High Noon, ihr hupenden Hurensöhne

Möök.

Eine Fußballfanfare?

Möök. Mööök.

Nebelhorn? Containerschiff auf dem Landwehrkanal?

Möööööööööööööök.

Nein, keine Fußballfanfare. Fußball ist tot. Und doof. Und findet auch nicht auf den Straßen Prenzlauer Bergs statt. Ein Nebelhorn ist es natürlich auch nicht, weil unser Hafen hier in Berlin ein trauriger Witz ist und außerdem in Moabit steht, nicht in Prenzlauer Berg, in dem das einzige Schiff das unsichtbare Narrenschiff ist, auf dem die Bewohner abgekoppelt vom Rest der Republik vor sich hin segeln.

Mööööööööök.

Das kommt von der Kreuzung. Da hupt sich wieder einer das Hirn aus dem Schädel. Sitzt in seiner Karre, ist ein Arschloch und hupt deshalb wie abgestochen.

Ich weiß nicht, woran das liegt, woher das kommt und was das soll, aber das Hupen hat derbe zugenommen in meiner Hood. Alle elf Minuten hupt wer. Gerne öfter. Wegen irgendwas. Radfahrer. Fußgänger. Hund. Bisamratte. Katze. Maus. Wetter schlecht. Vogel kackt auf die Windschutzscheibe. Menstruationsprobleme. Juckender Grind unter der Eichel. Scheidungspapiere. Baustellenzaun. Müllabfuhr. Meine tote Oma. Pylonen. Kreuzbandriss. Sie hupen wie entfesselt. Ich habe keine Ahnung, warum das Trötentourettenazigemobbe so massiv geworden ist, aber so ein Sommernachmittag auf meinem Balkon kann inzwischen bei Anfälligen locker kleine Epilepsieanfälle auslösen. Möööök Möööök. Mök Mök Mööööök. Tilt Tilt. Insert coin.

Brain off.

Manchmal stellen aktivistische Mütter Schilder an den Straßenrand oder pappen Plakate an die vollgetaggten Wände, die das Dauerhupen im Wohngebiet anprangern, fast als würde es irgendwen interessieren, was aktivistische Mütter aus dem edlen Erste-Welt-Ghetto Prenzlauer Berg so den ganzen Tag lang wollen.

Ich war nie empfindlich gegen das Getröte, so eine Stadt wie Berlin ist lauthässlich und ich mag es lauthässlich, weil es mich davon abhält, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Aber inzwischen finde auch ich Huper durch deren schiere Masse so sympathisch wie Hodenkrebs. Oder wie meine supergrünen Nachbarn. Oder supergrünen Hodenkrebs. Wobei die Grünen die Autos aus der Stadt mobben wollen und mit den Autos die völlig durchgedrehten Huper halt gleich hinterher, was mir gefallen täte. Massives Dilemma. Ein Zielkonflikt, wenn Sie so wollen.

Natürlich gibt es eine Initiative voller fleißiger Aktivisten dafür, die Unterschriften für eine autofreie Stadt sammelt. Na logisch gibt es die. Wir hier in Prenzlauer Berg haben Aktivisten für und gegen alles. Wir haben Aktivisten für den Erhalt alter Gehwegplatten. Aktivisten für die Erneuerung der Gehwege. Für einen neuen Mietendeckel. Gegen Altglastonnen. Für Flüstergleise bei der S-Bahn. Aber gegen neue Straßenbahntrassen. Für den Ausbau der U-Bahn bis zum sinnlosen neuen Flughafen, für dessen Schließung sich wieder andere Aktivisten einsetzen. Wir haben Aktivisten gegen Ruhestörung im Mauerpark. Und Aktivisten mit eigenem Turntable für clubkulturelle Ruhestörung im Mauerpark (utz utz utz zimbel). Aktivisten verteilen Flugblätter für Nachtruhe, aber gegen Heizpilze. Für Cornern, aber gegen Gaslaternen bei gleichzeitiger Abschaffung des Ladenschlussgesetzes. Gegen saufende Penner an den Tischtennisplatten vom Helmholtzplatz. Und gegen saufende Jugendliche im Volkspark Friedrichshain. Und danach gegen saufende Jugendliche auf dem Parkplatz von Lidl, die aus dem Volkspark Friedrichshain vertrieben wurden. Wir haben Aktivisten für Vaginalperformance. Für echten Sozialismus. Und gegen Laubbaumsägearbeiten. Es gibt aktivistische Angler. Veganer. Taxifahrer. Klimakinder. Pandemiehasser. Kitaaktivisten. Schulaktivisten. Fahrradaktivisten. Fußgängeraktivisten. Ampelaktivisten. Zebrastreifenaktivisten. Schallschutzwände. Taubenfreunde. Heidekrautbahn. Wasserspender. Thälmannpark. Und die Forderung nach der längst überfälligen Nachbesetzung einer Harfenprofessur an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“, für die noch Unterschriften fehlen. Der einzige Tag, an dem kein birkenbestockter Aktivist vor dem Bioladen steht und Unterschriften sammelt, ist der Sonntag. Da sammeln die Aktivisten ihre Unterschriften für oder gegen Irgendwas stattdessen im Volkspark. Wenn ich gerade chille. Auf der alten polenmarktigen Wolldecke, in der inzwischen, so wie die juckt, ganze Flohfamilien wohnen dürften. „Hallo-ho. Du-hu? Schullige mal kurz. Möchtest du für die Integration der Werneuchner Wiese in den Volkspark Friedrichshain unterschreiben?“

„Blep. Häh? Werneuchner? Was zum…?“

Im Moment sammeln Aktivisten schwerpunktmäßig vor allem Unterschriften für zwei Dinge: Für die Enteignung der fiesen dicken Immobilientrusts, denen die SPD zusammen mit der Linkspartei in den Nullerjahren Ostberlins versammelte Plattenbauschluchten übereignet hat. Und eben für die Amputation des Autoverkehrs aus dem Gebiet innerhalb des S-Bahn-Rings.

Also auch dem Gebiet unter meinem Balkon.

Wait.

Autos? Weg? Balkon?

Das wäre ja…

Sie können ja dann nicht mehr alle paar Minuten ….

Hupen.

Nie mehr Mööök Mööök. Keine Akustikepilepsie mehr. Nur noch idiotisches Vogelgepiepe in den efeubegrünten Fassaden. Hundegekläffe. Brüllende Kinder. Keifende Mütter. Das Gebimmel der scheiß Radfahrer auf dem Gehweg, die die Fußgänger aus dem Weg mobben. Der besoffene Penner, der auf der Kreuzung mit Kotze am Revers und aus der Hose hängendem Puller die alte Merkel verflucht. Der Schlagbohrer von dem Arschgesicht gegenüber und die Flex der Missgeburt vom Dachgeschoss, weil die versammelten Altbauschnösel jetzt in der Pandemie so viel Urlaubsgeld gespart haben, dass sie jetzt alle ihre Buchten kernsanieren können.

Aber sonst wär‘ Ruhe.

Kein Hupen mehr.

Möök.

Aha. Wieder einer.

Möööök.

Fresse.

Möööööööööök.

Pisser.

Möööööööööööööök.

Der hört nicht auf.

Möööööööööööööööööööööööök.

Was will der?

Möööööööööööööööööööööööök.

Einmal noch und ich such‘ mir einen Aktivisten und unterschreib‘ das Anti-Auto-Ding.

Möööööööööööööööööööööööök.

Na gut, noch einmal, aber dann…

Möööööööööööööööööööööööök.

Alter…

Möööööööööööööööööööööööök. Möööööööööööööööööööööööök. Möööööööööööööööööööööööök.

Okay, jetzt reicht’s. Ehrlich. Auch wenn ich die ganzen Aktivisten hier alle nicht mehr sehen kann, weil die Nervensägen sind, weil die so viele sind, weil die mir auf den Zünder gehen, weil die immer so penetrant sind und weil ich sowieso aus Prinzip für nix mehr unterschreibe, was irgendwer will, will ich jetzt einen von denen haben. Einmal nur. Und zwar den von Berlin Autofrei. Den Aktivisten. Der kriegt jetzt meine Unterschrift und das ist Trollen auf einem ganz neuen Level. Ich unterstütz‘ jetzt was aus dem riesigen Provinzpolitdunstkreis meiner Nachbarschaft. Trollen for runaways. Weil fuck you fucking Huper.

Möööööööööööööööööööööööööööööööööök.

Uh. Schön gehupt. Ein ganz langes Ding diesmal. Was für Arschgeigen. Je in die Länge gezogen die hupen, desto mehr packt mich der Hass. Ich mach‘ das echt. Wo ist der Unterschriftenmann? Wahrscheinlich vor dem Bioladen. Wo sonst? Ich geh‘ da jetzt hin. Ich unterschreibe. Sofort. Fünfmal, wenn es sein muss. Sie haben mich wundgehupt. Auch wenn mein eigenes Auto damit gleich mit den Bach runtergeht, ich brauch‘ das Ding eh nicht mehr, steht eh nur noch rum, seit ich nicht mal mehr nach Brandenburg raus darf, mir egal, fahr‘ ich halt Uber in Zukunft, oder Mietwagen, Fahrradrikscha, vollkommen egal, ich will die Huper endlich kotzen sehen, wenn sie ihre fahrbare Hupe auf vier Rädern bald oben Ostseestraße abstellen müssen, weil sie in den S-Bahn-Ring nicht mehr rein dürfen. Ja, Schnauze voll, kotzen sollen sie mit ihren elenden Hupen. Blutkotzen. Vorhin hat irgendein Affe mit Lieferwagen hinten an der Kreuzung über fünf Minuten am Stück gehupt, bis ich in die Balkonbrüstung gebissen und nur für ihn erschreckend realistische Fantasien mit fiesen Folterinstrumenten entwickelt habe (Lötkölben, Nippelklemmen mit Stacheln, ein Elektroschockpenisring, Mareikes veganer Karottenkuchen). Dieser Lieferwagenaffe ist schuld, alle sind schuld, die ganzen hupenden Hurensöhne jeden Tag Stunde um Stunde, ich bin durch, reif, fällig, ich unterschreibe, wo ist der Aktivist mit seinem Zettelklemmbrett, wo ist er, da hinten, natürlich vor dem Bioladen wieder, der bezirkseigenen Aktivistensammelstelle, hallo, hallo …

„Hallo, sind Sie von der Initiative, die den Autoverkehr aus dem Kiez kicken will?“

„Nein, wir sammeln für den Schutz des Eichenlaubspinners, für das Verbot von Ziegenmilch bei Vollmond und gegen die BSR.“

„Ah, okay. Wissen Sie, wo ich den Autofreimann finde?“

„Der kommt morgen.“

„Ah. Morgen. Gut. Morgen gut. Reicht auch. Schüss.“

Naja. Ich kenn‘ mich ja. Morgen werde ich das wieder vergessen haben, weil ich morgen immer alles vergesse. Hat halt nicht sein sollen. Und hat vielleicht auch seinen Sinn. Ist ja immerhin einer der Kometenschweife meiner Nachbarn, diese Petition. Kann ich ja allein deshalb nicht unterstützen. Ist eine prinzipielle Frage. Ich würde mein Gesicht verlieren. Wenn die Birkenstockis sehen, dass ich bei einem ihrer fünftausend Aktivistendinger unterschreibe, denken die noch, ich wäre einer von ihne…

Möööööök. Mök. Mök. Möööööööööööööööök.

Boar.

Möööööök. Mök. Mök. Möööööööööööööööök.

(Lötkolben)

Möööööök. Mök. Mök. Möööööööööööööööök.

(Stricknadeln.)

Möööööök. Mök. Mök. Möööööööööööööööök.

(Bügeleisen ginge auch.)

Möööööök. Mök. Mök. Möööööööööööööööök.

Das hört nicht auf.

Möööööök. Mök. Mök. Möööööööööööööööök.

Okay, Schluss. Ich mach‘ das. Schwöre. Wenn noch einer einmal hupt, dann mach‘ ich das. Morgen. Ich geh‘ da morgen hin. Bestimmt mach‘ ich das. Einmal hupen noch. Nur einmal.

Möööööök. Mök. Mök. Möööööööööööööööök.


Für Buchhaltende mit Statistikfetisch: Ich habe 21x das Unwort „Aktivist“ untergebracht. Ob das wichtig ist? Nein. Ob es Leute gibt, die sowas zählen? Ganz bestimmt.