Die Maskenvettel

Meine Freiheit hört nicht dort auf, wo die irrationalen Angstzustände anderer anfangen.

Keine Ahnung, von wem das Zitat ist, irgendwo im Internet aufgeschnappt, Mark Twain, oder Foucault, Houellebecq, Karl Marx, Lauterbach, Dall, Lotto King, wen juckt’s


Mark, ich will da jetzt nicht diskutieren.

Vettel


Ich habe inzwischen in diesem Krisenjahr alle möglichen menschlichen Zustände durch. Zorn. Hass. Amusement. Dauerironieschleife. Verachtung. Traurigkeit. Schiere Depression. Bis zuletzt zur puren Lethargie. Nur Angst hatte ich nie. Ich weiß schon, dass keine Angst zu haben nicht modern ist, weil man damit nicht auf dem Opferticket öffentlichkeitswirksam hausieren gehen kann, aber das hat bei mir historische Gründe, die zu weit führen würden (Jugend, Schulhof, Angst=Schellen, blabla, tut nix zur Sache).

Der allgemeine gesellschaftliche Angstporno, dem ich seit über einem Jahr in einer Mischung aus Belustigung und Fassungslosigkeit zuschaue, läuft jetzt im Mai so langsam aus. Disziplinlosigkeit greift Raum. Umarmungen sind wieder da. Küsschen links, Küsschen rechts. Der erste Mensch seit einem Jahr gab mir wieder seine schweißige Hand. Tobende Kindergruppen. Sich ballende Mütterpulks. Volle Badeseen. Die Gastronomie deckt wieder die Tische. Zum Bersten voller Mauerpark. Mein Fitnessstudio hat auch wieder aufgemacht und scheißt auf Abstände, sondern setzt nur um, was kontrolliert werden könnte. Auch die Säufer vor dem Späti stehen wieder in Gruppen bierselig im Kippendunst herum. Als hätte es das alles nie gegeben.

Ich war auch ein paar Mal zur Ausgangssperre unterwegs, als sie noch galt. Nach Mitternacht. Huhu. Underground. Auf der menschenleeren Greifswalder Straße kam mir oftmals einer der lächerlichen kleinen popeligen Polizeiopels entgegen. Doch nie hielt einer davon an. Kein Zugriff. Kein Halt! Stehenbleiben! Gar nix. Ich dachte die ersten paar Mal in schön blöder Adrenalineuphorie, ich kann dann krass abhauen, Fersengeld geben, weil ich bestimmt schneller bin als die immer zu dicken Berliner Pommesschrankebullen, zack, ab dafür, quer durch den Thälmannpark (ihr werdet mich nie fangen) und dass ich dann später mal bei irgendwelchen Saufrunden die Abenteuergeschichte zum Besten geben kann, wie mich mal die drecks Coronanazibullen wegen des Verstoßes gegen die polizeistaatliche Ausgangssperre durch Prenzlauer Berg gejagt haben. Aber nix. Kein Stück. Interessiert die nicht. Null. Es herrscht Berliner Frühling. Der Ausnahmezustand geht zuende. Kaum mehr jemanden juckt der. Nicht mal die Bullen selbst.

So langsam ebbt auch die Sache mit den Masken ab. Kaum mehr Maskierte auf dem Wochenmarkt, ebenso wenige auf dem maskenpflichtigen Alexanderplatz, die Verkäufer in Supermärkten und sonstigem Einzelhandel tragen ihre Maske wieder unter der Nase und in der S-Bahn reißen sich die Leute das Ding aus dem Gesicht noch bevor sie ausgestiegen sind. Menschlich nachvollziehbar. Es lockert sich. Gefühlt ist das Ding durch. Zumindest in Berlin.

Eine Ausnahme macht meine zottelhaarige Nachbarin. Immer noch. Je lockerer die Stadt, desto verkniffener sie. Seit die Bundeswehr vor ein paar Wochen zusammen mit dem Gesundheitsamt wie in einem schlechten, mies budgetierten Netflixfilm schutzausgerüstet in unserem Treppenhaus aufgetaucht ist, ist das durchschnittliche Angstlevel noch einmal kurz angestiegen. Alles, von dem ich dachte, dass es vorbei ist, kam nochmal kurz zurück. Das ganze Blei des harten Viruswinters. Einer drückte sich im Treppenhaus mit geweiteten Augen gegen die Wand, als ich ihm entgegen kam. Der nächste vergrub sein Gesicht im Wollpullover und hielt vermutlich die Luft an. Unten bei den Briefkästen habe ich kurz in die Faust gehustet und damit bei einem, der drei Meter weg stand und passiv-aggressiv rüberlugte, eine sichtliche Panikattacke produziert.

Ich bin des Alarms müde geworden. Mich kriegen sie immer noch nicht. Jetzt ist auch mal gut. Ich hoffe, sie gehen jetzt bitte alle zum Impfen, kriegen sich hernach wieder ein, posten ihre Aufkleber im Impfpass großmäulig in alle möglichen Gruppenchats und twittern danach endlich wieder über anderen Blödsinn. Dumme C-Promikommentare. Den Laschet. Klimaneutrale Kühlschränke. Den Sozialismus. Ihre blöden, immer hochgegabten Kinder. Tempo 30. Oder Karottenkuchen. Jetzt ist Mai 2021 im 15. Monat Irrenanstalt und es reicht jetzt mit der dauerüberreizten Sirene und der ewig überdrehten Aufgeregtheit. Das Land braucht neue Themen. Dieses hier ist durch.

Nein. Ist es nicht. Zumindest nicht hier bei uns. Denn die Nachbarin hat jetzt, quasi auf der Zielgeraden des Ganzen, einen Zettel an die Haustüre gehangen:

Bitte im Treppenhaus Mund-Nasen-Schutz tragen. Mit nachbarschaftlichen Grüßen.

Ich habe das Ding lange nicht gesehen, weil ich die ganzen Verhaltenszettel und Agitprop-Flugblätter meiner aktivistischen analfixierten Nachbar🤡innen zu jedem Scheiß seit vielen Jahren schon ausblende und deshalb schlicht nicht mehr wahrnehme. Oder sofort vergesse, wenn ich doch mal beim Aufschließen der Haustüre draufschaue.

Zettel mit Hinweisen, verschiedenste Agitation (Veganismus, Klima, Müllvermeidung, irgendeine Scheißpetition für irgendein Scheißanliegen) bis zu kasernenhofigen Weisungen („Die Haustüre nicht knallen lassen! Hier wohnen Menschen mit Kindern!“) lieben sie hier bei uns. Ich lebe hier mit Verhaltenszetteln an Wänden, Türen, über den Briefkästen, sogar am Treppengeländer. Tu dies. Tu das. Lass das sein. Mach das nicht. Bitte ja. Bitte nein. Bitte hier. Bitte dort. Bitte fallt tot um. Ich bin betriebsblind inzwischen. Durchverhaltensgezettelt. Ich sehe die nicht mehr. Blende die aus. Befolge nicht einen davon. Früher galt hier im Kiez die Regel: Du lässt die Leute in Ruhe und sie lassen dich in Ruhe. Das gilt lange schon nicht mehr und seit Corona wird mehr denn je belehrt. Maß genommen. Erzogen. Übergegriffen. Sozialkontrolliert. Gegängelt. Und das mit einer Leidenschaft, die mich ratlos macht.

(nich‘ unser Schild, ick bin ja nich‘ doof)

Mein Ausblenden und Ignorieren des Zettels bringt dieses Mal nix, denn die Vettel spricht mich an:

„Mark! Hey Mark! Warte mal. Hast du den Aushang gesehen? Kannst du bitte in Zukunft im Treppenhaus eine Maske tragen?“

(Orrr. Dieses eklige Geduze. Die Ökotulpen hier duzen sich alle. Und jeden. Jetzt auch mich. Weil das den Vorteil hat, dass man dann sofort so richtig schön distanzlos dicht herankommen und übergreifen kann. Manchmal denke ich, mich hat die Zeit überholt. Ich bin mit meinem Wunsch nach Distanz, kultiviertem Siezen und möglichst wenig Kontakt zu anderen Menschen nur noch ein ausgestorbener Zombiedodo. Siezen stirbt aus. Wie gute Sprache allgemein. Wie das In-Ruhe-Lassen anderer Leute. Wie ich. Ich bin quasi schon ausgestorben und laufe maximal noch untot durch die Gegend, weil ich ums Verrecken nicht umfallen will. Dead Walking Shitlord. Ein lebendes Fossil. Yolo.)

„Warum?“

„Was warum?“

„Warum ich jetzt hier eine Maske tragen soll?“

„Aus Rücksicht.“

„Wem gegenüber?“

„Mir. Zum Beispiel.“

„Warum?“

„Weil ich dann keinem Risiko mehr ausgesetzt bin.“

„Jetzt noch?“

„Mark…“

„Sind Sie denn Risikogruppe?“

(an dem Tag, an dem ich die Vettel zurück duze, sollen mir die Eier abfallen…)

„Nicht im eigentlichen Sinn. Aber ich möchte mich einfach nicht anstecken.“

„Warum kaufen Sie sich dann nicht einfach eine 3er-Maske? Da geht nix durch. Null Virus.“

„Ich kann da schlecht atmen.“

„Ja Glückwunsch. So geht es mir mit allem, was mir vor dem Mund hängt. Schal. OP-Maske. Komm‘ ich schlecht mit zurecht.“

„So schlimm ist das nicht.“

„Wieso ist das bei mir jetzt nicht schlimm, aber bei Ihnen?“

„Mark, ich will da jetzt nicht diskutieren. Machst du das jetzt bitte einfach in Zukunft?“

„Nein, das Ding ist durch. Draußen sitzen jetzt wieder Leute an den Tischen, das Leben kommt zurück und ich soll mich hier im Treppenhaus plötzlich vermummen? Mach‘ ich nicht.“

„Mark…“

„Das ist doch albern. Nehmen Sie eine 3er-Maske für die paar Meter Treppenhaus und Sie haben Ruhe. Vor allem vor mir. Und jedem Aerosol. Und ich verspreche auch, dass ich nicht lache.“

„Mark, ich habe ein Meinungsbild eingeholt…“

„Ist mir völlig latte so ein Meinungsbild.“

„Ich gehe zur Hausverwaltung.“

„Aber natürlich.“

(geht wie immer wortlos ab)

Dingeldengel. Hurra. Die Vettel wieder. Fortsetzung bald. Demnächst wird sie die Maskenpflicht in meiner Wohnung fordern. Damit ich mich nicht bei mir selbst anstecken kann. Und dann wird sie jeden Tag klingeln und kontrollieren, ob ich das Scheißding auch wirklich aufgesetzt habe. Und danach kommt die Testpflicht fürs Kind. Dessen Test sie selbst kontrolliert. Vor der Haustüre. Kein negativer Test – kein Treppenhaus, Kind. Weil hier jetzt Vettelland ist. Und die Vettel der Grenzposten. Meine Güte, icke und die. Das ist schon kein zerschnittenes Tischtuch mehr, das ist eine zerschnittene Zirkuszeltplane. Ein zerschnittenes Feuerwehrsprungtuch. Mich und die trennt ein geistiger Ozean.

Just for the record, damit ich später larmoyant sagen kann, dass ich es gleich gesagt habe: Sie wird damit durchkommen. Bei der Hausverwaltung. Mit dem Begehr. Ihrer Maskenpflicht im Treppenhaus. Die bestimmt nächste Woche schon in der Hausordnung stehen wird. Und bis in alle Ewigkeit gelten wird. Weil inzwischen einfach alles geht. Je blöder desto mehr. Es ist die Zeit für solche Leute. Sie haben jetzt ein Jahr in Reihe gesiegt, das Land schockgefroren, aufgewiegelt, gegängelt, gemobbt und sind jetzt besoffen von sich selbst.

Interessant wird sein (und das wird dann vermutlich endlich wieder witzig), was sie tun werden, wenn sie mich nach Inkraftsetzen ihrer Verordnung ohne Maske im Treppenhaus erwischen werden. Was die Sanktionen für den Verstoß sein sollen. Treppenhausputzdienst. Sonderzahlung in der Betriebskostenabrechnung. Quarantäne. Sie verhängen ein Hausverbot. Das Bundeswehrgesundheitsamt klopft an und spricht eine bußgeldbewehrte Verwarnung aus. Oder – ganz sicher die übelste aller Optionen – ich muss den Karottenkuchen der Vettel fressen, den sie sonst für den Verkauf beim zum Speien spießigen Bötzowkiezfest backt. Mal sehen. Mal schauen. Meine Irrenanstalt. Icke und die. Wenn Sie gerade denken, die Dauerabsurdität in diesen wahnsinnigen Zeiten endet jetzt endlich, dann kennen Sie meine Nachbarschaft noch nicht.

(och nich‘ unser Schild, ick bin ja nich‘ noch doofer)

Ungehöriges:

Ist die Pandemie nun bald vorbei?

Zusammen gespalten


Beachten Sie bitte folgenden Hinweis, der zum Thema Coronavirus unverzichtbar geworden ist: Ich distanziere mich von allem, was ich hier geschrieben habe. Ich distanziere mich von allem, was ich jemals geschrieben habe. Ich distanziere mich von allem, was meine tote Oma geschrieben hat. Und von allem, was meine hässliche Mutter geschrieben hat. Ich distanziere mich von der benutzten Müslischüssel, die seit vorgestern in meinem Wohnzimmer rumsteht. Ich distanziere mich von dem Brüller, der immer besoffen den armen Spätimann zulappt. Ich distanziere mich von Lars Ulrich. Eric Clapton. Cardi B. Balu dem Bär. Pittiplatsch dem Lieben. Abwasserhebeanlagen. Rückschlagventilen. Bautrocknern. Einer Rohrzange. Den Trailer Park Boys. Und dem Sasquatch.