hier in diesen grottigen Schluchten und den zugigen Unterführungen sind wir inzwischen Kinshasa. So kommt es rüber. Wie Kalkutta. Oder Lagos. Ein wenig zumindest so wie ich mir Kinshasa und Kalkutta und Lagos vorstelle. Internationale Glasfront, fein gewienert, neben lokaler Zeltstadt, stark versifft. Business meets Bittsteller. Knien sie mit rissiger Jacke im Dreck hinter dem Ostbahnhof. Oder drüben Warschauer Straße. Zoo. Frankfurter Allee. Auch unter dem Viadukt der Schönhauser. Hände zum Teller geformt. Oder Becher vor sich. Tasse. Hut wegen mir. Gib. Und gib mehr. Zählbar sind die alle hier lange schon nicht mehr. Wer von Gdansk über Prag bis Budapest vom Bordstein gekärchert wird, landet meistens hier. In Berlin. Und sitzt dann in den Schluchten der neuen Reichen vor seinem Zelt.

Es ist auf eine verstörende Art schräg, dass ich genau auf diesem Areal, das jetzt so geleckt poliert mit seinen auf die Spitze getriebenen Disneylandfassaden daherkommt, meine ersten Drogencocktailerfahrungen gesammelt habe. Noch minderjährig. Non Tox hieß der Club damals lustigerweise. Non Tox. Ein Witz. Verstrahlte Typen. Abgerissene Grenzergaragen aus einem Staat, den es schon lange nicht mehr gab, und bei denen wir alles kaufen konnten, was der Schattenmarkt so her gab. Pflanzen. Cocktails. Pillchen. Pulverbeutelchen. Und die hinterlassenen Reste der Russen, die da auch schon seit einigen Jahren abgezogen waren. Munition, wer wollte. Ganze oder halbe Waffen. Entschärfte Granaten. Dinge, die ich nicht brauchte, weil ich damit nicht umgehen konnte. Und den Sinn nicht sah.

Ich kicke einen E-Roller um. Ich verachte E-Roller. Und die, die sie fahren und es nie können.

Öde ist es hier. Nahezu menschenleer. Selbst unter der Woche. Eine Bürokomplexhölle. Mit dazugebauter Edelquartierhölle. Die mittags mal schwallartig Menschen in die wieder eröffnete Systemgastronomie am Mercedesplatz auskotzt, um sie dann wieder in die Büros zurück zu schlucken, wonach das alles hier, diese ganze seelenkalte Quaderwüste, wieder für ein paar Stunden ausstirbt. Menschenleer wird. Dystopisch.

Es ist, als würde der Ort drei Mal am Tag Menschen ein- und wieder ausatmen. Menschenknäuel zum Frühstück (Bagel mit Lachs und Sahnemeerrettich, von gestern), zum Mittag (warmgehaltene Spaghetti frutti di mare mit Knoblauchgranulat, pappig) und zum Feierabend (Salatreste mit Feta und Sonnenblumenkernen, in einer Plastikbox für zuhause). Designerfood für Abziehbilder.

Eine Straße hier haben sie nach Tamara Danz benannt. Sie führt durch unfruchtbare Abgründe und endet an der fürchterlichen East Side Mall, die nur als betongewordenes Mahnmal für den städtischen Größenwahn taugt. Die Widmung der Straße muss als Beleidigung für Frau Danz gemeint gewesen sein. Ein letzter Arschtritt ins Grab. Niemandem, den man mag, sollte man hier eine Straße widmen. Terrorpäpste, Clanchefs, DAX-Vorstände, Gesundheitsminister, jeder, den niemand gern haben kann, würde sich besser als Namenspatron für eine Straße durch diese Misere eignen.

Was sie hier unter teilnahmsloser Beteiligung der Mumien aus der Senatsbaudirektion an Architekturdesastern in Reihe stoisch und hartnäckig niveauresistent ins Quartier ejakulieren, passt nicht zur althergebrachten Nachbarschaft. Egal welcher Himmelsrichtung. Passt nicht zum dreckigen alten Kreuzberg hinter der Oberbaumbrücke. Oder dem räudigen Touristenslum drüben Warschauer Straße Richtung Simon-Dach-Kiez. Den Platten in der Sichtachse zum Alex. Nicht mal zum schlumpfigen Modersohnkiez. Was sie hier gebaut haben und leider noch bauen werden, ist ein kapitaler Potemkin. Für Leute, die gerne in einer Vorspiegelung von Urbanität wohnen. Die doch nur ein Friedhof ist. Wir sind hier mitten in der Hauptstadt und alles wirkt so blutlos, leblos, hirnlos und das mitten am Tag. Würde ich hier wohnen müssen, würde ich wahrscheinlich auf dem Balkon eines dieser Luxusappartments in einem Designerschaukelstuhl vor Langeweile sterben und dann über Wochen so lange vor mich hin verwesen, bis irgendwer drüben in Kreuzberg sein Herz in die Hand nimmt und die Feuerwehr ruft. Oder die BSR. Wegen des Gestanks meiner verschimmelten Leiche, der über diese sowieso schon stinkende Karikatur eines Flusses namens Spree weht. Ein routinierter Forensiker würde dann meinen Tod durch Langeweile feststellen, ein in dieser Gegend üblicher Tod, noch vor dem Suizid durch Balkonsprung, und die BSR würde mich dann wegräumen, der Sozialdienst verscharren lassen und der Tatortreiniger den sterilen Schuhkarton wieder flottmachen für den nächsten Betongoldinvestor aus Irgendwo, der die Bude an den nächsten zu Verödenden vermieten wird. Oder sogar selbstgenutzt darin vergammeln mag.

Ihr Hurensöhne macht die Stadt kaputt mit eurer abstoßenden Architektur. Europacity. Oberbaumcity. Wissenschaftscity. Und dann das hier. Hat der Kiez schon einen fancy Namen bekommen? Borgwürfelgulch? Drohnenarchipel? Mercedesmarskolonie? Digitalfortress?

Ich esse in einem dieser charakterlosen Conveniencefranchiserestaurants. Irgendwas italienisches. Von lieblosen Herzlosen zerkochte Pasta mit langweiliger Soße für zweistellig. Uninteressant. Ich lasse den Rest stehen. Gibt es Vapiano noch? Ich glaube nicht und das ist gut so, aber viel gewonnen ist nicht, denn dieser Laden, in dem ich sitze und dessen Namen ich sofort vergessen habe, macht genau so weiter. Massenessen. Idiotenfood. Reißbrettcrap. Immernerviges Publikum. Zu teuer für Mist.

Sie legen mir einen Zettel hin. Wollen wieder, dass ich meinen Namen, die Adresse sowie Telefonnummer hergebe. Für das Nachverfolgen. Wie letztes Jahr schon. Was ich tue. Ich heiße Lauterbach. Beppo Lauterbach. Aus Neukölln. Ringbahnstraße. Dazu gebe ich ihnen die Telefonnummer eines Autozettelwerbers. Nein. Zwei Mal nein. Ich gebe sie nicht her, meine Daten, nicht hier, nicht für sowas, seit ich weiß, dass sie alles was sie kriegen können gerne mal zur Drogenfahndung nutzen. Geht kacken alle. Beppo heiße ich. Beppo aus Neukölln. Wie denn sonst?

Ich denke kurz an mein letztes Wochenende und muss lachen. Wir haben bedröhnt irgendwann um halb zwei des frühen Samstags die Existenz des schönsten Worts des Jahres herausgefunden, ach was Jahres, des schönsten Worts des Jahrhunderts: Pfandschlupf. Lustige Schöpfung mit unlustiger Bedeutung. Pfandschlupf heißt der Gewinn für die Abfüller von pfandbewehrten Getränkegefäßen, der dadurch entsteht, dass Leute keinen Pfand zurückgeben. Moneyquote: Seit der gesetzlichen Einführung des Pfandes in Deutschland im Jahre 2003 habe sich der Schlupf allein für das Einwegpfand bis zum Februar 2017 auf mehr als 3,5 Milliarden Euro summiert.

Warum ich jetzt daran denken und unvermittelt lachen muss (der Schlupf!), weiß ich nicht. Und das ist auch egal, denn ich wirke heute auf meinem Spaziergang sowieso schräg und asymmetrisch auf meine Umwelt. Eine der verkniffen ehrgeizigen Businessfrauen von der Sorte, die immer verkniffen ehrgeizig aussehen, schaut mich verkniffen an. Ich strahle zurück (Schlupf!) und sie scheint offended. Kneift das faltige Gesicht noch mehr zusammen. Grumpy Businessbitch. Während ich noch einmal lachen muss, ohne heute überhaupt schon einmal gekifft zu haben (der Schlupf. Pfandschlupf. Das Wort aller Worte). Jetzt läuft sie schneller. Würde ich vermutlich auch, denn ich freue mich in meinem Kasperanzug mit dem dummen cremefarbenen Businesshemd sichtlich debil vor mich hin. Flashback vom Kiffen. Gestern wieder übertrieben. Rehberge. Wetter Bombe. So viel geknallt, dass es nachwirkt. Kann sein. Flashback. Kann auch nicht sein. Ich habe das immer wieder auch einfach so. Fühle mich euphorisch, auf Wellen, auf Wolken, in Weiten, ohne einen Grund dafür zu haben.

Das mit meinen spontanen Hochgefühlen mitten aus dem Nichts, wie Kiffen ohne Kiffen, kenne ich natürlich gut und kann damit umgehen. Mein Hirn streut gerne mal wahllos Dopamin. Serotonin. Keine Ahnung wie das heißt. Kommt spontan. Kommt geil. Einfach so. Dann werde ich übermütig. Himmelhighfliegend. Finde mich toll. Finde jeden toll. Finde alles toll. An solchen Tagen gelingt mir auch alles. Jede Präsentation. Jede Vertragsverhandlung. Jede Projektidee. Ich kann dann alles verkaufen. Strahle wie eine Honigkuchenarmee. Bin einnehmend. Leute mögen mich dann. Machen auf. Ich kriege dann oft alles von denen. Es gibt wenige, die merken, wie fundamentlos das ist. Von denen halte ich mich aber fern, weil ich nicht will, dass das jemand merkt. Mich drankriegt. An den Eiern kriegt. Ich blende lieber. Schnell und effektiv. In diesen Hochphasen. Blende gut. Bin erfolgreich. Kriege alles durch. Knacke jedes Gegenüber. Mr. Charisma hat ’nen Lauf. Und verpisse mich dann, bevor das umschlägt.

Ich trete im Übermut noch einen Roller um. Weil es ein Roller ist. Scheiß Roller. Ich hasse die Dinger.

Natürlich halten solche Hochphasen nicht ewig an. Nie tun sie das. Wenn es gut läuft, reicht das Hoch bis Feierabend. Je mehr Erfolge am Tag ich mache, desto düsterer werden die Abende, selbst in Gesellschaft, gerade in Gesellschaft, die mir dann auf die Nerven geht mit ihren Ritualen, den Spielchen, der ewigen Langweiligkeit, den sich ständig wiederholenden Dialogen und vorhersehbaren Disputen. Menschen öden mich an. Zu selten mal einer dabei, bei dem es sich lohnt, sein Rezeptor zu sein.

Ich habe mich bewegt
Erinnere mich an nichts
Ich darf nicht schwach sein
Ich muß alleine sein

Der Player spielt in derlei Zuständen gerne die passende Musik, die jeden, der nicht daran gewöhnt ist, dazu treiben würde, die Angelegenheit hier heute und vor allem jetzt sofort zu beenden. (sowas zu tun ist kein taugliches Statement an die Weitersomacher, denn es kommt eh nur die BSR und wischt das Blut weg, auf dass die Asphaltplatten wieder sauber werden, mehr passiert nicht.)

So zu sein ist nicht witzig, sondern anstrengend. Wenn auch nur wegen der anderen. Ich selber käme sehr gut mit mir alleine klar, aber es sind die anderen, die nichts verstehen und dann nachbohren müssen. Die Shiny Happy People auf der einen Seite, die mir in den Phasen, zu denen die dunkle Wolke tiefhängt wie eine missmutige alte Spinne, mit ihrem Nachbohren auf die Nerven gehen. Alles okay mit dir? Hey alles okay? Du kuckst so. Lach doch mal. Lach doch mal. Jetzt lach doch mal.

Auf der anderen Seite ziehen die vertrockneten Dauerfrustbeulen an mir, die mich nicht weniger anstrengen, weil sie meinen, endlich einen Gleichgesinnten gefunden zu haben (bin ich nicht, bin keiner von denen, keiner von euch, will ich gar nicht sein) und mit meinen euphorischen Hochphasen, zu denen ich aufgedreht positiv fickmichdoch gut gelaunt endorphinsprühend durch die Stadt streife, nicht zurecht kommen und mich mit möglichst tristen Kisten, Geschichten, Theorien, ihrem ganzen Ballast wieder zurückholen wollen. Zu sich. Wo sie sich abgeheftet haben und sich selbst am meisten leid tun. Zerren sie an mir, damit sie nicht alleine sind. Nur weil sie sich selbst nicht ertragen. Projektion das alles.

Reality is bullshit
Reflection is a concept
Based on your own fucked up ideal

Letztlich bleibt wohl nur Projektion, wenn sonst nichts zum Halten bleibt. Menschen sehen in Menschen gerne Menschen, die sie gar nicht sind, sondern die sie gerne hätten. Sehen sie so, wie sie sich ihr Bild gemacht haben. Und reagieren seltsam, wenn dieses Bild nicht bedient wird. Ich konnte nie damit umgehen. Mit niemandem von denen. Ich bediene keine Erwartungen, wenn mich niemand dafür bezahlt, an öden Orten zuverlässig glattgespült als Schauspieler unter Schauspielern die Erwartungen seltsamer Leute zu bedienen.

Ich bin am Ende. Des Spaziergangs. Des Mittags. Pause um. Da hinten verkaufen sie Bagels. Baristakaffee. Kleine hawaiianische Pokébowls. Fürchterliche Hamburger. Und winzige Plätzchen, die sie Crunchy Doublechoc Fudge Cookies nennen. Noch eine halbe Stunde bis zum nächsten Meeting. Ich bin wie immer gut genug drauf dafür. Das Hemd sitzt. Das Lächeln. Die Fassade. Der Anzug sowieso. Ich habe wieder gut abgenommen. Sportlich wirkt der Auftritt. Die endlich durchgesetzte Sonne von Rehberge gestern gab mir Bräune. Von Wolken keine Spur. Bulle statt Bär. Shiny Happy statt Frustbeule. Für meine paar Stunden. Ich bin mir sicher, ich bin mir ganz sicher. Das wird ein guter Nachmittag.


Mittags. Pause in Schnösel City (2)