Betreutes Glotzen / Nannystreaming

Schimpfwörter…

Warnung vor.

Pappt Amazon Prime vor den Film, den ich schauen will. Und Nacktheit. Unken sie. Und Drogen! Sie sehen: Jetzt auch hier umweben sie mich mit postmodernem Schneeflöckchenshit. Einem gutgemeinten Hinweis, der mich vor Schlimmem bewahren soll. Liebes Kind, bist du wirklich sicher, dass du diesen Film sehen willst? Weil da gibt es Schimpfwörter. Schimpfwörter!

Oha.

Lange nicht mehr über Belanglosigkeiten aufgeregt. Ist ja Einschluss. Passiert ja wenig im Zellenblock kurz vor dem Tauwetter. Ich könnte einen Billigrant vom Grabbeltisch vertragen, einfach aus alter Gewohnheit.

Liebe Weichwachsschluffis aus Internet, Konzernetagen und Selbsthilfegruppen, ihr nervt mich, ihr Wattepacker, was geht ihr mir auf den Zeiger. Jetzt kriege ich sogar meine eigene Triggerwarnung auf den Flatscreen gekotet, als wäre ich einer von euch, und ihr lasst mich die noch nicht einmal abschalten, sondern ich muss sie mir reinziehen und mich aufregen.

Bisher dachte ich, dass so etwas Pupsiges wie Triggerwarnungen nichts für die breite Masse, sondern nur etwas für universitäre fördermittelfressende Berufsaufreger sind, die sich vor jedem zwischenmenschlichen Kot, Grind, Ranz und Rotz in ihrem Safe Space voller Einhornplüschtieren einschließen müssen, damit sie in diesem Leben nicht zusammenklappen, wenn mal einer schief glotzt.

Wogegen keiner was hat. Ehrlich. Können sie alles tun in ihrem akademischen Elfenbeinturm, alles können sie tun. Alles. Sich einigeln. Sich gegenseitig echokammern. In diesem Raum, den sie mehrmals am Tag durchsagrotanen. Das dürfen die. Kein Problem damit. Freies Land und so. Jeder wie er mag.

Wenn sie mich nur damit in Ruhe lassen würden.

Tun sie aber nicht. Ich bekomme immer häufiger Dinge serviert, die ich nicht bestellt habe, weil ich sie nicht haben will. Meinungsgebote. Sprachvorschriften. Positionsverbote. Regierungsgejubel. Und jetzt auch ständig Warnungen vor irgendwas.

Der verkopfte Igelclub aus den durchmimosierten Fakultäten der hiesigen Universitäten ohne Außenwirkung und damit Relevanz ist vorbei. Er strahlt jetzt aus. Metastasiert. Zu mir. Kalbt jetzt wie selbstverständlich direkt in die Gesellschaft, die früher auch mal freier und vor allem weniger übergriffig war als heute. Und insgesamt infantiler wird denn je. Wir sind jetzt alle wieder Kinder. Sechs, möglicherweise sieben Jahre alt. Und wissen es nicht besser. Deshalb muss jeder vor allem gewarnt werden. Unbill. Schlechtem. Dreck. Grind. Jetzt auch ganz neu beim Streamen in meinem Wohnzimmer. Hallo Abopöbel, sagt Amazon Prime, danke für dein Geld. Wir wollen dafür ganz sicher gehen, dass du dich immer wattewohl und nie angegriffen fühlst, deswegen sagen wir gleich vorher, dass es in dieser neuen Serie hier – huhuhu – Schimpfwörter gibt. Und Nacktheit. Sexualität sogar. Buhu. Also überlege gut, ob du dir das zumuten willst, nicht dass dein zuckerzartes Seelchen Schaden davonträgt. Buwääh.

Was für Mimosen. Lappen. Lüftchenverwehungen. Das Letzte an Schlümpfen aus Schlumpfhausen. Der Grenzpolizeiposten des Kosovo bei Hodonoc könnte morgen im Spaziergang hier einreiten und den ganzen Puff brandschatzen, ausräuchern, plündern, weil sie hier alle schon beim Anblick eines Wattestäbchens mit Ohrengrind getriggert in Panik ausbrechen und flennen gehen würden.

Allein rettet uns der Umstand, dass der Kosovo diesen Landstrich gar nicht haben will, weil dann hätte er neben den chronisch maroden Schulen, einem Millionenheer von sinnlosen Beamten und den immerkaputten Bürgersteigen auch unsere lautplärrenden Triggerwarnungsborderliner an der Backe kleben, die allen mit ihren Befindlichkeiten so lange auf den Sack gehen, bis überall an allen Gegenständen des Lebens Warnhinweise vor irgendwas kleben. Achtung heiß. Achtung kalt. Achtung tief. Achtung Witz. Achtung flach. Achtung Flachwitz. Achtung hier. Achtung da. Achtung tralala. Auf dass mich morgen früh mein Auto beim Einstieg warnt: „Warnung! Bürger! Dengel Dengel! Hear Hear! Ein Auto ist gefährlich. Autofahren kann zu Unfällen führen. Wollen Sie wirklich einsteigen?“

Fuck you.

Fickt euch alle.

Nacktheit. Sexualität. Mimimi. Hallo, hier ist der neue Puritanismus. Die Evangelen singen Hosanna und Calvin feixt in der gammligen Erde. Der ewige Kampf zwischen Laster und Moral. Jetzt auch in meinem Wohnzimmer. Ach komm, nee. Leckt mich einmal, zweimal, fünfmal. Ich gehe jetzt XHamster streamen. Die haben noch keine Triggerwarnung. Kommt aber bestimmt bald: „Achtung! Bürger! Hear Hear! Dieser Clip enthält Penis in Dickdarm und Ziehen an den Haaren.“ Huhuhu, werde ich dann plärren, Penis im Darm geht ja noch, aber Ziehen an den Haaren, was für ein No-Go, danke für die Warnung, da schalt‘ ich lieber weg. Rüber ins ZDF. Da läuft Biene Maja. Mit Flip, dem Grashüpfer. Das kann ich gerade noch vertragen.


Falls Sie von früher übrig sind und unqualifizierte Grabbelrants vom Fließband erwarten, da hab‘ ich keinen Bock mehr drauf. Früher auf dem alten Blog ging mir das am Ende schon auf den Sack mit dem Schenkelklopfergeschiss des Social Media-Bierzeltpublikums, das ich nach einer Weile in einer ungesunden Gemeinschaft mit irgendwelchen dahergelaufenen Politkommissaren hinter mir her zog wie einen unappetitlichen Kometenschweif. Die Schenkelklopfer zum Giggeln zu bringen war leicht. Ein paar Textbausteine, ein paar Obszönitäten, eine Prise Hass gegen irgendwen random und die Scheiße ging bei irgendwelchen Saftbirnen in die Tausenderklicks durch Twitter und Facebook. Vorhersehbar wie Lauterbach bei Lanz. Je blöder desto Like Like Like mich am Arsch (da da di da da da). Irgendwann haben Leute sogar Rants bestellt oder mich aus dem Nichts angeschrieben, ich solle mal irgendwas verranten. Eine Currywurstbude an der Autobahnraststätte Fläming. Veganes Hack. Einen Carsharingbetreiber. Oder die SPD. Das ging mir so sehr auf die Eier, dass mein Finger öfter als es gesund war im Suff über dem „Blog löschen“-Button kreiste. (Wollen Sie wirklich löschen? Wirklich? Wirklich löschen? Echt jetzt?) Manchmal jedoch hab‘ ich immer noch Laune auf einen der alten blöden Rants, irgendein runtergerotztes Ding wie früher. Unqualifiziert. Undifferenziert. Maximal platt. Meistens aber nicht. Alles fließt. Deal with it.


Und aus Prinzip: Pillermannfotze Pillermannfotze Pillermannfotze Arsch (scnr) – Achtung baby, Schimpfwörter!