Hirnsudelei 01/21

Ich habe wenig Hoffnung für 2021, ich glaube, es wird ein absolut scheußliches Jahr mit äußerster Schnelligkeit der Erledigung vieler Menschen. Es wird sein wie in jeder Pandemie: Was der Virus nicht schafft, werden die Geistlosen und Gierigen schaffen, die erst zufrieden sind, wenn es allen gleich an allem mangelt.

Don


Jaaaaaaaa, endlich ist es passiert. Einer war auf Klo bei einem unserer sinnlosen wöchentlichen Telefonmeetings aus dem Borgwürfelhomeoffice heraus und hat das Mikro nicht ausgeschaltet. Plätscher. Wisch. Ein Furz. Dann spülen. Zu spät schließlich die Bitte der Moderation, doch das Mikro stumm zu schalten. Ich habe mir noch Stunden später beide Eier beim Gedanken daran weggelacht und war froh, dass dieser Knaller nach meinem Redebeitrag passierte. Plätscher. Wisch. Ein Furz. Dann spülen. Wäre das vor mir passiert, ich hätte niemals vernünftig reden können.

Mir ging es zwei Telefonkonferenzen später nur wenig besser. Ich saß korrekt mit ausgeschaltetem (schwöre!) Mikro auf dem Scheißhaus und habe dem üblichen Gewäsch der ganzen wahllos in die Beletagen hochbeförderten Blondinen zugehört. Leider habe ich nicht auf dem Schirm gehabt, dass das gewehrsalvige Blondinengeseier Durchfall fabriziert. Also richtigen Durchfall. Den ganz Dünnen. Bei dem das dünnpure Kackwasser in siebzehn verschiedene Richtungen aus der Rosette in die Schüssel schießt und hernach (wie geht das physikalisch, wie geht das?) die Unterseite der Klobrille braun besprenkelt. Die Unterseite! Und genau zu diesem Zeitpunkt …

… bekomme ich aus dem Nichts das Wort erteilt. Ich möge berichten zu einem der ABM-Effizienzprojekte, mit denen sie uns Arschgesichter beschäftigen, bis der Markt wieder merkt, dass es uns gibt. Oder der Staat uns das Geld abdreht und wir endlich aus der Welt geschissen werden.

Grumbl.

Brooooood.

Moooorrrrgh.

Das waren die Geräusche des Darms, während denen ich, mit nacktem Arsch auf dem bestialisch stinkenden Kackloch sitzend, möglichst laut dozierend zu unserem supischnaften Scheißprojekt managementfassungslose Bullshitphrasen aneinander gereiht habe, was keinen interessiert, weil auf solchen Telefonmeetings nie irgendwen interessiert, was irgendwer redet. Die glotzen alle Netflix nebenher. Zocken Gran Turismo. Kochen. Oder onanieren. Was weiß ich. Ich könnte auch meinen Einkaufszettel vorlesen und keiner würde es merken.

(moment, ich muss mal kurz runter, das Kokstaxi ist da.)

So.

Was noch?

In Prenzlauer Berg ist eine schöne hässliche, kleine, putzerfischige Coronatestindustrie entstanden. Überall Plakate mit Werbung für die vielen Testzentren. 100 Euro der Test. 50. 39,90. Rein, Abstrich, raus, Ergebnis am nächsten Tag. Leicht verdientes Geld. Irgendwer wird da auf dem Rücken des Angstpornos richtig reich. Aber richtig reich.

Woher ich weiß, was das kostet? Sag‘ ich Ihnen gerne: Das Kind hatte Kontakt mit einem Coronaseuchenvogel und Quarantäne stand im Raum. Also habe ich 100 Euro abgedrückt für einen … na? … negativen Test. Hurra. Hat sich also nicht mal gelohnt der Aufwand. Aber zumindest die Quarantäne ist für den Moment erfolgreich abgewehrt. Das war es mir wert. Weil Quarantäne scheiße ist. Ich mag nicht mehr in Quarantäne sein. Reicht jetzt.

Das ganze flächenbombardig werbende Testgewerbe mutet mir an wie schmierige Teppichhändler mit Lager irgendwo Westhafen im Industriegebiet, die wegen des Lockdowns gerade umgeschult haben auf diese lukrativen Coronatests und jetzt die Kasse machen, mit der sie später nach dem Crash die Teppichbude sanieren. Was für ein Andrang. Riesenschlangen. Leute über Leute. 100 Euro. Nochmal 100 Euro. Ein Megageschäft. Kommen Sie. Seien Sie wie ich. Kaufen auch Sie sich heute noch von der Quarantäne frei.

Konsumententipp: Die Krankenkasse zahlt den Scheiß nicht. Wenn Sie symptomlos sind, bleiben Sie auf dem Mist selber sitzen.

Die Maskenträger auf den Gehwegen von Prenzlauer Berg lugen mir jetzt vorwurfsvoll in mein legal unmaskiertes Gesicht. Fehlt nur noch Kopfschütteln. Und affektiertes Seufzen. Was sie nicht wissen: Das Lugen macht mir nix. Kein Fußbreit. Ich habe alle vorwurfsvoll lugenden Frauen Berlins überlebt und alle vorwurfsvoll lugenden Vegetarier von Prenzlauer Berg, wenn ich ihnen mit einer schweinischen Ketwurst vom Fleischabfallimbiss die Greifswalder entgegenkomme. Schockt mich nicht. Sie kriegen mich nicht diszipliniert. Ich kann ihnen nicht gehorchen. Geht nicht. Da blockiert was.

Kurze Meldung zwischendurch: Deutschland baut Lager. Häh? Was? Bitte gehen Sie weiter. Ist nicht schlimm. 80% bei YouGov finden das gut.

Wer das Eisen anpackt und kritisiert? Leider nur noch welche wie Reitschuster, den nicht jeder mag:

Das macht mich fertig, ehrlich. Was habe ich den Tilo Jung vor ein paar Jahren noch gefeiert, als der in der Bundespressekonferenz damals immer diese Chebli und die ganzen anderen bis zum Zäpfchen alimentierten Exekutivestatisten gegrillt hat. Jung, fresh, megakritisch, bohrend. Ich mochte das sehr. Jetzt ist er angekommen im Betrieb, zahm, satt wohl, so langweilig loyal wie ein normaler Hauptstadtjournalist. Und jetzt hat eben einer wie Reitschuster den Platz am Bohrer eingenommen, spielt die Rolle der Nervensäge, die Fragen stellt, die sonst keiner stellen mag. So ist das eben. Die Natur hat kein Vakuum vorgesehen und wenn es doch mal eines gibt (im Moment ganz klar: Hartnäckige Kritik an der Regierung), kommt einer mit Verve daher und füllt das aus. Macht das, was andere nicht mehr bringen. Hat dadurch Klickzahlen,…

… die sich mit den alten lahmen Nachrichtenportalen und erst recht mit den zahnlos gewordenen Lobos und Netzpolitiks messen lassen können.

Und hey, selbst schuld, ehrlich selbst schuld. Es ist eure seit Jahren offene Flanke, die ihr euch jetzt habt nehmen lassen, da kann ich nix für. Und please do auf keinen Fall shoot me. I am just the messenger. Ich würde mir selbst wünschen, Links würde wieder kritisieren statt staatstragen. Bohrend. Hartnäckig. Unnachgiebig. Wie früher. Und würde das nicht solchen wie Reitschuster überlassen.

Noch mehr Coronacontent, passiert ja sonst nix. Ich sag‘ Ihnen was: Kurios bis eigentlich fast beleidigend ist für mich im Moment das plötzliche und doch sehr übergriffige Einfordern von Solidarität von einer Politblase aus dem vollversorgten Elfenbeinturm, der jeder Einzelne bisher bis zur völligen Ignoranz vollkommen egal war. Was haben sie gepredigt die letzten 20 Jahre: Eigenverantwortung. Fördern und Fordern. There is no such thing as society. Und wider die römische Dekadenz haben sie gesagt. Sie haben die Gesellschaft in Atome gesprengt. Ausgelutscht. Vollgekotet. Sie haben mich, ohne auch nur einmal nett zu sein, von Scheißjob zu Scheißjob zu Scheißjob gegängelt, verachtet, ausgenommen, verarscht, angeblökt, beschissen, über jeden einzelnen Tisch gezogen und für einen Dreck von Lohn ausgebeutet über Jahre. Drei Jobs. Nächte. Wochenenden. Für ein paar Hunderter über dem Existenzminimum. So war das mal. Viele Jahre lang. Und das haben sie als normal hingestellt. So musste das. So sollte das. Damals. Als ich noch klein war. Und jetzt, wenn die Schönwettersegler da oben plötzlich mit der Lage überfordert sind und eine hirntote Maßnahme nach der anderen in den Nebel abfeuern, weil ihnen ihr mit voller Absicht marode und instabil gewirtschaftetes Gesundheitssystem um die Ohren fliegt, kommen sie mit Solidarität angeschissen. Die. Zu mir. Nach den ganzen Jahren Verachtung. Chuzpe. Wirklich. Chuzpe ist das. Ich könnte das fast anerkennen, wenn es mich nicht so schütteln würde.

„Unser Problem ist, dass wir eine dekadente, gerade noch auf Kante genähte Deppengesellschaft mit mediengemachtem Inkompetenzkult sind, die bei der ersten Belastung zusammenfällt. Und jetzt eben zum ersten Mal eine Belastung da ist.“ (Danisch)

Aber egal, hier, komm, werden wir besser schnell wieder seicht. Aufregen bringt ja nix. Ich habe noch ein neues Wort im Zuge des Coronagemobbes gelernt: Rodelnazis. Weil sie rodeln. Mit Schlitten. Wie? Verstehen Sie nicht? Dann sind Sie nicht bei Twitter.

(ich bin dort zwar auch nicht, aber das macht nix, denn das Zeug von denen wird ja immer noch überall eingebettet oder sie schicken mir die Screenshots über Telegram, dieser App, von der ich so langsam den Eindruck habe, dass sie damit beginnt, Twitter abzulösen.)

Ich mach‘ jetzt übrigens mit und nenne alle Leute Nazis, die mir nicht passen. Rollernazis. Ökonazis. Millennialnazis. Müllabfuhr-samstagmorgens-um-6-Nazis. Und mein Waxingnazistudio hat jetzt schon seit über einem Monat geschlossen. Wie aufwändig diese Nassrasierer sind. Versuchen Sie damit mal ordentlich in die Kimme zu kommen. Wer hat das nur entschieden? Das alles? Drecks Lockdownnazis, verdammte.

(Es ist wahr. Nazitourette ist befreiend. Jetzt weiß ich, warum es so viele tun.)

Kunterbunter Coronakoller und kein Ende. Unten Mollstraße schiss mich einer mit einem Antifaschistische Aktion-Patch auf dem Hoodie an, weil ich bei Rot über die Fußgängerampel ging. (Für Insider: Rot auf Schwarz. Sein Patch. Nicht Schwarz auf Rot. Passt also wieder.) Diese Zeiten machen mich kaputt. Jetzt macht einer von der Antifa auch noch Verkehrsüberwachung („Eyyyyyyiii Vorbild!“) . Und möchte einen ihm völlig Fremden zu Wohlverhalten erziehen. Weil Ampel rot. Ehrlich, ganz ehrlich, mit Punk hat das nichts mehr zu tun, nichts mehr zu tun mit Punk hat das. Ihr Musterschüler.

Aber das reicht noch nicht. Als es das eine Mal schön dickflockig schneite diesen Januar in Berlin-Prenzlauer Berg und das Kind nach unten rannte und mit dem Nachbarskind eine astreine Schneeballschlacht an den Start brachte, kam einer der nach meinem Dafürhalten immer zahlreicher werdenden Nervenkranken vorbei und schrie: „Verpisst euch ins Haus, ihr Bratzen! Coronaaaaa!“, was ich vom Balkon aus sah. Als ich unten war, um ihm aufs Maul zu hauen um mich bei ihm zu bedanken, weil er mein Kind so schön berlinkoddrig erzieht, war er schon weg. Schade.

Corona. Koller. Sehr. Es ist so. Der Einschluss bekommt ihnen nicht. Immer mehr Leute drehen durch. Oder sie schicken die Gestörten alle nach Prenzlauer Berg, um mich zu ärgern. Verschwörungstheorie? Folgen Sie mir auf Telegram.

Jemand Bock auf was Neues von den Psychos aus dem Internet? Hier:

Alle. Koller. Was ich sage.

Und zum Stand der Belastbarkeit im Diskurs ist auch das hier sehr schön:

Melden. Löschen. Kanzeln. Jeden Scheiß. Nicht vergessen, das sind die Guten.

Bleiben wir beim Thema Weirdos, die Pornhubperversion des Monats ist wieder sehr skurril:

Ein recht gut trainierter Typ kniet vor einem Sofa, auf dem eine Frau bei einem nicht ganz so gut trainierten und darüber hinaus ekelhaft haarigen Typen auf dem Schoß sitzt und rumknutscht. Der gut trainierte Typ vor dem Sofa hat ein aufblasbares Schaf in der Hand und schaut den beiden beim Knutschen zu.

Das geht eine Weile so, bis die Frau kurz Pause vom Knutschen macht und in seine Richtung bellt: Fuck it!

Und der Typ fickt das aufblasbare Schaf. Während die Frau weiterknutscht.

Schwöre. Nein, wirklich. Genau so.

Dann passiert nicht mehr viel. Der Typ ist mit dem Aufblasschaf am Werkeln, währenddessen die Frau immer wieder kurz eine Knutschpause macht und verlangt, dass er in das aufblasbare Schaf kommt, wonach er mit weinerlicher Stimme nölt, dass er nicht kann („I can’t! I can’t!“), wonach sie noch lauter bellt, er möge nun endlich fertig werden.

Irgendwann nach quälenden 15 Minuten kommt er mit einem lauten befreienden Schrei, unmittelbar darauf stehen die Frau und der fette haarige Mann auf und gehen aus dem Raum. Der Aufblasschafficker nimmt sich einen Besen und fegt den Raum.

Film aus.

Keine Ahnung.

Wirklich. Ich kann mir das nicht erklären.

Ich weiß es wirklich nicht.

Aber mit diesem Glanzlicht der Pornofilmkunst endet auch die schöne kleine Serie an abwegigen sexuellen Pornhub-Absonderlichkeiten für den Moment, denn Pornhub hat im Dezember auf Bitten der allgegenwärtigen Calvinisten knapp neun Millionen Clips gelöscht, was das Portal natürlich lame und überflüssig macht.

(sorry, Othmar)

Aber wie das immer so ist: Die Dinge verschwinden nicht, wenn sie unter Druck geraten, sondern verlagern sich, so dass inzwischen der russische Facebookklon vk.com die größte Pornosammlung von allen haben dürfte. Sie finden das Zeug, wenn Sie ganz normal bei Google einfach „vk.com“ plus die Neigung Ihrer Wahl eingeben, und können ohne Registrierung sogar bis zu 25-Minuten-Clips schauen. Nachteile: Für längere Dinger müssen Sie sich einen Zugang legen (aber wer braucht schon eine Stunde, echt mal) und es erscheint jedes Mal ein Nervensackpopup, das man wegklicken muss.

Bitte sehr, da nich‘ für.

Superfrostwettercontent. Draußen ist wieder ein Winter, der keiner ist. Kein Schnee, der länger als eine Stunde liegenbleibt, kein Frost, keine Eispanzer auf den Gehwegen. Was habe ich mich früher noch aufgeregt. Über den schlumpfigen Berliner Winterdienst, der jedes Jahr vom Winter überrascht wird, so dass daraus 2010 sogar ein Motto geworden ist. Muss ich nicht mehr. Mich aufregen. Es ist mild und das ist schön. Nein, ich leugne den Klimawandel nicht, ich begrüße ihn.

Einmal hatten wir es spätabends knapp unter null (also für Klimaapokalypsezeiten echt saukalt) und ich habe mir vor lauter Langeweile und weil sie mir leid taten, wie sie da saßen und froren, für einen Fünfziger Gras im Mauerpark gekauft, das ich gar nicht brauche, weil bei mir eine schöne dekadente Grammzahl rumliegt und aufs Verbuffen wartet. Beim Antesten des Mauerparkzeugs zu ein wenig sommerlichem Dub fiel mir auf: Sie müssen wieder den THC-Gehalt hochgenetisiert haben, denn das Zeug ballert wie blöde. Ich bin nach zwanzig Minuten in ein seltsames Halbkoma gefallen und habe deliriert. Oder es war irgendwas anderes drin. Valium oder so, kein Plan. Insofern, wenn Sie da im Park auch mal aus Langeweile oder Mitleid was kaufen, dosieren Sie vorsichtig. Das Zeug flasht hart inzwischen.

Mal ein altes Zitat in den Raum geworfen:

Es ist wohl eine Binse, dass mit zunehmendem Alter vieles egal wird. Manche meinen sogar, es wäre alles egal irgendwann – in einem Rutsch von Desillusionierung über Gelassenheit zum Nihilismus, die Grenzen sind fließend.

Das habe ich vor über sechs Jahren geschrieben. Da war ich so richtig schön politisiert. Sogar ein wenig empört. Habe zur Demo aufgerufen. Freiheit statt Angst. Gegen den Überwachungsstaat, der mich heute nicht mal mehr in der Erinnerung juckt. Engagement – Desillusionierung – Gelassenheit – Nihilismus in sechs Jahren. Call me Speedy Gonzalez. Das Schlimmste ist jetzt wieder maximal, wenn das Bier alle ist.

Hier, kucke, Immobilienarmageddon, haben Sie ’ne halbe Million übrig? Wie wär’s mit einer Drei-Zimmer-Buchte in Wedding? Viertes O.G. In Gesundbrunnen:

Nochmal: In Gesundbrunnen. Gesundbrunnen! Ge. Sund. Brunnen. Ne halbe Million. Für ’ne Drei-Zimmer-Butze! Dort! Wo Nullerjahre noch niemand geschenkt wohnen wollte. Bitte? Wer die verbockt hat? Die Immomonsterblase? Der Senat natürlich. Schlumpf-o-rama die letzten zwanzig Jahre, in denen komplett die SPD verantwortlich regiert hat. Mit dem regierenden Oberschlumpf ganz oben. Die waren das. Damit das ganz klar ist: Die SPD war das. (und ich hab‘ die mal gewählt, und ja, ich hasse mich dafür …)

Alkoholcontent. Gesoffen habe ich, weil ich meine Scheißbude einfach nicht mehr sehen kann, fett mit neuseeländischem Lammfell eingemummelt auf einer Bank in einem selbst für Berliner Zustände außergewöhnlich verwahrlosten Park mit dem bekloppten Namen „Kurze Straße Park“ neben einem Pflegeheim. Müsste schon knapp Pankow gewesen sein. Saß ich da. Musik im Ohr. Whisky. Pringels. Und bissken was zu buffen. Nebenan zwei Bänke weiter ein paar Kinderkiffer. Wie ich im Lockdownfreizeitvergnügen. Und wir hatten eine Zerstreuungseinlage: Punkt 20 Uhr trat ein Pflegebewohner auf den Balkon und brüllte seine Abrechnung mit dem Coronaregime in den Abend. Ein Style wie Goebbels im Sportpalast. Nur nicht so einschläfernd. Ich habe sogar die Musik ausgemacht, um mir seinen geifernden Hass gegen Drosten, Wieler und was weiß ich wie die alle heißen reinzubollern. Kriminelle Bande. Knastwärter. Diktatoren. Und mehr tolle Sachen. Und nix passierte. Keine Revolution. Nur die Nachbarin trat auf den Balkon, sah zu ihm rüber, schüttelte den Kopf und ging wieder rein. War ja Tagesschauzeit.

Hallo Sportfreunde. Weil ich im allgemeinen Einschluss einmal, nur einmal, konstruktiv sein möchte (bleibt ’ne Ausnahme, schwöre), habe ich hier einen Sporttipp für Sie: Ich mache seit drei Monaten, seit sie mein Studio zugesperrt haben, diese Übungen hier. Weil fett und schlaff werden im Lockdown keine Option ist. Das hätten sie wohl gerne, aber das wird nicht passieren. Ein paar von den Übungen sind sehr lahm, die müssen Sie mit stärkeren Gewichten pimpen, sonst bringt das nix. Aber der Umfang des Trainings passt. Darauf lässt sich aufbauen.

Sowieso läuft es sportlich wieder besser. Dank der Laufrunden, die nach der kurzen Verletzung endlich wieder auf je 20-25 Kilometer (hallo Lübars) angewachsen sind, gekoppelt mit einem Ernährungsnaziplan aus der Gesundheitshölle habe ich die fünf Kilo Übergewicht vom Dezember in einem Monat komplett in den Orkus befördert. Palim Palim. Der Asoziale hat jetzt wieder Norm-BMI. Sehen Sie es mir nach. Es ist mein erster Erfolg bei irgendwas seit Monaten außer dem vehementen Grasverdampfen in Rekordgrammzahlen. Der Norm-BMI. Endlich wieder. Da können mir Bodyfettaktivisten erzählen was sie wollen. Der Norm-BMI macht mich glücklich. Und zufrieden. Kann ich auch nix für.

Themenbreak.

Mir kommt immer häufiger der Name Gunnar Kaiser unter. Lehrer. Philosoph. Bart. Brille. Nicht ganz so schöne Zähne. Als bisher wenig beachteter Youtuber konnte der seit Corona seine Reichweite vervielfachen und erreicht jetzt auch Teile meines Umfelds. Diejenigen, die mit den Zuständen nicht ganz einverstanden sind, fahren derzeit sehr auf Gunnar Kaiser ab. Sind begeistert. Nach langer Zeit wieder euphorisch. Seit Kaiser von irgendeiner FDP-Stiftung gekanzelt wurde, werden mir sogar wöchentlich irgendwelche Posts, Videos und Kalendersprüche von ihm in den Messenger gedrückt.

Und ich habe mir das angeschaut. Nicht alles. Aber ein paar seiner Clips. Ja. Warme Stimme. Ja, er streichelt die Seelen, die derzeit von den regierenden Autoritären und ihren dauerfeuernden Bataillonen wirklich arg strapaziert werden. Ja, er ist libertär. Ein doch radikaler Freiheitsmann. Was mir grundsätzlich, wenn auch nicht unbegrenzt, entgegen kommt, mag ich doch die Freien instinktiv lieber als die Gängler, die Moralisierer, die penetranten Böhmermänner, die ich in ihrem selbstgerechten Habitus und ihrer perversen Lust am Erziehen nicht mehr sehen kann, ohne sie nach fünf Sekunden abzuschalten, weil sie mir Kopfschmerzen verursachen.

Reden kann Kaiser sehr gut. Rhetorisch geschliffen ist er, dem das Kunststück gelingt, mit ruhiger Stimme meine Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum zu halten, was den Krakeelern egal aus welcher Ecke schon lange nicht mehr gelingt.

Doch genau das Einfangen, irgendwie Einlullen macht mich misstrauisch. Auch weil das, was er streut, recht schnell auf kostenpflichtige Premiuminhalte hinausläuft. Selfmarketing bis ins klar Eitle beinhaltet. Wenn einmal zu oft der selbstgeschriebene Roman ins Bild gehalten wird. Und so offensiv wie ausufernd gleich vier Plattformen zum Geldgeben bemüht werden. Das nervt mich, dann gehe ich instinktiv auf Abstand, denn am Ende landen wir doch wieder beim Geld. Bücher. Premiumcontent. Steady. Patreon. Paypal. Youtubewerbeeinnahmen. Alles da. Das riecht ein wenig nach Guru. Seligmacher. Heilsbringer. Und dem Versuch, aus der vorübergehenden Popularität, so lange die Milch fließt, ein Auskommen mit dem Geld der eigenen Anhänger herauszuholen. Nennen Sie mich da gerne naiv, aber ich mag es nicht, wenn Leute mit dem Aufhänger, dass es ihnen um die Sache geht, von mir Geld wollen. Ich bin da eigen: Entweder Sache oder Geld. Beides passt nicht. Es stört einfach. Wie ein Kieselstein im Laufschuh. Kriegt dann Schlagseite und ich schalte eher weg als ein.

Herrn Kaiser muss ich aber zugestehen, dass er wie Reitschuster eine Lücke füllt. Einfach indem er wärmt. In einer Zeit, in der die Mehrheitsgesellschaft eiskalt, technokratisch, abweisend und feindlich wie nie geworden ist, streichelt er mit Worten. Das ist selten im Moment und deshalb wohl auch so erfolgreich. Menschen fühlen sich lieber gemocht als gemobbt. Das ist ein großes Pfund dieser Tage. Und wieder ein Vakuum, das einer ausfüllt.

Die Coronapleiten werden jetzt im Januar mehr. Auch wenn Sie die Augen offen halten und gut suchen müssen, um davon zu erfahren. Friseurketten. Steakhausketten. Modeketten. Bei mir um die Ecke ein Fischrestaurant, ein Italiener, ein Schuhladen, Fotoladen, noch einmal zwei Cafés, ein Hostel (gut, dessen in Hauseingänge kotzendes Easyjetidiotenpublikum vermisse ich nun wirklich nicht). Oben Wisbyer ein Laden für Gardinen. Auch die Prenzlauer Allee runter werden die packpapierverklebten Schaufenster mehr. Langsam, sicher, nicht sofort merklich, Hausnummer für Hausnummer, aber doch. Rollt sie an, die Kiste. Krisenkiste. Was klar war.

Das einzig Schöne daran wird sein, dass es der Söder sein wird, der das ausbaden darf. Auslöffeln darf. Die Mehlsuppe. Und weil der ein Mann ist, werden sie vielleicht auch in der Hauptstadt wieder abseits von rechts damit beginnen, die Regierung für das, was sie tut, zu grillen. Da freu‘ ich mich drauf, ehrlich. Diese Zeit gerade, in der Rechts das Enfant Terrible und Links den Musterschüler gibt, is‘ nix für mich. Ist schwer zu ertragen.

So. Kurze Pause von meinem überflüssigen Sermon. Hier meine Lesezeichen, schauen Sie doch mal woanders:

5124.GreyKey (via El Flojo)

Werde auch du nun ein besserer Bürger!

it’s just a date (via)

Anhalten

Die Unordentliche

Es sah aus, als wäre ich die halbe Nacht mit vollgeschissenem Hintern durchs Bett gerobbt. (geh‘ aus dem Kopf, Bild, geh‘ aus dem Kopf)

Die irren Machthaber von der Spree

Die Einschwörungs-Theoretikerin

Schwöre.

Der Weltmeister: Auf der Empore der Selbstgefälligkeit

So viel zur Selbstwahrnehmung des Landes. Und ich denke immer, dass ich der einzige Blöde bin, der denkt, dass Fremd- und Selbstwahrnehmung der ganzen Führungsnullen so krass auseinandergehen. Aber nee. Ist nicht so. Und trotzdem würden sie einen wie den Millionenvillamann im Moment zum Kanzler wählen, wenn sie könnten. Die Deutschen.

Zwiespältiges:

Puffs haben zu, aber es gibt ja Penny

Ja, stimmt schon. Ist arg klebrig, die Nummer. Aber die alten Nullerjahredokus sind geil.

Dann hat die Kanzel im Januar wieder einen der Ihren gekanzelt: Sonneborn. Und da kniet er jetzt. 25 Jahre anerkannt aufrecht-kritische Opposition, dann ein zugegeben semiwitziges Ding und jetzt Rassist. Bam. Label. Fucker. Never mind the Pomobubble.

Diese Blase, die gezielt ihre erfolgreichsten Mitstreiter ausknipst, braucht im Prinzip keinen politischen Gegner mehr, denn das sind sie selbst. Sie marginalisieren sich mit allen möglichen Petitessen gegenseitig, während die andere Seite die grundlegenden Dinge unter Beschuss nimmt und unter allen Radaren stärker und stärker wird, ohne dass das irgendwer auf dem Hirschplatz mitbekommt. Fahrlässig, das, aber sagen Sie das denen mal, da rasten die aus.

Enttäuschend ist der Semsrott, den ich 2013 auf der Bühne als Depressivkabarettisten (auf Kosten von Leuten wie mir, aber das geht klar) noch sehr gut fand. Schwache Performance 2021. Handtuch schmeißen, twitterwirksam nachtreten, sich den billigen Applaus der Wokenessschickeria abholen und dann doch das satt gepolsterte Mandat behalten. Schade um ihn. Braucht niemand mehr. Wer den orthodoxen Moralismus will, für den der jetzt steht, kann auch gleich Baerbock wählen. Just saying‘. Ich Nichtwähler.

Buchstabensuppe dazu: Bei der Satirepartei ist Schluss mit Lustig. Woke reimt sich wirklich auf Broke. Kein Witz.

Zuletzt hat der Danisch wieder einen spitzen Kiffertext rausgehauen: Corona und die Schimmelpilze. Ich hing völlig dicht auf dem Sofa und dann dieses Ding. Und wie immer so ernst, dass es auch politisches Kabarett sein könnte. Ich konnte nicht mehr an mich halten. Ich bin geplatzt. Es muss eine halbe Stunde gewesen sein, die ich durchgegackert habe. Ich mag Drogen. Sie machen alles so schön. Auch bierernste Schimmelpilztexte.

(lesen Sie das Ding nicht nüchtern, führt zu nix…)

Glotzecontent. Netflixempfehlung des Monats: American Horror Stories 9 – die 80er-Version. Großartig. Jede Sekunde genossen. Und sie kommen endlich mal ohne woken Shit aus (den gab’s damals ja auch noch nicht).

Netflixscheißdreck des Monats ist ein vollkommen überflüssiger Film aus dem Jahr 2011 namens Immortals – Krieg der Götter. Wenn ich bei einem Film, der sich in seinem Pathos und aufgesetztem Heldenschrott selber fürchterlich ernst nimmt, dauernd lachen muss, weil das alles so bescheuert, kreuzdämlich und mich völlig verblödend ist, dann war das völlig umsonst verkackte Lebenszeit. Und da haben wir noch gar nicht über die lächerlichen Kulissen, das billige CGI und den absurden Mickey Rourke mit seinem Botoxgesicht gesprochen. Was? Die Handlung? Ach komm, lassen wir es…

Als es noch Kinos gab, war der Film sogar recht erfolgreich. Mir unverständlich.

Bitte noch was positives, Onkel Mark. Büdde büdde. Okay, hier noch ein Kurzfilm: Tribes

Musik. Ich habe gesehen, dass es eine Hommage über die mich sehr faszinierende Christa Päffgen frei auf Youtube gibt: Nico / Icon. Natürlich ein Minderheitenfilm. Über eine abseitige Frau, die abseitige Minderheitenmusik gemacht hat, die mir gefällt und die mich gleichzeitig abstößt. Sie selbst hat sich einfach mal vom erfolgreichen Model zum Heroinwrack und Gothicidol runtergerockt, um Inspiration für Martin Gore und Bands wie Joy Division zu werden. Die Plattenfirma bewarb eine ihrer Platten mit „Warum Selbstmord machen, wenn Sie diese Platte kaufen können?“ und das an sich ist schon einmal großartig. Parental Advisory: Hören Sie das nicht, das dürfte wirklich nichts für Sie, sondern nur für abgefuckt morbide Gestalten wie mich sein, ehrlich, ich meine es nur gut.

Nico, die eigentlich alle Voraussetzungen für jeden karrieremäßigen Erfolg mitgebracht hat, hat sich stattdessen selbst abgewrackt. Mit Vorsatz. In aller Konsequenz. Und Anlauf. Kompromisslos bis zuletzt. Das hat mich immer fasziniert, auch wenn ich es selbst bis jetzt nie bis dorthin getrieben habe, sondern immer nur bis kurz vor den Punkt, an dem das Umkehren zu schwer wird. Umso mehr bewundere ich Nicos vorsätzliches, doch lustvolles Selbstzerstören. Das kann nicht einfach gewesen sein.

Nico höre ich im Moment während des Laufsports, auch wenn das auf den ersten Blick nicht passen mag. Möglich, dass ich vor Nico weg laufe. Um nicht zu werden wie sie zuletzt. Ein Wrack. Schlechte Zähne. Fiese Haut. Übergewichtig. Ich renne vielleicht, weil ich die Veranlagung dazu habe, doch noch genau so zu werden.

Das müssen Sie nicht verstehen, das alles, falls Sie überhaupt bis hierher durchgehalten haben in der Hoffnung, irgendwas über Taylor Swift, Sia, Miley Cyrus oder Alan Walker zu lesen. Nix. Nur Minderheitengedanken, Höhlenpositionen, zu düster, um sie zu mögen, oder zu verstehen, ich verstehe mich ja oft selber auch nicht. Ich mag ja auch die Bipolar Sounds 2020 Compilation meines Lieblingslabels Manic Depression Records. Nochmal: Nix für Sie, Sie Sonnenschein. Ehrlich, ich meine es nur gut.

Noch mehr Musik, heuer für die Rentner: Eric Clapton ist jetzt Nadsi. Wegen, weil, Dings, er ist Lockdownleugner. Buuuuuh!

Und zum Schluss des Musikreigens der absolute Absturz. Unheilig haben ein altes Ding nochmal aufgewärmt. Schlimm. Was die da machen ist jetzt endgültig Schlagerparade und ich sehe im Rhythmus klatschende Omas auf ihren Sitzen in einer Show sitzen, die von diesem Silbereisen moderiert wird. Unheilig ist schlimme Musik, die ganz schlimm unironisch daherkommt. Und ich kann das nicht hören ohne mich zu gruseln. Früher war das mal Gothic für Arme, jetzt ist das Flippers für Arme.

Dann noch ganz zuletzt wieder Foodcontent. Die Restaurants haben immer noch zu und sterben still, deswegen koche ich viel selbst. Hier, zwei Dumme – ein Gedanke. Der Chris hat den Blumenkohl in Chilibutter gekocht. Lustig. Ich auch. Fruchtig-scharf wie Hulle und deshalb für jene, die ich üblicherweise (momentan illegal) zu Tisch bitte, nicht mehrheitsfähig, aber sehr gut, wirklich sehr gut.

Die Gewürze dafür bekommen Sie im türkischen Supermarkt, wenn Sie so etwas nicht im Internet bestellen wollen.

Was? Crappy Nullerjahre-Essenfotos für altbackene Facebookstreams von Oma und Opa Kowalke? Immer noch? Echt jetzt? Okay, kann ich auch, hier, eat this:

Ja, aufgefressenes Blech mit Resten von Hirn Blumenkohl. Ugly Food Pictures. Sie kennen mich.

Das war schon wieder der Januar. Mehr war nicht. Reicht ja auch.