Die Postfiliale des Grauens

„Süßer, ich geh‘ mal eben zur Post!“

„Pack dir was zu essen ein!“

Gnarf Gnarf.

An diesem Ort mit der zähesten Warteschlange meiner an Warteschlangen nicht gerade Hunger leidenden Stadt muss jeder Bewohner aus dem Keimdunst der Prenzlauer Allee seine verdammten Pakete abholen, es sei denn, er hat es geschafft, einen der seltenen Plätze in der KPackstation, beim Amazonfuckerlocker oder bei einem der inzwischen enorm genervten, in ihren Buchten vor sich hin brütenden Homeofficenachbarn zu bekommen, deren Bereitschaft zu einer unbezahlten Subunternehmerexistenz als überbordendes Paketlager für den ganzen Block zunehmend austrocknet und Gerüchten zufolge inzwischen gegen Cash, Meth, Amphetamine, Zimtwoccochinokonzentrat und Holunder-Litschi-Sirup in den Büschen vom Arnswalder Platz gedealt wird.

Ja, ich bin oft bei der Post, seit aus schierem Platzmangel kaum mehr einer in meiner Hood die abnorme Menge an Lockdownshoppingersatzbefriedigungspaketen für die buckligen Nachbarn annimmt und einer sogar tagesüber die Klingel abklemmt, weil ständig wer schellt und ein Paket für irgendwen loswerden will. DHL. Amazon. Hermes. Und als Bonus manchmal absonderliche Schlümpfe wie GLS, DPD oder einer der fahrradbetriebenen Ökowurzelgemüselieferanten mit hässlichem Gewächs in der Kiste, das woanders keiner will.

Und so warte ich. In der Postschlange. Eine halbe Stunde ist der Regelfall. Dumm di dumm. Da geht nix. Stehste da. Kuckste blöd. Wirste alt. Und faltig.

Es ist Samstag, die Schlange ist noch länger als sonst und so nutze ich die Zeit für umfassende Sozialstudien über die konsequente Not-Just-in-time-Abfertigung im Postwesen. Wenn ich nicht vorher an der Schlange verwest bin, kann ich irgendwann einmal eine Doktorarbeit darüber abschreiben, mit welchen sadistischen Methoden es meiner verwachsenen Postfiliale gelingt, die obszöne Warteschlange zu jedem Zeitpunkt des Tages exakt gleich quälend lang zu halten.

Und das geht so, eat this:

Droht aufgrund nachlassender Nachfrage eine Verkürzung der Schlange und damit Wartezeit zum Vorteil des Kunden, so werden geistesgegenwärtig genau so viele Schalter zugemacht, dass sich dieser Vorteil umgehend neutralisiert.

Umgekehrt werden erst dann Schalter geöffnet, wenn sich der Frühstücksbäckerpuff zwei Häuser weiter über einen blockierten Eingang beschwert oder Fleischer Gottschlich gegenüber auf der anderen Seite den Menschen in der Schlange aus Versehen Blut-, Schweiß- und Tränenwurst überreicht, weil er sie für seine eigenen Kunden hält.

Wie durch Geisterhand ist damit gewährleistet, dass stets eine gleichbleibende Menge x bis weit in den Geldautomatenvorraum hinein steht und sich mit der Schlange derer vermischt, die hier einfach nur Bargeld abheben wollen, aber nicht mehr können. Weil voll. Crowded house.

Das muss doch einer steuern, denke ich mir jedes Mal, und sehe vor meinem degenerierten dritten Auge einen armen prekären Praktikanten im Hinterzimmer der Post zum Schlangenmanagement abgestellt, der die Anzahl der offenen Schalter mit alten wilhelminischen Rohrposthebeln reduziert und erhöht, auf dass sich immer etwa eine halbe Stunde Wartezeit für jeden ergibt. Wie im Osten.

Der bizarre Effekt der Maßnahme ist der, dass die Wartezeit umso länger wird, desto kürzer die Schlange ist. Droht sich die Wartezeit nämlich so drastisch zu reduzieren, dass die unfreiwilligen Warteschlangenkomparsen in zehn Minuten drankommen könnten (undenkbar und nicht zu tolerieren), wird auf zwei offene Schalter heruntergefahren, von denen einer mit der Angestellten besetzt wird, die bei jedem Geschäftsgang für eine Viertelstunde im Paketlager untertaucht, um erst dann wieder auf den Plan zu treten, wenn der Kunde sich verarscht vorkommt und gehen will.

Ratzfatz ist die Schlange wieder bei einer halben Stunde. Hurra. Praise the lord.

Auf der Basis jahrelanger statistischer Erhebungen vor lauter gehirnschmelzender Langeweile beim Paketabholen habe ich festgestellt, dass der „Pestpost-Break-Even-Point“ (= der Zeitpunkt, an dem die Wut die Geduld besiegt und ich entnervt aus der Filiale renne, gegen den verdammten gelben Standbriefkasten trete und die Paketbenachrichtigungskarte dem nächsten zotteligen Biohansel in sein beschissenes Rhabarberschorle werfe) immer früher erreicht ist. 35 Minuten. Früher bin ich erst nach etwa einer Stunde ausgerastet. Wird weniger. Sie sehen: Ich werde dünnhäutiger. Sie zermürben mich. Ich gebe immer früher auf. Weil ich wohl alt werde. Und faltig.

Statistisch gesehen müsste ich in ein paar Jahren schon mitten auf der Marienburger Straße auf der Hälfte des Weges zur Post und damit zu meinem Paket allein beim Gedanken an die Postfiliale des Grauens und ihre Warteschlange des Hungertodes einen kapitalen Wutanfall mit angeschlossenem Amoklauf bekommen, der die Burgerfresser vom Marienburger (Hammerwortspiel) zu Salzsäulen erstarren lassen wird.

Und das ist dann wahrscheinlich genau wieder der Punkt, an dem die freundlichen weißgekleideten Menschen mit ihrer tollen Jacke kommen, die ihre Ärmel vorne hat. Dann haben sie mich soweit. Dann war’s das mal wieder. Aus dem Spiel genommen. Als Gefährder. Burgerfressermobber. Wutausbrecher. Hassprediger. Eine Gefahr. Danke Post.


Vilmoskörte (der nicht Vilmoskröte ist)