Diskurs (3)

In zwei Lanz-Talkshows hintereinander war Karl Lauterbach nicht unter den Gästen. Geht’s ihm nicht gut? Muss ich mir Sorgen machen?

Chris


Je länger die Scheiße andauert, desto blanker liegen die Nerven.

In unserem Treppenhaus hat die aktuelle Opposition ihr Zentralorgan verteilt. Auf jeden Treppenabsatz eines davon. Es geht größtenteils um Corona. Sie sind nicht einverstanden. Mit vielem. Möglicherweise allem. Zumindest lese ich das aus der abschreckenden dickleibigen Überschrift, die Sie von der alten Bildzeitung kennen, vor der ich auch nicht weiß, wer die heute überhaupt noch kauft.

Eine der emsigen Mütter, die mit noch mehr ausladender Tagesfreizeit denn je unser Wohnhaus bevölkern, ist gerade dabei, diese Zeitungen einzusammeln. Von ganz oben aus ihrem dicken nachhaltig ausgebauten Dachgeschoss bis zu mir nach unten in die Sandwandaltbauklasse macht sie die Dinge besenrein. Ganz klar: Das Zeug muss weg. Nicht dass das noch jemand liest.

Wie immer, wenn mir die heilig-ernste Rigorosität meiner in den Nullerjahren in den Block gefluteten Nachbarschaft begegnet, muss ich die Gegenposition einnehmen. Erst mal aus Prinzip. Ganz automatisch und unwillkürlich. Ich kann gar nicht anders. Ich muss einfach wissen, wie die Eifrigen sich verhalten, wie sie pumpen, sich echauffieren und mit etwas Glück aus ihrer immer mühsamen Rolle fallen. Und wenn sie das tun, freue ich mich. Nachbarschaft stressen ist mein Gemüse.

„Entschuldigung, könnte ich eines davon haben?“

„Warum?“

„Ich möchte das lesen.“

„Das muss man nicht lesen.“

„Doch, ich muss das lesen.“

„Das ist nur Schund, das muss man nicht lesen.“

„Warum nicht?“

„Weil das Schund ist.“

(Sehen Sie, da sind wir schon. Sie hat sich demaskiert. Kein Argument, aber viel Haltung. Sagt sie mir, was Schund ist. Und natürlich mag ich es nicht, wenn jemand so ankommt. Es nervt mich. Kann ich nicht leiden. Da steht jemand im Brustton der Empörung vor mir und entscheidet für mich, was ich lesen darf und was nicht. Das ist wie auf YouTube, bei dem sie mir inzwischen die abweichenden Virologen und andere als untragbar etikettierte Minderheitenstatements rauslöschen, damit ich nicht sehen kann, was die zu sagen haben. Weil mir die Fähigkeit, mir selbst ein Bild zu machen, nirgendwo mehr zugetraut wird. Weil Free Speech jetzt auch Hate ist. Oder zumindest auf einer Stufe damit steht. Und diese Selbstverständlichkeit der Dränger und Gängler hat extrem zugenommen in den letzten Jahren. Ernährung. Mülltrennung. Mein Auto, das bei jedem Fehlverhalten piepst wie auf Ecstasy. Fette blinkende Rauchmelder an meinen Zimmerdecken. Und vor allem Politik und Gesellschaftsthemen. Andere Menschen möchten an immer mehr Stellen etwas für mich entscheiden. Hauptsächlich was ich sehen darf und was nicht. Aus schierer Angst vor Worten. Oder Bildern. Vor denen man mich fernhalten muss. Als wäre ich wieder sechs Jahre alt und wüsste es nicht besser. Good old Bevormundung, früher mal verpönt, ist jetzt ganz normal akzeptiertes Handeln geworden. Wird nicht mehr als übergriffig angesehen, sondern als notwendig. Melden. Labeln. Löschen. Anscheißen. Verhaltenszettel fürs Treppenhaus schreiben. Und Zeitungen einsammeln.)

„Okay, davon, ob das Schund ist, muss ich mich selbst überzeugen. Ich möchte das lesen und möglicherweise verwerfe ich das, was die da schreiben, oder nicht, oder in Teilen, aber um das bewerten zu können, muss ich es lesen. Und dann entscheide ich, wie ich das alles sehe. Kann ich jetzt eines davon haben?“

(Ich weiß selbst, wie komisch sich das inzwischen anhört, aber ich lese verschiedene Dinge aus verschiedenen Ecken, um überhaupt eine Position zu einem Thema einnehmen zu können. Das ist vor allem wichtig, wenn man wie ich gar keine gefestigte Meinung zu vielem hat, sondern Grashalme sammelt, um sich eine halbfeste Meinung zusammen zu basteln. Ich habe auch 2019 die ganze Friday for Future-Agitation gelesen, mit der die bewegten Mütter mein Treppenhaus überschwemmt haben, oder ganz aktuell habe ich mir eine papierne Materialschlacht an bleiwüstigen Kommunistenflugblättern eingetan, habe manchem davon tatsächlich zustimmen können und manches verworfen, und das darf ich. Weil ich das so will. Ich darf Dinge lesen, bewerten und selbst entscheiden. Darf ich. Doch, echt. Auch wenn das ein Gebaren geworden ist, das jetzt 2021 zunehmend und ganz besonders in meinem Treppenhaus als hoffnungslos überkommen, altmodisch und damit untragbar gilt.)

„Sie sind wohl einer von denen.“

(Einer von denen. Zack, auch das nächste Ding hat sie gerissen, ich habe eines ihrer Label kassiert, weil ich einen Fehler gemacht habe, den klassischen Fehler inzwischen, denn Sie müssen jetzt, wenn Sie sich einfach nur dafür interessieren, was andere aus anderen Positionen heraus zu sagen haben, einen langatmigen Disclaimer voranstellen, eine floskelige Distanzierung, bitte nein, stammel stammel, ich bin keiner von denen, Impfgegner, Querdenker, AfD, Deutschland-GmbH-Spinner, blaha, und das bitte wortreich, glaubhaft, vehement, sonst sind Sie schnell tatsächlich einer von denen, auch wenn Sie gar keiner von denen sind. Das muss diese Zivilgesellschaft sein, dieser offene Wettbewerb verschiedener Ideen und Ansichten, die frei und ohne unfaire Beeinträchtigung geäußert werden und in den Wettstreit gehen dürfen. Wie hieß das noch? Früher, als es noch kein Internet gab? Stimmt, ja, genau, Debattenkultur, danke dafür.)

„Nein, ich keiner von denen, aber ich möchte wissen, was sie zu sagen haben.“

„So fing das bei den Nazis damals auch an.“

Nazis. Auch das noch. Spricht, spuckt fast aus und pfeffert eines der Papiere mir zwar nicht vor die Füße, aber auf die Treppenhausfensterbank, von der sie es vorher weggeklaubt hat. Sieht sich noch ein wenig zu affektiert verärgert an, wie ich einen Schritt zum Fenster gehe, das Papier an mich nehme und dreht dann ab, um auch das Exemplar im Parterre und sicherlich auch die Exemplare in den ganzen anderen Treppenhäusern unseres Blocks oder sogar im ganzen Bezirk aufzusammeln. Die Nazis. Das haste ihn. Den argumentativen Teleskopstab im Diskurs. Draufdreschen und Ruhe is‘. Nach so einem Satz kann natürlich nichts mehr kommen und kommt auch von mir nicht. Was wollen Sie dazu auch noch sagen? Die Sache ist ausgefochten. Durch Brachialgewalt beendet. Wie ein Spucken ins Gesicht. Weil jetzt 2021 ist. Weil das jetzt so ist. Hier bei uns. Irgendwo in der Hauptstadt.


Endlich ein normaler Mensch: Wahrscheinlichkeiten – The Sequel

Noch zwei normale Menschen, was freu‘ ick mir’n Keks: „Sind wir eigentlich noch links?“ oder: Wer darf was und warum?

Und ich habe augenentzündet tatsächlich Kritik in der Stromlinie statt wie sonst nur bei Telegram (oder in meinem Treppenhaus) gefunden. Und zwar bei der dicken alten Telekom. Na die trau’n sich was. Wo bleibt die Kanzel?


Diskurs (2)