Die Stadt platzt

Junge haben sie das wieder verkackt. Das ist selbst für Berliner Verhältnisse ein Wert auf der Verkackerskala, den es gar nicht geben dürfte. Wäre die Verkackerskala eine Weltkugel, würde Berlin jetzt neben Wellington liegen, so unterirdisch haben sie agiert.

Ihr Mietendeckel wurde filetiert. Lustvoll fast. Von Leuten, die was von Recht verstehen. Man nennt sie Verfassungsrichter.

Ich bin kein Jurist, habe jedoch das Privileg, beruflich eine Juristin zu kennen. Die sagte früh schon, dass das, was sie da hergestellt haben, kassiert werden wird. Kassiert werden muss. Weil es juristisch in einer seltenen Eindeutigkeit unzulässig sei. Ihr war klar, dass es so kommen wird wie es nun kam. Ich Laie aller Laien dachte damals hey, Einzelmeinung einer wenig prominenten Juristin, was kann schon passieren, die beim Senat wissen bei so einem Vorhaben mit solch gravierenden Auswirkungen vielleicht doch ein bisschen, was sie da machen. Oder haben gute Berater an der Seite. Aber nee. Nix. Das Ding ist nichtig. Hat es nie gegeben. Wenn Sie es angeberlateinisch wollen: Ex tunc hinfällig.

Die Stadt platzt. Zu viele Menschen wollen hier mietwohnen. Und das diesem Wollen gegenüberstehende Angebot ist ausgetrocknet. Wer eine Wohnung hat, bleibt da drin. Bewegt sich kein Stück. Denn Umziehen innerhalb der Stadtgrenzen, sofern Sie überhaupt was finden, das nicht fünfter Stock Hinterhaus mit Blick auf die Mülltonnen direkt am stinkehässlichen Innsbrucker Platz ist, kann ruinös werden.

Wenn Sie drin bleiben in Ihrer Bude, steigen die Kosten zwar auch dicke, aber nicht so sprunghaft als würden Sie irgendwo neu einziehen. Also lohnt der Wohnungswechsel nicht. Ist ein Risiko geworden. Unvernünftig momentan. Deswegen steht hier alles still. Bewegt sich nix. Früher gab es hier bei mir in der Straße monatlich Ein- und Auszüge, mehrere, immer war das so. Rein. Raus. Hin. Weg. Jetzt nicht mehr. Der Zustand ist konserviert. Die Nachbarschaft statisch. Jeder krallt sich an seine Buchte. Umzugspläne aufgeschoben. Vergrößerung gestrichen. Verkleinerung auch. Nix geht mehr. Hier in der Gegend kommen auf eine freigewordene Mietwohnung, von der es inzwischen nur eine Handvoll jährlich überhaupt auf den Markt schaffen, inzwischen gut 200 Interessenten. Die enorme Übernachfrage geht bis rüber zu den hässlichen Plattenbauschluchten oben Landsberger Allee, in denen noch nie jemand freiwillig wohnen wollte. Auch da. 50 Leute locker bei den Besichtigungsterminen. Berichtet mir einer, der da wohnt und den Teufel tut und dort auszieht. Aus der blöden alten Platte. Für die sie den Vermietern die Bude einrennen vor lauter Not. Was? Wohnen? Hier? Berlin? Einzugsgebiet? Ich weiß nicht, schauen Sie mal in der Uckermark. Lausitz. Oderbruch. Vielleicht ist da noch was frei.

Oder Słubice. Soll auch schön sein.

Wenn bei uns im Block doch mal ein Besichtigungstermin stattfindet, quillt der Bürgersteig vor hoffnungsvollen Leibern über und Sie passieren den Pulk besser via Straße. In den lustigen pastelligen Altbauvierteln mit den Bioklamottenläden, Backmanufaktur genannten Bäckern und den superszenigen Schnöselcafés, in denen es diese kleinen quadratischen Karottenkuchenstücke zu je 3,50 gibt, dürfen Sie jetzt gerne auch mal eine ordentliche Bewerbung für eine Wohnung vorlegen. Mit Motivationsschreiben. Quasi ein Schulaufsatz zu Ihrem persönlichen Hintergrund. Überschrift: Warum ich Mareike Hotzenplotz aus Leinfelden gerne hier wohnen will. Damit der Landlord sich ein Bild von Ihnen machen kann. Klingt als würden Sie sich auf einen Job bewerben? Stimmt. Klingt so. Und ist Absicht. Kommen Sie. Setzen Sie sich doch durch gegen die anderen, bringen Sie ein solventes Alleinstellungsmerkmal, dann kriegen Sie die Wohnung. Wo ist das Problem?

Oft werden gleich gar keine Wohnungen mehr zur Besichtigung annonciert, sondern gehen unter der Hand weg. Gegen Cash. Verbrämt als Abstand. 5.000 Flocken für die alten Sperrmüllmöbel und eine Trittleiter. Plus Bobbycar aus den 90ern. Und einem Farbroller samt Eimer. Juristisch einwandfrei. Schattenmieten. Untermietkonstruktionen. Fakeverträge. Sockenpuppen. Scheinüberweisungen. Der Mietendeckel wurde doch eh schon unterlaufen wie der Schwarzmarkt immer alles unterläuft was nicht funktioniert. Jeder weiß das. Überall. Nur der Senat weiß das nicht. Der weiß nix. Der hat gar kein Personal dafür, irgendwas zu wissen.

Das ist die Wohnungswirtschaft im Berlin von heute. So krank ist der Zustand inzwischen nach 20 Jahren SPD. Bitte? SPD? Doch doch. Kucken Sie nicht so schief. Die SPD war das. Die regiert hier seit 20 Jahren. Die meiste Zeit davon mit Links. Nein, kein Scherz, blättern Sie in den Geschichtsbüchern, die SPD war das. Sie hat das Ergebnis herbeigeführt. Voll. Voller. Berlin. Nobel. Nobler. Aber hallo.

Und jetzt ist ihr untauglicher Mietendeckel verfassungswidrig. Worst Case. Der Untergang. Glückwunsch, ihr Stümper. Haben den Gesetzesentwurf keine Juristen gemacht, sondern Politologen? Geothermiker? Gender Studies? Wie blöd kann man denn sein? Wie Berlin kann man überhaupt sein? Und was kommt da noch?

Falls Sie wissen wollen, ob das schon immer so war: Ja. Zumindest seit ich lebe war das hier nie anders. Berlin macht immer ganz viel. Ganz viel Scheiße. Schulscheiße. Coronascheiße. Verkehrsscheiße. Finanzscheiße. Genderscheiße. Und gebaut wird nie so, dass es nutzt.

Für die wenigen sozial Abgehängten, die in meinem grün-roten Oberschichtenghetto Prenzlauer Berg, von dessen 500.000 Euro-Dachgeschosseigenheimen klimabewegte Vetteln selbstbesoffen auf ihren eingebildeten Vorzeigebezirk glotzen, überhaupt noch wohnen, ist das Ergebnis des peinlichen Wohnungspolitgewürges einer bis in die Haarspitzen ideologisierten Camarilla ein persönliches Desaster mit harten Auswirkungen. Denn die entgangenen Mietsteigerungen des letzten Jahres müssen natürlich nachgeholt werden. Und nachgezahlt werden muss die ganze entgangene Miete überhaupt. Und da die Nachfrage in den nächsten Jahren immer weiter das Angebot übersteigen wird, werden die Mieten jetzt erst recht so regelmäßig wie selbstverständlich am oberen Ende des Zulässigen ansteigen. Jahr für Jahr. Tick Tack. Sitzt der Frosch im Wasser. Und muss irgendwann rausspringen. Oder knüpft sich halt auf. Oder frisst Kuchen. Angebot. Nachfrage. Preis. Volkswirtschaftslehre für Dummies.

Dabei kommt der richtige Bumerang noch. Denken Sie daran: Zahlen Sie den jetzt bereits fälligen Fehlbetrag zügig eigeninitiativ nach. Also das, was Sie bisher nicht gezahlt haben. Ohne auf eine Aufforderung zu warten. Sonst ist das ein Kündigungsgrund, sagt der Jurist. Und sie geiern auf den Grund zu kündigen. Sie zu entfernen. Um das Mietobjekt zu entkernen. Umzuwidmen. Pastellfarben anzumalen. Neues Parkett reinzulegen. Eine emissionsarme Heizung. Fette Küche. Um es gewinnbringend an pausbäckige Erben, Investoren oder Geldwäscher zu verticken.

Mit dem Kind im Brunnen einer gekippten Stadt nachzukarten ist jetzt halt auch blöd. Was soll man noch sagen. Bauen hätten sie sollen. Kommunal bauen. Großflächig. Überall wo es geht. Den Druck vom Markt nehmen hätten sie sollen. Das Angebot an städtisch betriebenen Wohnungen so stark erhöhen hätten sie sollen, dass die Spekulation obsolet oder zumindest weniger lukrativ wird. Weil nochmal: Angebot und Nachfrage regeln den Preis ist Volkswirtschaftslehre für Dummies, aber für den Berliner Senat ist Volkswirtschaftslehre inzwischen wahrscheinlich auch Nazi. Besser nicht mit beschäftigen. Blurb Blurb. Lieber widdewitt einfach alles aufschreiben was man gerne hätte. Weil dann viele neue freie Wohnungen für viele freie Neuberliner vom Himmel fallen. Und alles gut wird. Schritt für Schritt ins Paradies. Das ist wie Beten. Kann klappen. Klappt aber meistens nicht.

Aber wer bin ich schon, was red‘ ich denn wieder. In Berlin wissen sie immer alles besser da oben im Einhornland. Große Fresse und dann war’s doch wieder nix. Fummeln sie da mit ihrer Brechstange am Abflussrohr herum und am Ende regnet es Scheiße. Ich weiß das. Ich wohne hier. Immer schon. Für uns ist der Scheißeregen Folklore. Lokalkolorit. Wir wachsen damit auf. Und regnet es mal keine Scheiße, fehlt uns was.


Anders

Wieder anders