Hirnsudelei 05/21

Ihr müsst mal langsam von der Idee runterkommen, dass irgendwelche irrelevanten Blogger »kritisch« sind, nur weil sie irgendwann angefangen haben, ihren ausgelutschten Quark ins Internet zu kippen. »Blogger« ist kein Qualitätsmerkmal. Bloggen kann technisch gesehen fast jeder und die Wenigsten, die bloggen, haben wirklich was Substanzielles mitzuteilen.

Quelle: Internet Kommentarbude eines Nachbarblogs


Feuerwerk des Monats: Beim Bäcker. Beim Reichen des Rückgelds berührt sie versehentlich meine Hand, löst die Situation aber schnell sauber auf: „Entschuldigung. Ich wollte Sie nur kurz berühren.“ „Kein Problem. Ich Sie auch.“ Ping. Ping. Zisch. Funkel. Tschuusch. Sternenstaub. Zum Greifen präsentes Knistern. Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Zu viel Zeit, die nicht vergeht. Wir sehen es beide und sehen, dass der andere es sieht. Kurze Irritation. Dann Leuchten. Ich löse mich und gehe, ohne noch etwas zu sagen. Ich mag das so.

Lob des Monats: Für den Berliner Senat. Was? Häh? Ist der Blogger krank im Kopf? Also noch kränker als sonst? Nein. Denn der Berliner Senat installiert quer durch die Stadt Trinkwasserbrunnen. Zum Wassertrinken. Für lau. Ja, danke. Ehrlich danke. Nein, ich meine das ernst. Ischwör. Meine Stadtregierung tut Sinniges und ich suche nach einem Haken, finde keinen, kann aber nun die Laufrunden entlang der städtischen Trinkbrunnen planen, so dass dies einen Teil meiner Flüssigkeitsprobleme im Hochsommer lösen wird. Gut. Sehr gut. So ein paar Sachen vom Sozialismus sind gar nicht mal so scheiße. Wenn nur die Leute nicht wären, die den wollen.

(Muss sie nutzen, die Dinger, so lange sie funktionieren. Weil hier Berlin ist, sind die bestimmt bald Klump.)

Und die Stadtregierung tut noch mehr Sinniges: Gewässer in Berlin: Alle Ufer sollen frei zugänglich sein. Wie in Frankreich. Cool. Was? Haben die nicht getan? Ist nur ’ne Ankündigung? Und was? Es ist Wahljahr? Stimmt. Shit.

Im Wörterbuch des Internets bürgert sich so langsam das Verb „baerbocken“ als Synonym für rhetorische Minderperformance ein. Natürlich ist das voll gemein und steht in einer Reihe mit „spahnen“ (maximal vollversagen, aber große Fresse), „södern“ („wöchentlich eine neue beliebige Haltung annehmen, dabei behaupten, man hätte sie immer gehabt“) und „merkeln“ (erst mal untätig laufen lassen, dann Tendenzen identifizieren, wenn identifiziert schnell ranhängen). Ich warte darauf, dass im Borgwürfel irgendwann mal nach meiner Präsentation einer der missgünstigen Kollegen angeschissen kommt und zu mir sagt: „Junge, war ja insgesamt ganz okay, aber da im Mittelteil bei den Zielmarken hast du übelst gebaerbockt.“

Wokenessporno des Monats: Newton ist jetzt Nadsi. Und der Zentimeter als unterdrückende Maßeinheit gleich mit. Demnächst auch Nazi: Schwerkraft. Relativitätstheorie. Tonne Alteisen. Käptn Blaubär. Mein Dickdarm (fatshaming, hallo?).

Wo wir beim Thema Kacke sind: Ich finde es strukturell diskriminierend, dass mein Klopapier nach dem Kacken oft erst beim dritten Mal runtergespült wird, weswegen ich jedes Mal stumpf fliesenanglotzend warten muss, bis der Spülkasten wieder vollgelaufen ist und am Ende die Klobürste mit nassen Klopapierfetzen einsaue. Und das liegt nicht daran, dass ich zu viel Toilettenpapier auf einmal nehme oder es zu untalentiert mit eingeschlossener Luftblase in die Schüssel werfe, sondern ist strukturell bedingt und ich prangere das an. Man reiche mir jetzt das Fördergeld.

Mehr Kackattack: Mein bester Kumpel, der freundliche Moslem aus dem Borgwürfel und gleichzeitig der einzig akzeptable Mensch dort, hat mir empfohlen, mal testweise auf Schweinefleisch zu verzichten. Nicht aus gesundheitlichen Gründen oder gar religiösen (er missioniert nicht und ich schätze das), sondern weil die Kacke dann nicht mehr so stinkt. Und ich habe das eine Woche gemacht. Und er hat Recht. Stinkt weniger. Schwein macht fiese Stinkekacke. Krasse Erkenntnis. Fördergeld? Nein? Verdammte Nazis…

Verwahrlosung des Monats: Ich habe es einmal geschafft, morgens um halb neun schon völlig bekifft zu sein und um zu halb zehn komplett dicht in eines der sinnlosen Videomeetings des Borgwürfels zu gehen. Den Unterschied hat keiner gemerkt. Erstens habe ich kurz vor dem Einloggen schnell dem Dämmerzustand entgegen gekokst und zweitens hört da eh niemand irgendwem zu. Ich könnte auf diesen eitlen Laberveranstaltungen voller selbstverliebter Sabbeltaschen völlig strunze meinen Einkaufszettel vorlesen und niemand würde es merken. Wir haben nämlich Punkrockzeit. Endmerkelphase. Post-Coronaparalyse. Letzte Zuckungen. Die in Super Slow Motion platzende Blase. Und ich schwerelos mittendrin. Meine Zeit 15 Jahre zurück gedreht. Alles ist wieder egal geworden. Nur dass ich noch mehr Zeug nehme als vor 15 Jahren. Eine Exitstrategie habe ich noch nicht, aber wer hat die schon im Moment…

Das Dauerkiffen zeigt erste Auswirkungen, die mir leider selbst auffallen, aber zum Glück noch niemandem sonst: Ich vergesse Dinge. Zernudel mir offenbar mein Hirn. Verlege eigentlich bekannte W…W…Wörter und finde sie nicht wieder. Es fehlen mir Begriffe, die ich oft in Texten verwendet habe und mir bisher – na klar – voll geläufig waren. Was? Wie nennt man den Begriff, dass alle einer Gruppe für das Verhalten Einzelner mitveranwortlich gemacht werden? Eine alte, aber doch wieder modern gewordene Bezeichnung. Shit. Fällt mir nicht ein. Googeln. Tipp tipp. Ah, Sippenhaft…

Finanzcrap des Monats: Kaum wollte auch ich ein wenig vom Bitcoin kaufen, stürzt das Ding ab. Und wie. Massel gehabt. Aber seit Stefans Liebeserklärung, die auf mich langfristig gesehen angesichts von Targetsalden, Coronaschäden, Gelddruckerpresse und anschwellenden Inflationsraten honeypottig wirkt (aber folgen Sie mir bloß nicht, ich habe keine Ahnung, was ich da tue), war ich am Überlegen, ob ich ein bisschen was da reintun soll in das Kryptodingens. Einfach so. Zum checken. Kucken was die da machen.

Gekauft. Zwei Tage gehalten. Dann doch mit dummem Gefühl im Bauch wieder rausgekloppt. 50 Euro plus. Fürs Nixtun. Ich versteh’s nicht, ehrlich, ich versteh’s nicht. Ist das ein Schneeballsystem? Eine substanzlose Blase? Oder ein geeignetes Parkhaus? Fragen Sie nicht mich, ich hab‘ keine Ahnung.

Vermutlich ist das alles Spekulation. Ziemlich sicher sogar. Spielkram. Ein Casino. Sagt Telepolis auch. Aber es ist das Gegenteil von Langeweile und das ist gut, denn ich hasse Langeweile. Und es ist wohl wie mit Drogen. Sehr geil, zeckt Sie an, duscht Sie mit Adrenalin und ist okay, wenn Sie Ihr Limit kennen. Und wissen, wann Schluss ist.

Schwierig ist das Zocken für mich aber schon vom Hause her (ich komme eher so vom Völkerball). War nie gut in Casinodingen. Ein Casino ist für einen Bipolaren auch normalerweise der Untergang. All in. All out. Manie. Niederschlag. Volle Euphorie. Schiere Depression. Geld her. Geld weg. Die Neigung zum Extremen führt bei mir bei solchen Dingen normalerweise am Ende zum Totalverlust. Selten zum Extremgewinn. Bitcoin. Zockerbude. Eine Runde Borderlinesurfen, um zu sehen, wo das hinführt. Kurz mal Adrenalin ausschütten. Soll ich’s nochmal machen? Soll ich? Einmal noch?

Gelesen, dass der Stille Don coronagestorben ist. Schade drum. Der Don war mein Fluchtpunkt oft. Es stand zu befürchten, dass er es nicht schaffen wird. „Dauerhaft geschlossen“ sagt Google jetzt und einer, der immer alles weiß, hat es bestätigt. Tot. Coronatot. Keine Chance. Die Gewerbemiete in Prenzlauer Berg ist zu normalen Zeiten schon ruinös und jetzt, wenn die Einnahmen fehlen und der Staat sich mit der Kompensation seines Zusperrens zu viele Monate seiner qualbürokratischen Zeit gelassen hat, reicht es halt nicht mehr. Boom. Wieder was weg. There goes my neighborhood. Together we stand, divided we fall.

Ich war 2001 zum ersten Mal dort. In dieser angenehm unaufgeregten Bar. Danach immer wieder. Wenn ich mal runterkommen wollte. Ohne dass mich jemand nervt. Dort hat nie jemand genervt. Dort war immer alles gut. Es gibt so Oasen, an denen passt es. Manche haben einen Ort im Wald. Oder in einem Park. Flußaue. Industriegebiet. Möglicherweise in einem Innenhof eines Altbaublocks. Ich hatte den Stillen Don. Der Tisch hinten in der Ecke links war meiner. Rücken zur Wand. Kneipe im Blick. Whisky-Cola vor mir. Schwule Kneipen nerven mich wegen ihrer aufgesetzten Affektiertheit oft, der Don nervte nie.

Das Coronablei frisst jetzt auf der Zielgeraden zunehmend mehr Orte mit Geschichte. Cafés. Colosseumkino. Kneipen. Eins, zwei, mehr. Unschön.

Aber ich will nicht greinen. Es waren großartige Zwanzigerjahre, in denen ich nichts auslassen musste. Stellen Sie sich vor, Sie wären 18 Jahre alt im Moment und hätten so ein verschwendetes Jahr hinter sich. Was ’ne scheiß Zeit, um jung zu sein. Nix los. Kannst nirgendwo hin. Kein Club. Keine Bar. Hängst nur rum. Abitur egal. Studium egal. Saufen musste och alleene. Und überall solche vertrockneten Einschlusseulen mit Oberwasser, die Maskenpflichten in Treppenhäusern verhängen wollen. Eine Jugend wie pures Blei.

Dennoch: Berlin bleibt sich treu und macht sich in den Maiwochen bemerkenswert zügig wieder locker. Weitgehend. Nicht immer, aber meistens. Verglichen mit München. Nie durchgesetzte Ausgangssperre. Kaum aufgelöste Pulks. Immerhin habe ich in diesem Jahr nicht einen Bußgeldbescheid wegen des Verstoßes gegen ihre Regeln bekommen, obgleich ich mich sehr darum bemüht habe. Flüsterpartys. Gruppengekiffe. Fünf illegale Leute im Volkspark Rehberge. Spaziergänge nach Mitternacht mit Alkohol in der Hand. Einmal ein Ding im Tegeler Forst mit 30 Leuten. Nie kam wer. Was fast schade ist. Ich hätte mir solch einen Bescheid eingerahmt und in den Flur gehangen. Als Monstrosität einer irren Zeit, in der sie anderswo im Süden der Republik Bußgeldbescheide für Umarmungen verteilt haben. Aber hier nix. Berliner Laissez-faire bleibt am Ende doch Berliner Laissez-faire und das mag ich mal wieder.

Jobcontent: So langsam nervt mich die Vorgesetzte aus dem Borgwürfel. Fragt wöchentlich den Impfstatus ab. Seid ihr geimpft? Seid ihr geimpft? Geimpft? Mark, bist du geimpft? Haben Sie eine Paybackkarte? Treuepunkte? Wollen Sie den Bon?

Der Borgwürfel hat jetzt auch damit begonnen, eine excelige Liste zu führen, wer doppelgeimpft ist und somit wieder auf die Kundschaft losgelassen werden kann. Datenschutzwas? Egal. Ist ja freiwillig. Wer ein Kreuz hat, darf raus. Wer nicht, der halt nicht. Und wer zu spät kommt, den bestraft das ewige Backoffice. Wo nie die Sonne scheint. Make your choice.

Und dann noch ein Gruß aus der Schule. Das ehrliche Kind hat vor der versammelten Klasse zum Besten gegeben, dass sich der schlurchige Papa einen kapitalen Vollbart hat wachsen lassen, damit er mit der fiesen Staubschutzmaske beim Einkaufen besser Luft bekommt. „Richte deinem Papa aus, dass das nicht in Ordnung ist. Absolut nicht in Ordnung. Sag‘ ihm das.“ Und das Kind macht das. Wörtlich. Richtet mir das aus. Sichtlich im Loyalitätskonflikt verklebt. Ich sehe schon, das wird die erste Generation, der von den Autoritäten beigebracht wird, ihre Eltern zu erziehen. Und das passt in die Zeit, passt absolut in die Zeit.

Lebensweisheit, die ich unbedingt mal unterbringen wollte, aber nie wusste wo: Mit zunehmendem Alter werden meine Niederlagen zahlreicher, zeitgleich steigt meine Fähigkeit, sie ohne größere Verwerfungen zu verdauen. Eine Frage der Gewöhnung offenbar. Ich dachte mal, es sei andersherum. Dass die Zahl der Niederlagen im Verlauf solch eines Lebens abnähme, aber auch die Toleranz hierfür. Dass man wund würde. Eine kürzere Lunte bekäme. Mag bei vielen möglicherweise so sein. Bei mir nicht. Je mehr Knüppel mir zufliegen, desto ruhiger werde ich.

Ich habe diesem Jahr Coronacrap nur einen echten Sieg eingefahren und der war gegen mich selbst: Ich habe den Körper deutlich unter den Body-Mass-Index gedrückt. Und dadurch die Zeit pro Kilometer auf der Laufrunde auf unter 5:20 gebracht. Und die Strecke auf 30 km gedehnt. Da mögen Sie, wenn Sie ein immerdrahtiger Marathonmann sind, drüber lachen, aber für mich ist das ein Erfolg. Streng genommen zwei Erfolge. Eigentlich sogar drei. Immerhin.

Der Rest waren Niederlagen, ohne Sie jetzt mit weinerlichen Details zu nerven. Harte. Leichte. Schmerzhafte. Egale. Immer öfter beruflich reingedrückte Bruchpilotenprojekte, mit denen ich die von allen erwartete Bruchlandung hinlege, für die mich aber keiner aufknüpft, weil sie froh sind, dass ich mein Gesicht dafür in die Linsen halte und nicht einer von denen, die sich wegducken (es ist so geil, ich lese in diesen Kuhgesichtern der Zoomkonferenzen, in denen ich Woche um Woche die neuesten Rückschläge präsentieren darf, immer nur Erleichterung: „Zum Glück hat der das Projekt an der Backe kleben und nicht ich. Zum Glück der. Nicht ich. Was für eine arme Sau.“).

Im Ergebnis ist nichts zu gewinnen in dieser bisher längsten Dürrephase meines Lebens. Keine Entwicklung, kein Fortschritt, nirgends, eher ein Zurückweichen vor gestiegenem Druck. An mir hängender Ballast, der mich festnagelt und dadurch an guten Tagen maximal ein Treten auf der Stelle fabriziert, bis die Sohlen durchgescheuert sind. Dazu der Versuch, die verbliebenen Stuhlbeine vor der sägenden Generation Z (m/w/d) abzusichern, die jetzt schon viel zu früh meine Generation Scheißdreck abräumen will, die in den 90ern aufgewachsen jetzt schon als Alteisen gilt. Wie die Boomer, die wir vor ein paar Jahren erst abgeräumt haben. Was da heute um meine Halbzeit eines solch durchschnittlich männlichen Lebens herumsägt, knabbert, beißt, sind keine gut zu berechnenden trägen Haifische mehr wie die alten fetten Bommelslipperboomer, die ihre Erfolge noch in Tabledancebars und Thaipuffs gefeiert haben, sondern es sind verdammte Pyranhas. Riechen sie Schwäche, kommen sie im Schwarm. Aalglatt. Superkorrekt. Gnadenlos. Mit kurzfristigen Wasserstoffderivaten und Teslaaktien im Depot. Und sie sind viele. Und leider gut. Das war so nicht zu erwarten. Den harmlosen Dummen, die ich vor ein paar Jahren noch ausbilden musste, folgen jetzt die erbarmungslosen Smarten. Wo auch immer die jetzt plötzlich herkommen. Glatt. Clever. Ehrgeizig. Ohne Skrupel. Aber mit beliebigem Zeitgeist als Accessoire. Das wird ein Massaker.

Dabei habe ich noch nicht einmal genug Geld zusammen, um mich dünne zu machen, was mein Plan ist. Immer war.

Es bleibt und damit endet jetzt dieser küchenphilosophische Einschub: Vielleicht ist das Geheimnis von allem allein die Fähigkeit, Niederlagen wegzustecken. Tiefschläge auszuhalten, ohne k.o. zu gehen. Den zwangsläufigen Abstieg würdevoll hinzunehmen. Die Tatsache auszuhalten, dass man langfristig auf jeden Fall filetiert werden wird, aber doch so lange weiter zu machen wie es geht, um am Ende möglichst mit – darf man das noch sagen? – Anstand, Restehre, ein paar letzten Siegen und genug Reserven auszusteigen. Wie die Nordend Antistars mal sangen: Gewinnen kann jeder. Mehr steckt da vermutlich nicht hinter. Durchhalten. Aufstehen. Weitermachen. Taktische Rückzugsgefechte führen. Zusehen, dass die Stuhlbeine noch ein paar Jahre halten. Sage ich mir selbst wie als Gebetsmühle. Denn der Knopf für den Schleudersitz ist noch keine Option.

Laufsportcontent: Krass viele Jogger unterwegs inzwischen. Ist zwar immer so im Mai, aber dieses Jahr besonders derbe. Offenbar nutzen irre viele Leute die apokalyptische Zeit für einen ganz persönlichen Great Reset und werfen nutzlose Kilos auf den Müll. Deswegen meide ich inzwischen komplett den Volkspark Friedrichshain. Erstens ist dieses ständige im Kreis rennen stinkelangweilig, zweitens sind einfach zu viele Jogger dort am Start. Früh. Spät. Egal. Man müsste nachts laufen, um nicht ständig in einem Joggerstau schwitzender Wichser und Wichserinnen zu landen.

Dann sehe ich Sven Marquardt wieder öfter im Kiez. Eine Zeitlang war er weg. Jetzt ist er wieder da. Auf irgendeine Art ist es schön, dass es ihn noch gibt. Er trägt im Moment eine schwarze FFP2-Maske im Mad Max-Look, die neidgebärend stylish aussieht. Natürlich tut sie das, denn es ist immerhin Sven Marquardt. Ich habe kurz überlegt, ihn zu fragen, wo er die her hat, aber Promis anlabern ist lame, weil Sie daran in Berlin einen Brandenburger erkennen (wie früher an den Hauptstadtrockershirts) und ich bin kein Brandenburger. Will auch keiner sein.

Verkommenheit des Monats: Einer hat dem Spätimann die Spendendose für ein Kinderhospiz geklaut. Unter den Arm damit und Fersengeld. Es gibt sogar ein Video davon. Gut zu erkennen, der Arsch. Von den Bullen dazu nix. Nur zwei Stücke Papier. Anzeigenaufnahme. Und Verfahrenseinstellung. Berlin halt. Wenn Sie also mal einen Moment damit aufhören wollen, eitlen Selbstdarstellern im Internet Geld in den Darm zu schieben: Kinderhospiz des HVD.

Persönlicher Spamfavorit des Monats mit der schönsten Kombination aus Peitsche und Zuckerbrot New York Cheesecake:

Bloggerkram. Eine Nachbarschaftsfahndung. Ich vermisse einen Blogger von früher, der nannte sich Duderich und hatte einen sehr lesenswerten Blog namens „Ansichten eines Gutmenschen“. Finde ich nicht mehr. Ein freundlicher Mensch war das immer, dem eine bemerkenswert üble Trollrotte in seiner Kommentarleiste so arg zugesetzt hat, dass mir das immer krass leid tat. Nicht unwahrscheinlich, dass die giftige Kommentarbude ihn am Ende dazu gebracht hat, sich selbst zu löschen. Irgendwann sind auch die Gutesten durch. Ich fand den besonders damals. Ich mag nämlich Leute, die Dinge können, die ich nicht kann. Zum Beispiel vernünftig sein. Und seriös.

Seit 2019 verstummt, aber zumindest noch online ist Das Manifest des Erbrechens. Vielleicht zu viele Käsekrainer. Oder die Nachbarin, über die er ständig schrieb, hat ihn umgelegt (wait, what?). Schade. Hat mir immer gefallen.

Seit 2015 schon schreibt Emily Wintergrün nicht mehr (oder zumindest nicht unter diesem Namen). Wobei ich aber irgendwie im Gefühl habe, dass sie hier noch mitliest. Sie war eine der wenigen, auf deren neuen Texte ich mich jedes Mal gefreut habe. Von dieser Sorte schreiben nicht mehr viele, zumindest nicht ohne ständige Geldbettelei. Sechs Jahre jetzt her, ihr letztes Ding. Fehlt mir.

Und dann war da noch ein alter Kommentator, der sowohl bei Emily als auch bei mir damals, als ich Internetkommentare noch ohne mich ritzen zu wollen ertragen konnte, kommentiert hat. Er nannte sich „Henry Dobermann“, kam von Qype damals mit rüber und ich las dessen Kommentare ausnahmsweise gerne.

Wo die nur alle heute sind. Was sie machen. Wie es ihnen geht. Internet. Schall. Rauch. Viel Lärm um im Ergebnis nichts. Ein massenhaftes Vergessenwerden lauter Millionen an Avataren. Atome. Bits. Staub. Und dann kommt der Wind.

Am Ende bleibt wie immer null. Keine Substanz. Oder sagt Ihnen sprengsatz.de noch was? Ein Premiumblogger. Tausendfach geteilt. Prominent. Ein Ruf wie Donnerhall. Eingeladen sogar in Talkshows. Letztes Jahr im Juli gestorben. Und jetzt schon – noch nicht einmal ein Jahr später – ist alles, was er je auf seinem Premiumblog geschrieben hat, verloren.

Den diesmonatigen Glotzescheißdreck hat Amazon Prime in die Welt gewürgt: The Walking Dead: World Beyond. Na klar wird jetzt Walking Dead auch voll aware und fährt das komplette Diversityfisting auf. Toughe rotzige Frauen, verweichlichte dumme Männer und der einzige coole Mann, der als Icon taugt, natürlich schwul, was in vielen ermüdenden Einstellungen über den Plot gelegt wird. Wäre das Ganze gut gespielt und erzählte eine fesselnde Geschichte, käme ich damit gut zurecht.

Leider gibt es keine fesselnde Geschichte, sondern zehn Folgen pure Langeweile. Übertrieben dialoglastig wälzen eindimensionale Mimennullen mit pubertärem Gesichtsausdruck in quälenden Einstellungen ihre Befindlichkeiten wie in der Selbsthilfegruppe eines Schülertheaters. Die Masken sind grottig, die neuen Ideen ausverkauft und selbst die immergleichen Kulissen langweilen inzwischen zu Tode. Wenn Sie gerne das reguläre Walking Dead schauen, lassen Sie die Finger von diesem Spin Off. Sie werden sich ärgern.

Genervter Einschub: Diese Diversitydruckpumpe in Kunst und Kultur, Film und Fernsehen, die in den meisten Serien inzwischen das Heteronormative der Mehrheitsgesellschaft mindestens an den Rand stellt, oft auch sogar abwertet und die Figuren der Minderheiten in Teilen bis ins Absurde überhöht, wird dazu führen, dass bald auch diejenigen, denen wir bisher egal waren, uns dafür in Sippenhaft (ha!) nehmen und ablehnen werden. Das ist wie mit dem Genderpidgin. Je arroganter und instinktloser desto Backlash.

Mehr Scheißdreck? Gerne. Muss ich noch was zu Army of the dead schreiben? Ja. Mist. Schrott. Das Letzte. Peinlich. Traurig. Erbärmlich. Lächerlich. Jämmerlich. Mies. Schlecht. Übel. Schweighöfer. Ein Unsinn. Sie können den Film statt mit der englischen auch problemlos mit der russischen oder türkischen Tonspur schauen. Es macht überhaupt keinen Unterschied.

(vielleicht ist das ganze Zombieding inzwischen auch einfach nur durch und ich bin müde, das kann auch sein…)

Aber es ist nicht alles schlecht. Amazon hat das Denkmal für Christoph Schlingensief ins Programm genommen: Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien.

In den Nullerjahren ist Schlingensief mir öfter auf dem Fahrrad in Prenzlauer Berg begegnet (Dingeling Promiklingel, wo sind die Brandenburger?). Er muss da irgendwo gewohnt oder jemanden gekannt haben, den er öfter besucht hat. 2010 habe ich sein Tagebuch gelesen – So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Kurz darauf starb er. Und fehlt der Stadt seitdem.

Schlingensief steht für mich für das, was ich an Berlin heute – gestatten Sie mir die Wehmut zum Ende dieser generell etwas cringe geratenen Monatsabrechnung – enorm vermisse. Das Wilde. Das Krasse. Das Unkorrekte. Und das dabei doch stets Weise und Kluge. Heute regieren die Dummen. Die Lauten. Und der Klerus. Die sich selber lustigerweise gemeinsam verbandelt als progressiv labeln. Und mir fehlen die harten, immer unkorrekten Nächte um den Rosa-Luxemburg-Platz, als es dort noch nicht so … reich und … glatt war wie es heute ist.

Schlingensief hätte mit seinem Church of Fear-Projekt womöglich enorme Freude an der heutigen Zeit, read this: Die Church of Fear (deutsch: Kirche der Angst) ist ein Projekt aus dem Umfeld des für seine provokanten Aktionen bekannten deutschen Bühnenkünstlers Christoph Schlingensief, das sich kritisch mit der Verbreitung von Angst durch autoritäre Institutionen (Staat, Kirche) auseinandersetzt.

Ups. Gotcha. Für so etwas würden sie ihn heute crossmedial ausweiden. Sowieso glaube ich nicht, dass eine Figur wie Schlingensief heute noch so möglich wäre, in so einer Zeit, in der Sie nur die Wahl haben zwischen Regierungskadavertreue oder Nazistempel. Täte mich interessieren, wie er agieren würde heute. Wie er den zerreißenden Konflikt für sich lösen würde. Ob ihm was einfiele.

Schaue ich mir heute die Ladenzeilen um den Rosa-Luxemburg-Platz an, dann wird mir schlecht. Schnöselboutiquen. Schnöselfriseure. Schnöselbars. Schnöselmenschen. Geworden wie der Rosi (der Rosenthaler Platz), an dem sie jetzt zu Lockdownzeiten an der Stelle, an der ich damals abhing und die Tage in Reihe mit zu nichts zu gebrauchenden Tagedieben verschwendete, Champagner und Austern aus dem Fenster ausgeben und man sie in der Haupstadtpresse, die in dieser Form mit solchen Reportagen problemlos auch in St. Tropez, Zürich oder Davos erscheinen könnte, dafür feiert. Alles hier ist nun endgültig nicht mehr cool. Berlin ist ernsthaft durch. Seit Jahren schon. Corona hat nur hochoffiziell den Stecker des Elends gezogen und fegt jetzt die letzten Krümel der musealen wilden Zeit vom Trottoir, die zuletzt eh nur noch golddukatenscheißende Attitüde und dauerschleifende Reminiszenz an sich selbst waren. Cool ist jetzt Wrocław. Szczecin auch. Sogar Poznań oder Schwerin. Vermutlich ist auch Frankfurt an der Oder inzwischen verwegener als Berlin. Oder ich werde einfach nur alt und bin auf 2005 hängen geblieben. Kann auch sein. Ehrlich, ich schließe das nicht aus.

Wie kam ich drauf? Ach ja, Schlingensief. Wenn auch Sie ein wenig den krassen, alten, irgendwie in der Nachschau gar nicht so üblen Zeiten hinterhertrauern, empfehle ich dieses schöne Denkmal auf Prime für diesen besonderen Kerl, den ich immer irgendwie gut fand, aber oft nicht verstand.

Noch eine Empfehlung für den hohlen Zahn, dieses Mal bei Netflix: Love, Death & Robots. Schön animiert, bitterböse, hochgradig ästhetisch, ab 18 und wunderbar brutal. Danke dafür, das eskalierte schnell.

Musik: Nach über 20 Jahren habe ich durch Zufall wieder einen alten, lange vergrabenen Outsidersong gehört: The Cure – Lovesong. Schule. Die Nacht weggeblieben. Im K17 gelandet, das es auch nicht mehr gibt. Mit Marijana, die einer meiner Schulhofkroaten angeschleppt hatte und die besonders witzige Erbsengehirne Marihuana (hahaha, blep blep) genannt haben. Das Knistern. Die Aufregung. Nächtliche Freiheitsluft einatmen. Das ranzige Abitur noch ein Jahr hin und so egal. Kennen Sie das, wenn Sie ein ganz altes Musikstück nach ganz langer Zeit wieder hören und ganz schnell alles wieder da ist? Das Gefühl? Die Stimmung? Sogar die Gerüche?

In dieser Nacht lief dieser Song im K17. Damit fing ich an, The Cure zu hören, die ein Türöffner zu dieser ganzen düsteren Emokiste waren, in die ich veranlagungsbedingt sofort voll eingetaucht bin. New Model Army. Deine Lakaien. Silke Bischoff. Fliehende Stürme. EA80. Ritzermucke. Ich habe das verborgen. Alles. Die ganze Emomusik, mit der Sie bei uns in der Schule isoliert waren. Zu uncool für die Punks. Viel zu uncool für die Hip Hopper. Sogar zu uncool für die drei, vier Onkelzköppe.

Fragen Sie sich auch manchmal in der blauen Stunde kurz vor Sonnenaufgang, was aus den ganzen alten Leuten von früher geworden ist? Von damals, als alles noch so schön unkompliziert war? Nein? Doch?

Die Lakaien haben ein neues Album am Start. Ein Doppelalbum. Und natürlich finde ich es aus Prinzip erst mal gut. Sie haben ein paar gewohnt starke ruhige Stücke dabei, wie Lady Arbanville, Because of because oder das sehr schöne Snow. Wie so oft finde ich jedoch einiges zu verspielt, zu überdreht, weird auf jeden Fall, aber auch das gehört dazu. Es gab nie ein Album dieser mich wie wenig anderes so stark prägenden Band, das ich komplett gut fand. Auch hier auf dem neuen Ding gibt es Stücke, die ich skippe, weil sie mich ratlos zurücklassen. Komplett bleibenlassen hätten sie auch die Coverversionen, denn wozu braucht es die hundertste Version von „Dust in the wind“, als wären die beiden keine musikalischen Hochkaräter, sondern eine herkömmliche Dorfcombo, die das verstaubte Ding auf dem jährlichen Schützenfest spielt.

Ich würde gerne wieder auf eines ihrer Konzerte gehen, das letzte ist entschieden zu lange her.

Kulinarisches am Ende. Eigentlich nervt mich Henssler, er ist mir fürs TV-Format zu glatt und gleichzeitig zu aufgeregt, bin da eher Team Raue und Mälzer. Aber wenn er jetzt Sushi macht und mir das liefert, bitte, dann probiere ich das, weil ich alles immer probieren muss. Um zu wissen wie es ist.

Teuer ist es. Für die Special Rolls legen Sie 15 bis 16 Euro die acht Stücke hin, bei den Maki sind Sie ab sechs Euro dabei. Nett liest es sich aber schon. Die Rich Boy Roll kommt mit Kimcheé Tempura Kanikarma, Flamed Lachssashimi, Gurke, Avocado, Safran-Trüffel-Mayonnaise, Shiso Kresse und Ikura Kaviar daher. Bei der White Crush Roll haben Sie Wolfsbarschtatar und Wolfsbarschsashimi, Sudachi, Nussbutter, Avocado, Gurke. Zugegeben, mir sagen einige der Dinge, die der da reinpackt, gar nichts, aber ich bin ja auch nicht besonders gebildet (Flachklippschule in Berlin, sorry, wir haben ja nix). Und er hat Nigiri mit geflammtem Wagyufilet am Start. Zwei Stückchen für 16 Euro. Aua.

Natürlich ist das alles, was er liefert, gut. Und in Perfektion in Szene gesetzt. Was soll ich denn da anderes sagen… Und natürlich geht das nicht jeden Tag, aber Sie zahlen fett Geld und bekommen fett gutes Zeug dafür. So ist halt der Deal. Wenn Sie also den buckligen Schwiegereltern mal was besonders auffahren wollen, mit dem Sie ohne Aufwände Eindruck schinden können, auf dass die beiden Sie nicht mehr ganz so sehr hassen wie sonst, ist das ein guter Weg.

Was? Widersprüche? Türlich türlich. Das ganze Leben besteht daraus. Ich muss demnächst auch mal die Austern am Rosi probieren. Vielleicht sind die ja gut.

Früher, als ich der Internetkommentare noch nicht so müde war, gab es unter solchen Berichten von mir aus teuren Fressbuden immer eine getriggerte Kommentarlawine von welchen, die JoJo74, Reutlinger Landkeks oder schnubbi2000 hießen und der Meinung waren, dass ich nicht so teuer, sondern nur zum Döner an der Ecke oder maximal zur Sauer-Scharf-Suppe mit Eierreis an den U-Bahnhof essen gehen darf. Das war wie auf Knopfdruck. Schnöselbudentext meets Hypertonie meets Geifer am Mundwinkel meets Tastatur.

So ein wenig fehlt mir der immer so eifrige aufrechte Wutausbruchschor bei solchen Statements inzwischen aber doch, also lassen Sie mich mal kurz als Referenz an die alte nervenkranke Trollbude mich selbst beschimpfen, in dem ein Best of aus längst abgelaufenen Jahren hier zusammenklebe:

Du Arschloch! Früher Punk jetzt Bonze! Erstick doch dran! Fick deine restaurantempfehlungen. Was zahlen Die die Restaurants eigentlich, diee Du hier bewirbst, du Kommerznutte? Wirst so langsam assimiliert im prenzlberg. Wie kann man nur solche abgehobene Scheiße fressen, du HuSo! Ich les‘ dich jetzt schon 807 Jahre, aber jetzt ist wirklich schluß! Bist einer von denen geworden, ein Borg! ich hoffe du kreppierst dran. interssiert doch kein’n wattu frisst du affenarsxh, mach ma wieda raaaants Raaaaaaaants!!!

Ah, herrlich. Wie ein Bad in frischem Durchfall. Ob ich es wirklich vermisse? Nein. Internetkommentare sind Zehnerjahre. Durch. Macht zu viel Arbeit und führt zu nix. Und ich lehne Dinge ab, die zu viel Arbeit machen und zu nix führen.

Das war der Mai. Mehr war nicht.